25.05.2007 · Hat Ralph Giordano recht, wenn er die Burka ein öffentliches Ärgernis nennt? Ja - aber nicht, weil sie den ästhetischen Sinn beleidigt, sondern weil sie ein Symbol paternalistischer Unterdrückung ist, meint Christian Geyer.
Von Christian Geyer„Auf dem Weg hierher“, so sagte unlängst der Schriftsteller Ralph Giordano bei einem Interview-Termin, „musste ich einen Anblick ertragen, der meine Ästhetik beschädigt hat - eine von oben bis unten verhüllte Frau, ein menschlicher Pinguin.“ Eine Aussage aus, wie es scheint, wirrem Grund mit wirren Folgen. Eine der wirren Folgen: ein spontaner Umarmungsversuch der lokalen rechtspopulistischen Sammlungsbewegung „Pro Köln“. Worauf sich Giordano genötigt sieht, mit drastischen Worten gegen den ungebetenen Beifall anzuschreien: „Wenn die zeitgenössische lokale Variante des Nationalsozialismus könnte, wie sie wollte, würde sie mich in eine Gaskammer stecken.“
Was für eine entsetzliche Gesprächssituation! Hört das denn nie auf, dieses Reden im Alibimodus? Reden im Alibimodus hört sich so an: Eigentlich will ich A sagen (die Ganzkörperverhüllung der Burka kritisieren), um mich aber mit A nicht verdächtig zu machen, sage ich alibimäßig erst mal B (bin kein Brauner) und C (bin selbst mit einem roten Schal teilkörperverhüllt). Erst dann - endlich, endlich! - bin ich so frank und frei, mein A in trockene Tücher zu bringen, sprich: die Burka ein ästhetisches Menetekel zu nennen, seine Trägerinnen Pinguine. Hätte der Schriftsteller Ralph Giordano doch erst einmal in aller Ruhe erläutert, warum er seinen Tag und Nacht zur Schau gestellten affigen roten Schal als legitimen Ausdruck ästhetischer Selbstbestimmung betrachtet, dann, ja dann hätte er die islamischen Trägerinnen der Burka vielleicht ungestraft mit Pinguinen vergleichen können. So aber sagt man: Weil du gegen die Burka bist und selbst einen roten Schal trägst, bist du ein Freund der Kölner Rechtspopulisten.
Ein eiliger Denker
Mit anderen Worten: Korrekt im Sinne des diskursiven Gesellschaftsvertrags hätte sich Giordano verhalten, wenn er seine Polemik gegen die Burka mit einem doppelten Zugeständnis eingeleitet hätte. Er hätte anständigerweise zuallererst folgendes sagen müssen: Auch ich lege, wenn ich gleich die Burka in sehr unverhüllter, ja anstößiger Weise ein ästhetisches Ärgernis nennen werde, meine eigene affige rote Verhüllung ab, da es sich, wie ich aus vielen Drohbriefen weiß, bei meinem Schal ebenfalls um ein öffentliches ästhetisches Ärgernis handelt, das ich als solches nun nicht länger ignorieren möchte. Außerdem hätte Giordano noch etwas sagen müssen, was er dann, wie beschrieben, notgedrungen erst nach seiner Burka-Attacke sagte: Dass er nicht für die Rechtspopulisten von „Pro Köln“ ist, wenn er gleich gegen die Burka aussagen werde. So hätte, mit ein bisschen mehr Sinn für die Regeln des Alibi-Diskurses Giordano seine Pinguine ungehindert auf die Reise schicken können.
Machen wir uns nichts vor: Giordano ist nicht gerade der Habermas unter den Argumenteträgern. Weniger verhüllt gesprochen: Giordanos Argumente sind oftmals Argumente aus dem Bauch heraus, er ist ein eiliger Denker, der es mit seinen Begründungen nicht so penibel nimmt, Hauptsache, eine Meinung steht. Wenn er das Recht, die Burka zu tragen oder eine Moschee zu bauen, vom Mehrheitswillen der deutschen Bevölkerung abhängig machen will (“Politiker, die für den Bau einer Moschee sind, missachten Volkes Stimme“), dann wird sich der Schrifsteller bald umschauen, welche Themen sonst noch auf der Mehrheitsagenda landen, mit dem Ziel, verbriefte Grundrechte per Plebiszit ausser Kraft zu setzen.
Ästhetik und Menschenrechte
Aber wo er recht hat, der Giordano, da hat er recht. Heisst letzteres, ich hätte gesagt, Giordano hätte recht, als er die Burka ein ästhetisches Ärgernis nannte? Bin ich blöde? Ich werde gleich sagen, wo ich meine, dass Girodano recht hat, aber natürlich nicht ohne dabei einen kritischen Alibi-Apparat mit mir herumzuschleppen. Dieser Apparat wird mich, so ist zu hoffen, vor dem Schlimmsten schützen. Ich mag auch keine Burka. Aber weniger aus ästhetischen Gründen (soll doch jeder schön finden, was er will; und überhaupt: spricht aus der Burka nicht die rollenbewußte Ästhetik der Diskretion im Sinne Helmuth Plessners?).
Der Grund, gegen die Burka zu sein, ist natürlich ein anderer als der, den Giordano vorderhand nennt. Ein Stück Stoff, das in islamisch-paternalistischen Kulturen als Symbol der Unterdrückung von Frauen fungiert, für Genitalbeschneidung, Ehrenmord und Zwangsverheiratung, beschädigt nicht so sehr die Ästhetik als den Sinn für Menschenrechte. Nicht weil sie wie Pinguine aussehen, sehen sich die Trägerinnen der Burka aufgefordert, ihre Verhüllung abzulegen (auch katholische Nonnen sind im Zoo der Verkleidungen nicht über jeden ästhetischen Zweifel erhaben, wie im übrigen auch Tätowierte, Kurzbehoste und, wie schon gesagt, Dauerbeschalte es nicht sind). Giordano kommt in den Wirren seiner Argumentation selbst auf den Trichter, wenn er in der Geschichte des Islam die „Entwürdigung der Frau bis zur Stunde“ beklagt. Das ist augenscheinlich nicht ästhetisch, sondern menschenrechtlich gemeint.
Verhüllt in eine Schachtel
Da, an dieser Stelle, bin ich ganz bei Giordanos Burka-Kritik. An dieser Stelle werfe auch ich meinen Schal ab und sage: Ich mag den Anblick von Burkas nicht länger ertragen. Und ich mag mich, wenn ich den Anblick von Burkas in aller Öffentlichkeit schrecklich finde, nicht vorher, nicht währenddessen und nicht danach gegen den ungebetenen Beifall irgendwelcher falscher Freunde aus Köln oder sonstwo abgrenzen müssen. Ich will mir das Recht, A zu sagen, nicht mit den Zusatzbemerkungen B und C erstreiten müssen. Schluß mit dem Reden im Alibi-Modus! Ich will sie nicht mehr sehen, die Burkas! Ich will nicht an kleine Töchter denken müssen, die von ihren Vätern dumm und reizlos gehalten werden, damit sie - statt auf eigene Füße zu kommen - von ihrem Erzeuger in jungen Jahren von Kopf bis zu den Füßen verhüllt in eine Schachtel gesteckt werden, die zu öffnen wiederum nur zum Zwecke der Verlobung mit einem vom Vater ausgewählten Cousin erlaubt ist.
Ich will nicht, dass diese kleinen Töchter durch das Symbol der Burka beschädigt werden überall dort, wo es im Straßenbild auftaucht. Ich will, dass Giordanos verunglückter Aufruf nicht untergeht, nur weil er erst von Pinguinen sprach, statt gleich von unterdrückten Frauen. Ich will, dass auch diejenigen Frauen, die die Burka freiwillig tragen, sich von Giordano überzeugen lassen, wenn er sagt: Die Burka entwürdigt die Frau bis zur Stunde. Sollte es wirklich ein Schaden sein, auf die Verhüllung ebenso freiwillig zu verzichten wie man sich für sie entschieden hat? Warum seine religiöse Überzeugung von einem Symbol abhängig machen, dass in vielen anderen Fällen für eine beschädigte Biographie steht?
Päpstliche Argumentationshilfe
Dass die Tradition der Menschenrechtsverletzung nicht auf den Islam begrenzt ist, schwächt die Kritik an der Burka nicht ab, sondern verstärkt sie. „Gewiss“, ließ der Papst soeben als überfälligen Nachtrag zu seiner Lateinamerika-Reise aus Rom vermelden, „die Erinnerung an eine ruhmreiche Vergangenheit darf die Schatten nicht leugnen, die das Werk der Evangelisierung des lateinamerikanischen Kontinents begleiten: Es ist in der Tat unmöglich, das Leid und das Unrecht zu vergessen, das die Kolonialmächte den indigenen Bevölkerungsgruppen zugefügt haben, deren grundlegene Menschenrechte oft mit Füßen getreten wurden.“ Liest sich das nicht wie eine päpstliche Ergänzung für das, was an Giordanos Pinguin-Argument noch fehlt? Ich bin für Giordano, dieses eine einzige Mal.