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Rapper Denis Cuspert : In Allahs Gang

Im syrischen Bürgerkrieg

Doch wieder gab es keinen Hinweis auf einen Aufenthaltsort. Der kam erst am 14. August, mit einem Video auf der Dschihadisten-Website „Sham Center“: Es nennt sich „Dokumentation über Abu Talha al-Almani“, ist aber eher eine Art Trailer, der wohl wie bei einer Kinovorschau Appetit auf mehr machen soll. Die Anfangssequenzen visualisieren in Schwarzweiß und cooler Hiphop-Ästhetik Cusperts kriminelle Vergangenheit, dann seine Hinwendung zum Islam, danach ist plötzlich alles in Farbe, und man sieht Cuspert mit militärischer Schutzweste nachdenklich und müde an einem Wasserfall sitzen, als sei er gerade wie die Venus aus dem Teich aufgetaucht. Dann streckt er die Hände in das Nass und spritzt damit fröhlich und lachend wie ein kleiner Junge herum.

Er ruft, er sei jetzt auf dem „Boden der Ehre“. Dann ruft er auf zum Dschihad in Syrien, während im Hintergrund Schüsse knallen - mehr als 206000 Klicks zählt der Clip bisher. Noch mehr Aufmerksamkeit erregte jedoch die Nachricht, die am 9. September in einem arabischsprachigen Internetforum auftauchte: Abu Talha al-Almani, der an der Seite der Aufständischen gegen die Regierung Assads kämpfe, sei tot, hieß es da. „Millatu Ibrahim“, die Gruppe, die Cuspert vor seinem Abtauchen zusammen mit dem österreichischen Dschihad-Prediger Mohammed Mahmoud gegründet hat, dementierte noch am selben Tag: Cuspert sei lediglich bei einem Luftangriff verletzt worden, teilte sie mit.

Kampfname Abu Talba al-Almani: Denis Cuspert

Schwer zu sagen, wo die Wahrheit liegt. Gut möglich, dass mit der Geschichte nur die Aufmerksamkeitsspanne erhöht werden soll. Dass Cuspert tatsächlich in Syrien seinen Heiligen Krieg kämpft, halten deutsche Sicherheitsbehörden für wahrscheinlich. Etwa 200 deutsche Islamisten sollen sich inzwischen dort aufhalten, acht sollen bis Ende vergangener Woche ums Leben gekommen sein. „Vielleicht hat der Denis in Syrien ja auch nur eine Darmgrippe“, sagt Murat. Die anderen jungen Männer lachen.

Zerrüttete Verhältnisse

Sicher ist, dass Denis Mamadou Gerhard Cuspert 1975 in Berlin-Kreuzberg geboren wurde und in Charlottenburg, Moabit und Schöneberg aufwuchs. Sein Vater verließ die Familie, als Denis noch ein Kleinkind war. Sein Stiefvater, ein Amerikaner und Angehöriger des amerikanischen Militärs, arbeitete in derselben Division wie Mr. Taylor, der afroamerikanische Vater des einige Jahre jüngeren Charnell. Die Männer waren befreundet, die Jungs wuchsen gemeinsam auf. Eine behütete Jugend war es aber nicht, sondern eine, in der die Eltern ständig überfordert waren und es eine Mutter gab, die behauptete, ihre im Haus von der Polizei gefundenen Drogen gehörten dem eigenen Sohn. Wenn sie keine Lust auf Denis hatte, warf sie den Sohn einfach aus der Wohnung. „Er hat das immer als coole Nummer verkauft und mich dazu gebracht, ebenfalls nicht nach Hause zu gehen - oft wochenlang“, sagt Charnell. „Denis war immer ein Verrückter, immer am Machen, am Tun, nie der Typ, der rumsitzt und kifft oder Playstation spielt. Ich habe ihn eine Zeitlang bewundert für seine Radikalität.“

Die beiden Jungs treiben sich auf der Straße rum. Zwei, die Außenseiter sind wegen ihrer dunklen Hautfarbe und deshalb erst recht dazugehören wollen: zu den von Türken und Arabern dominierten Jugend-Gangs, die es in den West-Berliner Bezirken gibt. Cuspert nennt sich erst Darkness D., dann fällt ihm der Name Deso ein - Deso steht für „Devil Son“. Es ist eine Welt der Abgründe, und Denis und Charnell springen gemeinsam. Was sie erleben, in den achtziger Jahren, hat rein gar nichts zu tun hat mit jenem glamourösen David-Bowie-Kosmos, der sich zur gleichen Zeit und in denselben West-Berliner Bezirken feierte. Charnell sagt: „Denis habe ich als großen Bruder angesehen, anderen erzählte ich, er sei mein Cousin. Ich war sein ,Baby-Gangster‘, sein Lehrling auf der Straße, wenn man so will, und er mein Meister. Wir liebten alles, was gegen das Gesetz verstößt.“ Charnell ist etwa elf Jahre alt, als Denis vor seinen Augen einen Mann niedersticht. Er kommt in den Knast, erzählt aber den anderen, er ginge für ein Jahr nach Afrika. Charnell sagt: „Sein Vater kam ja daher, also haben wir es ihm irgendwie geglaubt.“

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