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Aktualisiert: 02.12.2014, 11:08 Uhr

Königin Rania von Jordanien Den IS muss man philosophisch besiegen

Jordaniens Königin Rania hat die arabische Welt in einer vielbeachteten Rede zu einer vollständigen Demokratisierung und einer Bildungsoffensive aufgerufen. Ohne Entwicklung würde die arabische Welt von Extremisten zerstört.

von Katajun Amirpur
© AP Jordaniens Königin Rania auf einer Konferenz in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Immer mehr Menschen im Westen identifizieren die arabische Welt vor allem mit Terror und radikalem Islam. Sie übersehen dabei oft, dass die Araber selbst die größten Opfer dieses Terrors sind. Auch ist es keineswegs so, dass Islamisten weltweit an Zulauf gewinnen würden. Massenkundgebungen, die es für Demokratie oder gegen soziale Notstände in den letzten Jahren in der islamischen Welt immer wieder gab, bringen die Islamisten so gut wie nie zustande. Wahlen gewinnen sie meist nur einmal, beim nächsten Mal werden sie wieder abgewählt. So unterschiedlich der Arabische Frühling in Tunesien und Ägypten auch verlaufen ist, haben doch die Islamisten in beiden Ländern dramatisch an Zustimmung verloren. Blickt man über die arabische Welt hinaus, etwa nach Iran oder Indonesien, so haben dezidiert fundamentalistische Kandidaten die letzten Wahlen durchweg verloren.

Allerdings gab es über die eigenen Versäumnisse, die den Terroristen die Deutungshoheit bescherten, lange keine ehrliche Debatte. Das könnte sich nun ändern: durch die IS-Katastrophe. Nur eines von vielen Beispielen für den Beginn einer selbstkritischen Debatte ist die Rede Ranias, der Königin von Jordanien, vergangene Woche beim Mediengipfel in Abu Dhabi. Es ist dies eine renommierte Tagung in der Hauptstadt der ebenso ölreichen wie konservativen Vereinigten Arabischen Emirate, auf der sich vor allem arabische Großindustrielle treffen. Vor Königin Rania eröffneten Robert Murdoch und Bill Gates in den letzten Jahren den Gipfel.

Die arabische Identität gekidnappt

Rania beschrieb den Schaden, den der IS anrichtet - und zwar nicht nur in Syrien und im Irak. Der Königin ging es auch um den Schaden für die gesamte arabische Welt. Der IS habe die arabische Identität gekidnappt, wie ein Hacker, der das eigene Profilbild bei Facebook durch ein anderes ersetze. Das Profilbild, das die Welt nun von der arabischen Welt sehe, warf die Königin hinter sich an die Wand. Es zeigte: Krieg, Verstümmelung, Hinrichtungen... Sehr geschickt machte Rania damit ihrem Publikum klar, wie sehr das IS-Problem auch sein ureigenstes Problem ist. Denn die IS-Leute seien nun diejenigen, die das arabische Narrativ erzählen - und bei ihnen werde es ein Narrativ des Grauens.

Natürlich distanzierte sich Königin Rania von dieser Erzählung. Aber sie legte auch den Finger in die Wunde. Eine Geschichte werde ebenso sehr durch Reden wie durch Schweigen erzählt - und die große Schuld der arabischen Gesellschaften bestehe darin, dass sie schwiegen. Ihr Schweigen spreche Bände, sie machten sich damit zu Komplizen. Der IS könne nicht auf dem Schlachtfeld besiegt werden, sagte die Königin mit einem Seitenhieb auf ihren Mann, der ebendies anzunehmen scheint. Rania dagegen: „Es gilt, der Sieger auf dem philosophischen Schlachtfeld zu werden.“

Demokratie gegen Terror

Das Auditorium rief sie dazu auf, sich den schwierigen Fragen zu stellen. Woher kommen diese brutalen Radikalen und ihre Anhänger? Die Antwort gab sie gleich selbst - aus Klassenzimmern, in denen sie nicht denken dürften; aus Gesellschaften, in denen ein Viertel von ihnen arbeitslos sei und die Chancen auf sozialen Aufstieg gering. Vor diesem Hintergrund sei es nicht unverständlich, dass sich junge Leute Heilsversprechern zuwendeten. Daher sei die eigentliche Frage, wie man die Jugendlichen vor dem Ruf dieser Sirenen schützen könne.

Mit dem, was Rania dann vorschlug, forderte ausgerechnet die Monarchin nichts weniger als eine vollständige Demokratisierung der arabischen Gesellschaften. Nur indem man den Jugendlichen Gleichheit, Gerechtigkeit, Partizipation böte, gebe man ihnen eine echte Alternative. Die arabischen Gesellschaften stünden vor der Wahl: Entweder sie entwickelten sich oder sie ließen es zu, dass andere sie zerstörten. Rania forderte eine Koalition der Moderaten, und vor allem forderte sie Qualitätsbildung für alle. Die finanziellen Ressourcen seien für die arabische Welt kein Problem, die arabischen Staaten müssten nur wollen; sie müssten sich bewusst sein, dass der Mangel an Bildung ihr wesentlichstes Problem sei. Es müssten Jobs geschaffen werden, es müsse in Entwicklung investiert werden. Nur so könne man gegen die Extremisten längerfristig gewinnen: „Denn wenn wir nicht darüber entscheiden, was unsere Identität ist und was unsere Hinterlassenschaft sein wird, dann werden die Extremisten dies für uns tun.“

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