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Neues von der „re:publica“ : Der Troll, mein Freund und Helfer

  • -Aktualisiert am

„Komplexität ignorieren?“ So lautet der erste Ansatz. Statt die lernunwilligen Digitalbürger und Digitalbürgerinnen als ignorant zu diffamieren, wird erwogen, ob nicht der Staat für die Netzwerksicherheit sorgen soll. Was daraus resultierte, zeigt Schallbruch - der unter anderem die Abteilung für Informationstechnik, Digitale Gesellschaft und Cybersicherheit im Bundesinnenministerium leitete - mit einem nicht weniger komplizierten Diagramm, das die Konsequenzen auflistet: Haftung für Hersteller, Schutzpflichten für Provider, Gefährdungshaftung, Warnpflichten. Die Klärung der Sachlage scheitert, sobald man einsieht, dass sich die digitale Gesellschaft sich nationalstaatlich definieren lässt: „World Wide Laws“ fehlen schließlich. Und man wird sich wohl nie auf welche einigen können.

Sollen wir den Plattformen vertrauen?

Also Ansatz zwei, „Anbietern und Plattformen vertrauen: Geht das einfach so?“ Die Frage wirkt zunächst rhetorisch. Tatsächlich aber ergeben sich daraus weitere, deren Stellenwert nur jeder persönlich bemessen kann. „Meinungsvielfalt und Filterblase: Was entgeht mir, mit nur wenigen Anbietern?“. Auch der Hinweis auf Interessenskonflikte und Businessmodelle mag nicht jeden sonderlich bewegen - wen interessiert es schon, ob ich Kunde oder Produkt des Anbieters bin, solange ich den Service nutzen kann! Das wäre ein denkbarer, wenngleich kurzgedachter Einwand.

Alle Konzerne sind schon da: Auch Google ist auf der Konferenz raumgreifend vertreten.
Alle Konzerne sind schon da: Auch Google ist auf der Konferenz raumgreifend vertreten. : Bild: EPA

Außerdem wären da noch die Problemkomplexe Datenschutz und informelle Selbstbestimmung - also kommen Schallbruch und Möller auf Ansatz drei: der Idee vom „Digital Angel“. Das wäre quasi ein Schutzengel im Netz, der dort im Interesse der Kunden Daten sichern und Accounts schützen würde, sie über Hacks informieren könnte und mehr. Das Logo prangt schon auf der Folie der Präsentation. Wenn wir, so fragt Schallbruch, Banken und Versicherungen sensible Daten anvertrauen, warum dann nicht auch im Bereich Digitalisierung? Das auf Misstrauen geeichte Publikum ist erst einmal sprachlos. Schließlich meldet sich ein junger Mann, der angibt, seine Ports immer noch lieber selbst zu konfigurieren. Den Strukturen im Netz will er sich nicht ergeben.

„Trolle im Datenfeuer“

Anders hält es der Medienwissenschaftler Luca Hammer, der kurze Zeit später „Mit den Trollen ums Datenfeuer“ tanzt. Seit vergangenem September beschäftigt er sich mit „Sifftwitter“, also mit jenen Kommunikationsfeldern von Twitter, auf denen morbide Späßchen, Beleidigungen und Unangenehmeres die Überhand gewinnen. Statt sich empört abzuwenden hat er die Netzwerke und Interaktionen von „Trolls“ mehrfach unter die Lupe genommen und visualisiert. Herausgekommen ist ein ethnografisch anmutender Republica-Vortrag über Wesen und Taktik der „Troll-Community“.

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Lektion 1: „Trolle“ haben eine Haltung. Von den zirka Tausend Accounts, deren Betreiber es auf den regelmäßigen Regelverstoß im Netz abgesehen haben, verortet Hammer den Großteil politisch eher links als rechts, tatsächlich wiesen sich viele Betreiber als eingefleischte Marxisten aus. Beliebte Schlagworte sind unter anderem „Ehrenmann“, „ehrenlos“, „Stalin“ und „Gulag“. Nur wer nicht genauer hinsieht, hält ihre Verbalattacken für sinnfreies Gehasse. Tatsächlich schätzt Hammer die „Trolle“ trotz Pseudonym als mindestens genauso authentisch ein, wie die friedlicheren Twitternden. „Trolle“ stören sich an vielem, und dazu stehen sie auch, angefangen bei den „almans“ (türkisch: Deutsch). Mit diesem Wort bezeichnen sie die regeltreuen, vermeintlichen Spießer, denen sie Kapitalismus und Heuchelei vorwerfen und deren Vorschriften sie kritisieren.

Lektion 2: „Trolle“ haben einen stilistischen Anspruch: Wie können wir Spaß haben? So laute die zentrale Frage dieser Community. Als Marktschreier der Aufmerksamkeitsökonomie haben sie es auf Schock und Provokation abgesehen, allzu plump solle ein Angriff allerdings trotzdem nicht daherkommen. Humoristisch, teils ironisch verpackt, das scheint der Mindeststandard zu sein. Morddrohungen gehen aber auch. Allerdings verringert das die Überlebenschancen eines „Sifftwitter“-Accounts. Immerhin gehe es den „Trollen“ darum, mit der massenhaften Verbreitung von Hashtags Land zu gewinnen, Sifftwitterland. Als rechtschaffender „alman“ kann man es nur falsch machen: Jedwede Reaktion bestätige diese Menschen in ihrem Gehabe - wer sie blockiert, überreicht ihnen quasi eine Trophäe. Deswegen rät Luca Hammer dazu, sie einfach zu ignorieren, Solidarität mit ihren Opfern zu zeigen - oder sie einfach zu melden. Aktion statt Reaktion.

Quelle: FAZ.NET

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