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Veröffentlicht: 09.05.2017, 12:50 Uhr

Neues von der „re:publica“ Der Troll, mein Freund und Helfer

Nostalgie, Resignation, Entrüstung: Neben Datenschutz und Netzneutralität kommen auf der re:publica auch die Gemütslagen nicht zu kurz. Was hat das mit der digitalen Gesellschaft zu tun?

von Anna Gyapjas
© EPA Wo ist oben, wo ist unten: Ein Besucher der re:publica schaut ins Digitale.

Der Duft von frischgebackenem Apfelstrudel, der Klang einer Fiedel, die klebrige Süße des Traubenmosts - häufig brauchen unsere Sinne nur einen subtilen Anreiz, um uns auf Zeitreise zu schicken, in Omas Küche, ins Ferienlager, in Opas Weinkeller. Besser besagt, brauchten. Heutzutage geht es auch aufdringlicher: „On This Day“ heißt das Modul, mit dem Facebook seine Nutzer seit zwei Jahren zur Nostalgie nötigt. Dabei taucht eine Aktivität aus der Vergangenheit in der Timeline auf: ein Vermerk auf einem Gruppenfoto, ein geänderter Beziehungsstatus - Kopfkino auf Knopfdruck.

Nicht so für Christine Larivière. Wenn Facebook ihr etwas Neues zum Schwelgen liefert, freut sie sich nicht nur; sie teilt die „wiederentdeckte“ Erinnerung auch häufig. Selbstgefälliges Ausschlachten des eigenen Werdegangs? Mitnichten, wenn man der Argumentation von Larivière folgt. Knapp dreißig Konferenzbesucher tun das, auf Plastikstühlen sitzend, den Oberkörper nach vorne gekrümmt. Über den Lärm in der Haupthalle hinweg versucht sie, ihre Thesen zu Nostalgie in Zeiten von Social Media vorzutragen. Dabei stützt sich die Kommunikationsmanagerin mit ausgeprägtem Interesse für Themen der Psychologie und Philosophie unter anderem auf die „Terror Management Theory“.

Mit Nostalgie durchs Leben

Ihr zufolge hält man mit Nostalgie Todesängste in Schach. Tests zeigen, dass sogenannte „high nostalgics“, also Menschen, die oft und gerne an zurückliegende Ereignisse denken, sich weniger aus der Ruhe bringen lassen von Bildern, die ihre eigene Sterblichkeit vor Augen führen. Die Referentin, die sich selbst zu dieser Gruppe zählt, kennt die Qualitäten dieser Gefühlslage: „Nostalgisch zu werden ist meine Art, mit meiner Existenz abzurechnen. Es geht um die Kontinuität von Identität; um das Gefühl, die Essenz der eigenen Persönlichkeit zu erahnen.“ Sei es anhand vergilbter Zeichnungen aus Kindertagen oder veralteter Likes: An angenehme Ereignisse der Vergangenheit zu denken verursacht angenehme Gefühle - offline wie online.

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Bei so viel positiver Sinnstiftung sei es wenig überraschend, dass Netzwerkanbieter wie Facebook bei ihrer Produktentwicklung auf Nostalgie setzen: Angebote wie „On This Day“ dienen dazu, dass sich die Nutzer im digitalen Umfeld wohlfühlen, dableiben und „Klicks generieren“, wie es in der Sprache der Online-Services heißt. Für spannend häl Larivière den Umstand, dass inzwischen Algorithmen die Erinnerung und somit die Empfindung nostalgischer Gefühle füttern. Eine beunruhigende Entwicklung? Sie verneint: „Wir neigen doch selbst dazu, unser Gedächtnis mit möglichst positiven Erinnerungen zu kuratieren.“ Den Verweis auf eine dystopische Szene aus der Fernsehserie „Black Mirror“ kann sie sich dann aber doch nicht verkneifen. Darin ist ein Ehepaar im Bett zu sehen. Die beiden tragen VR-Brillen. Auf die schwarzen Gläser lassen sie sich die längst vergangenen Momente gemeinsamen Glückes projizieren.

War früher alles besser?

War früher alles besser? Das fragen sich auch die Juristen Jan Möller und Martin Schallbruch. Man musste früher schließlich nicht auf die eigenen Daten aufpassen, nicht ständig Passwörter ändern, keine Ports konfigurieren - oder überhaupt erst einmal lernen, was ein Port war; keine Updates erwägen. Die Liste ist lang, die dafür spricht, das damals zumindest alles einfacher war. Den smarten Helferlein sei Dank wird der digitale Alltag nun immer komplizierter. Überblick? Fehlanzeige.

46288382 © Imago Vergrößern Motto in Tüten: Auf der re:publica geht es allerdings nicht immer um „Love out loud“.

Damit die Nutzer die Vorteile der Vernetzung nicht mit Kontrollverlust bezahlen, sind die beiden Herren angerückt - und das kann man ruhig so verstehen. In einer Art von Rollenspiel debattieren sie bei ihrem Auftritt auf der Republica drei Ansätze, die digitale Selbstbestimmung erleichtern sollen. Dabei spielen sie sich die Pro- und Kontra-Argumente so konsequent zu, dass der anfangs aufkommende Eindruck von Erklärbären bald verfliegt.

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