01.05.2009 · Der Unmut über die Große Koalition zog den Soziologen einst in die Politik. 1968 versprach er, die Bereitschaft zur Selbstkorrektur aus der Wissenschaft in die Politik einzubringen. Dieses Versprechen hat er gehalten. Ralf Dahrendorf zum Achtzigsten.
Von Patrick BahnersIst das nun die Abdankung? Der förmliche Verzicht auf ein geschichtliches Denken, an das der Name der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands noch erinnerte? Die führenden Männer der Partei haben ihre Präsidentschaftskandidatin desavouiert und die Möglichkeit sozialer Unruhen in Abrede gestellt. Undenkbar soll sein, dass die Krise ein revolutionäres Potential enthalten könnte. Beschwichtigung ist oberstes Gebot.
Vor vierzig Jahren zog schon einmal eine Große Koalition die Kritik auf sich, sie leugne in obrigkeitsstaatlicher Tradition die Realität sozialer Konflikte und die sich aus ihnen im demokratischen Wettbewerb ergebenden Gestaltungschancen. Zwei konservative Parteien regierten das Land, sagte am 30. Januar 1968 auf dem Freiburger Bundesparteitag der FDP ein Professor, der als Student der SPD angehört hatte, nun aber für die FDP in den baden-württembergischen Landtag und bald in den Bundestag strebte; der kleinere Partner sei konservativ „aus allzu tiefer Angst davor, nicht regieren zu dürfen“.
Fast schon eine Bastille aus Formeln
Der Soziologe Ralf Dahrendorf, achtunddreißig Jahre alt, der gerade von Tübingen an die von ihm mitentworfene Reformuniversität Konstanz gewechselt war und in diversen Räten zur Bildungsplanung mit Elan das große Umkrempeln vorantrieb, beschwor im ersten Monat des Jahres 1968 eine revolutionäre Situation nach dem Muster von 1789. Er ließ seine Kritik an der Sprache der Großen Koalition, an den stehenden Wendungen eines Status-quo-Denkens in der Verfassungs- und Deutschlandpolitik („freiheitlicher und sozialer Rechtsstaat“, „Alleinvertretungsanspruch“), umschlagen in eine Diagnose der Illegitimität. „Der Wall von Formeln, die wir um uns aufgebaut haben, ist fast schon zu einer Bastille geworden, die die politisch Führenden von den Menschen im Lande trennt: Zunächst mit Erstaunen betrachtet, dann mit eher ängstlicher Scheu umschlichen, eines nicht zu fernen Tages möglicherweise dem Sturm derer ausgesetzt, die mehr wollen als einen bis zum Überdruss getriebenen politischen Jargon der Eigentlichkeit, der ihnen ständig den Weg zu neuen Zielen verstellt.“
Als 1989 wirklich Revolutionen in Europa ausbrachen, legte Dahrendorf sein Buch zur welthistorischen Stunde als Fortsetzung der „Betrachtungen“ von Edmund Burke an, an den in der Parteitagsrede von 1968 wenigstens die Extravaganz der Metaphorik schon erinnert. Eine Geste des Willens zur fachinternen Großkoalitionsbildung war die Wendung vom „Jargon der Eigentlichkeit“, ein Zitat der Heidegger-Kritik Adornos. Als Nachfolger Adornos im Amt des Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hatte Dahrendorf im selben Jahr den Frankfurter Soziologentag vorzubereiten.
Die Kluft von Macht und Geist überbrücken
Dahrendorf forderte seine Parteifreunde auf, die von den Studenten ausgehende „Unruhe“ als liberale Potenz anzuerkennen. Er rechnete nicht mit Aufständen der Arbeiter und Armen, da ihn seine Forschungen zu dem Ergebnis geführt hatten, der Klassenkampf gebe nicht mehr wie im Zeitalter des Aufstiegs der Sozialdemokratie den Rahmen der politischen Auseinandersetzung vor. Aber die Konflikte, die er voraussagte, waren nicht bloß semantischer Natur, waren mehr als Wertedebatten. Vor dem Hintergrund der These, für die moderne Gesellschaft sei die wachsende Macht bürokratischer „Dienstklassen“ typisch, deren hierarchisches Denken in Spannung zu Demokratie und Markt stehe, nahm Dahrendorf in Freiburg eine erstaunliche Bestimmung des Moments vor: „Die Epoche der faschistischen Bedrohung liegt nicht hinter uns, sondern in wesentlichen Teilen noch vor uns.“
Nicht nur vulgärmarxistisch verblendete Studenten malten 1968 die Faschismusgefahr an die Wand! Dahrendorf wusste durchaus, wovon er sprach. Er ist der Sohn des sozialdemokratischen Widerstandskämpfers Gustav Dahrendorf und hatte selbst als Fünfzehnjähriger in Gestapo-Haft gesessen. Dahrendorfs Eintritt in die FDP erregte großes Aufsehen. Die Zeitungen teilten dramatisierende Erläuterungen des Jungpolitikers mit: Er habe vor der Alternative gestanden, sich zu engagieren oder an seinem Land zu verzweifeln und zu emigrieren. Dahrendorf wollte nach eigener Auskunft die für Deutschland angeblich typische Kluft von Macht und Geist überbrücken, profitierte aber von der am Anfang der Bildungsreformen noch ungebrochenen Autorität des Professors. Undenkbar, dass demselben Schritt eines Heinz Bude heute dieselbe Aufmerksamkeit zuteil würde. Wenn Dahrendorf ausführte, in der modernen Zeit regiere in Wissenschaft und Politik dasselbe Prinzip der Rationalität, formulierte er ein Ideal, das man im Licht der Soziologie Niklas Luhmanns als vormodern einordnen kann.
Ein imponierendes Beispiel der Freiheit des Geistes
Nachdem Dahrendorf auf einem Auto vor der Freiburger Stadthalle mit Rudi Dutschke diskutiert hatte, prophezeite der abgelöste Parteivorsitzende Erich Mende, er werde die FDP zwei Prozent kosten. Dahrendorf hielt im „Spiegel“ dagegen, vielleicht werde er auch fünf oder gar zehn Prozent einbringen. In der Bundestagswahl 1969 verlor die FDP gegenüber 1965 3,7 Prozent der Zweitstimmen.
Als Dahrendorf 1982 als Rektor der London School of Economics für die BBC in einer Fernsehserie die englische Malaise untersuchte, empfahl er den Engländern die von Karl Schiller erfundene Konzertierte Aktion zur Nachahmung. Umgekehrt befürwortet er heute wieder das 1968 und auch noch 1982 von ihm kritisch eingeschätzte Mehrheitswahlrecht. Im Geiste Karl Poppers versprach er 1968, er werde die Bereitschaft zur Selbstkorrektur aus der Wissenschaft in die Politik einbringen. Dieses Versprechen hat er gehalten. Wenn er bekennt, er habe den autoritären Überhang in der Adenauer-Republik überschätzt und halte nicht mehr an der Sonderwegstheorie seines Buchs „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“ fest, gibt er ein imponierendes Beispiel der Freiheit des Geistes. An diesem Freitag feiert Lord Dahrendorf in Oxford seinen achtzigsten Geburtstag.