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Veröffentlicht: 04.10.2015, 08:26 Uhr

Ranga Yogeshwars Hilfsportal Die Chance für ein besseres Miteinander

Was hat Ranga Yogeshwar vor mit seinem Portal zur Vernetzung von Hilfsbedürftigen und Hilfsbereiten? Ein Gespräch über die dringendsten Informationsbedürfnisse von Flüchtlingen, einen Prototyp und eine gemeinsame Sprache.

von Anna Gyapjas
© Picture-Alliance Weltkonzerne und kleine Start-ups arbeiten bereits an seiner Idee: Ranga Yogeshwar erklärt seine Pläne für ein Flüchtlingshilfsportal im Internet.

Herr Yogeshwar, Sie haben ein Portal zur Vernetzung von Flüchtlingen und Helfern angeregt. Reicht es denn nicht, dass diese sich selbst via Smartphone und Facebook organisieren?

Die üblichen Verfahren stoßen an ihre Grenzen: Die klassischen Prozesse reichen nicht mehr aus, doch mit der aktiven Einbindung der Zivilgesellschaft könnten wir die Herausforderung meistern. Was wir momentan in vielen Kommunen erleben, ist zwar eine extrem große Hilfsbereitschaft, doch es fehlt häufig an Koordination. Gerade hier ist eine Plattform hilfreich, denn sie führt zu einer besseren Übersicht, vernetzt die Helfer und schafft auf lokaler Ebene Transparenz. Auf einfache Weise kann man vieles schnell abstimmen und umsetzen. Neben den organisatorischen Dingen gibt es dann noch die Möglichkeit der direkten Vernetzung mit den Flüchtlingen.

Woran fehlt es denn Ihres Erachtens konkret?

Was fehlt, ist eine Plattform mit niedriger Einstiegsschwelle. Bei der Plattform, die ich angeregt habe, legt man sich wie bei Facebook ein Profil an. Der Bürger kann dort sehr präzise angeben, was er beitragen möchte. Etwa: Ich bin bereit, alle zwei Wochen eine Stunde mit einem Flüchtling zu verbringen. Darüber hinaus bietet sich ihm die Chance, mit dem Flüchtling Kontakt aufzunehmen – über eine Chatfunktion. Momentan ist es noch so, dass die Hilfsbereiten oft nicht direkt in Kontakt zu den Flüchtlingen kommen, weil sie häufig die Einrichtungen nicht betreten können.

Per Facebook läuft das nicht?

Facebook ist super in seiner Vernetzungsfunktion. Was aber die Funktionalität angeht, ist es beschränkt, weil es chronologisch angelegt ist. Ich habe also nicht die Möglichkeit, auf einen Reiter zu gehen und zu sehen, was gibt es an Freizeitangeboten, was an Kinderbetreuung oder an ärztlichem Engagement. Außerdem ist es nicht lokal orientiert. Denn das, was zum Beispiel bei mir in Hennef wichtig ist, spielt vielleicht keine Rolle für Gruppen in Berlin-Moabit oder Hamburg. Der Vorteil bei diesem Projekt ist unter anderem, dass die Helfer voneinander wissen. Wenn man also bei größeren Aktionen – wir waren letzte Woche mit siebzig Flüchtlingen bei einem Spiel des FC Köln –, tatkräftige Unterstützung braucht, kann man abrufen: Wer ist da, wer kann?

Das heißt, die Plattform ist schon im Einsatz?

Ein erster Prototyp mit eingeschränkter Funktionalität wird momentan in Hennef getestet, doch an vielen Stellen wird weiterentwickelt. An der Umsetzung arbeiten z.B.  die Telekom mit der Dresdener Initiative „ichhelfe.jetzt“ zusammen. Darüber hinaus sind die Softwareentwickler von SAP beteiligt sowie ein halbes Dutzend kommerzieller Start-Ups. Ende des Monats gibt es in Berlin ein großes Refugee Hackathon. Es passiert also sehr viel. Zu Beginn gibt es zwar eine eingeschränkte Funktionalität, die bereits nützlich ist, doch die Plattform wird ständig erweitert.

Auf welche Bedürfnisse der Flüchtlinge stellen Sie die Plattform ab?

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Das ist eine Menge, und der Katalog wird ständig überarbeitet. Gerade geht es darum, den Informationsaspekt herauszuarbeiten: Was müssen Flüchtlinge wissen? Ziel ist es, den Flüchtlingen einen Grundstock von Infos zu geben, zu ihrer Situation und zu dem, was die nächsten Tage passiert, und das in verschiedenen Sprachen. Hier gibt es inzwischen direkte Kontakte zwischen Telekom und Google. Flüchtlinge mit wissenschaftlichem Hintergrund brauchen einen spezifischen Verteiler, über den sie schnell und effektiv Partner in Deutschland finden. Dazu gibt es Kontakt mit der Leipziger Plattform Chance For Science. In ähnlicher Weise arbeiten wir daran, später eine Art Jobbörse aufzubereiten. Es gibt ja auch viele Unternehmen, die Praktika für Flüchtlinge anbieten. Und dann wäre da noch die Möglichkeit, Onlinesprachkurse einzubinden.

Das Angebot hat viele Facetten. Sie müssen aber auch darauf achten, welche persönlichen Informationen in Umlauf gebracht werden.

Das ist in der Tat wichtig: Das beginnt schon mit der Frage: Wer engagiert sich wofür? Will jemand z.B. etwas mit Kindern machen, muss man sicherstellen, dass es hier keinen Missbrauch gibt.  In dem Fall braucht man ein polizeiliches Führungszeugnis. Oder man muss vermeiden, dass da nicht falsche Rekrutierer mitmischen und Flüchtlinge für Sekten abwerben.

Aspekte der Privatsphäre spielen sicher auch eine Rolle.

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