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Veröffentlicht: 10.10.2007, 16:51 Uhr

Rausschmiss bei Kerner Wie Eva Herman den Fernsehtod starb

Eva Hermans Auftritt bei Johannes B. Kerner endete in einem Eklat: Der Talkmaster verwies die Skandalautorin des Studios. Es war ein fragwürdiger Triumph über eine angeschlagene Gegnerin, die sich mit jedem Satz in der Sendung weiter schwächte. Ein Kommentar von Jörg Thomann.

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© dpa Der Abgang: Herman räumt ihren Sessel, Mario Barth rückt auf

Das Fernsehen liebt Skandale, und es liebt die reuigen Sünder. Wer einmal ausgeschlossen wurde aus der großen, sich harmonisch gebenden Fernsehfamilie, weil er sich öffentlich um Kopf und Kragen geredet oder durch private Eskapaden diskreditiert hatte, der darf damit rechnen, nach einer gewissen Schamfrist wieder in die Arme geschlossen zu werden: Egal wie groß das Vergehen war, niemand bleibt auf Dauer ausgegrenzt, denn er hat schließlich eine Geschichte zu erzählen. Und eine gute Story lassen sich die Medien und besonders das Fernsehen auf keinen Fall entgehen.

Jörg Thomann Folgen:

So war nur einen Monat, nachdem sie wegen umstrittener Sätze zur Familienpolitik im Dritten Reich von ihrem Arbeitgeber, dem Norddeutschen Rundfunk, entlassen worden war, auch Eva Herman der Weg zurück in die oberflächlich heile Medienwelt geebnet worden. Die „Bild“-Zeitung, wo man genau weiß, dass zur eigenen Leserschaft eben nicht jene überzeugten Feministinnen zählen, gegen die Herman mit ihren Werken zu Felde zieht, war der Buchautorin und ehemaligen Moderatorin frühzeitig entgegengekommen; am gestrigen Dienstag hatte das Blatt Herman mit der Titelschlagzeile geehrt, sie sei bei ihrem Auftritt beim „Forum Deutscher Katholiken“ (einer „papst- und kirchentreuen“ Plattform) bejubelt und gefeiert worden. Am Abend desselben Tages sollte sie zu Gast bei Johannes B. Kerner sein, wo sich traditionsgemäß die Mühseligen und Beladenen versammeln. Kerner hatte Herman schon Tage nach dem Skandal eingeladen, war jedoch von seinem Sender zurückgepfiffen worden: „Wir als Redaktion akzeptieren die Entscheidung des ZDF“, hatte Kerner damals gesagt. Nun akzeptierte das ZDF die seine. Doch der Abend, der die Rückkehr der verlorenen Tochter in die Fernsehgemeinde hätte besiegeln können, endete in einem Eklat, der nicht geplant war. Jedenfalls nicht von Eva Herman.

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Schaulaufen für den Fernsehpreis

Zwei- bis dreimal im Jahr will der als Moderator meist zahnlose Johannes B. Kerner unbedingt demonstrieren, dass er auch kraftvoll zubeißen kann. Es sind solche Sendungen, bei denen er weiß, dass sich nicht nur sein Stammpublikum in den Schlaf säuseln lassen möchte, sondern - wie etwa bei seinem Fernsehtribunal gegen den betrügerischen Schiedsrichter Hoyzer - sich weit wachere Augen auf ihn richten. Dann zeigt sich Kerner so investigativ und kämpferisch wie bei einem Schaulaufen für die Juroren des Deutschen Fernsehpreises. Eva Herman hätte also gewarnt sein müssen, auch beim Blick auf die weitere Gästeliste. Neben dem als harmlos einzustufenden Komiker Mario Barth stand dort Margerethe Schreinemakers, die Herman schon öffentlich kritisiert hatte, die als frauenbewegt bekannte Senta Berger sowie der Historiker und NS-Experte Wolfgang Wippermann. Einer solchen Übermacht zeigte sich Herman, obzwar selbst ein Medienprofi, intellektuell und emotional nicht gewachsen.

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Glosse

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