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Psychiater Frank Urbaniok : „Wir werden nicht als Täter geboren, aber auch nicht als weißes Blatt“

Nein, aber es wird auch niemand als weißes Blatt geboren. Schlechte Kindheitserfahrung haben etwa 30 Prozent der Täter. Es ist ein Mythos, dass alle im Heim groß geworden, geschlagen, sexuell missbraucht worden sind oder alkoholkranke Eltern haben. Dieses Erklärungsmuster ist mir zu simpel. Ich kenne Fälle, da ist die Disposition sehr, sehr stark. Da wird jemand schon im dritten Lebensjahr auffällig und quält sein Haustier. Später terrorisiert er seine kleine Schwester, und mit siebzehn begeht er schließlich den ersten Sexualmord.

Beginnt Kriminalität schon im Kinderzimmer? Mitunter zeigen schon Dreijährige aggressives Verhalten.
Beginnt Kriminalität schon im Kinderzimmer? Mitunter zeigen schon Dreijährige aggressives Verhalten. : Bild: dpa

Selbst, wenn er in einem bilderbuchhaften Umfeld aufwächst?

Ja, selbst dann ist das möglich. 70 Prozent unserer Gewalt- und Sexualstraftäter haben ein relativ normales Umfeld. Bei Sexualstraftätern findet man bei lediglich etwa zwölf Prozent einen sexuellen Missbrauch. Außerdem gibt es auch viele Menschen mit einer schlechten Kindheit, die nicht zum Straftäter werden.

Kommen wir zurück zu den Investmentbankern. Wie schwer ist es, berufliche Verhaltensweisen nicht ins Privatleben zu transportieren?

Investmentbanking ist ein Business mit fließenden Grenzen zwischen korrekten Geschäften bis hin zu moralisch fragwürdigem oder gar betrugsähnlichem Handeln. Die Wahrscheinlichkeit, dass Werte, die sie kultivieren, Verhaltensweisen, die sie einschleifen, auch in ihrem Privatleben zum Ausdruck kommen, ist groß. Das Umfeld, in dem sie sich tagtäglich bewegen, beeinflusst immer ihre Verhaltensweisen. Wenn sie acht Stunden am Tag im Schlachthaus arbeiten und Tiere abschlachten, prägt das ihre Wahrnehmung. Viele fangen an, auch Menschen anders anzusehen, sie wissen über anatomische Strukturen Bescheid, wo welche Sehne verläuft, solche Dinge.

Wollen Sie damit sagen, dass es jemandem, der in einem Schlachthaus arbeitet, leichter fällt, einem anderen den Arm abzuhacken?

Natürlich gibt es Unterschiede. Aber ich habe Menschen kennengelernt, auf die genau das zutrifft. Es gibt Studien die zu dem Ergebnis kommen, dass Menschen, die in Schlachthäusern beschäftigt sind, eine überdurchschnittliche Kriminalitätsbelastung aufweisen.

Jede Gesellschaft produziert ihre eigenen Neurosen. Welche alarmierenden Verhaltensweisen beobachten Sie verstärkt?

Eine Gesellschaft der Wutbürger: Teilnehmer der Blockupy-Demonstration zur Eröffnung des EZB-Neubaus 2015
Eine Gesellschaft der Wutbürger: Teilnehmer der Blockupy-Demonstration zur Eröffnung des EZB-Neubaus 2015 : Bild: Marcus Kaufhold

Es gibt immer mehr Wutbürger. Menschen, die ständig unter Strom stehen und sich über alles aufregen: den Staat, die EU, die Justiz. Viele Medien, insbesondere Boulevardmedien, bewirtschaften diese Empörung bewusst mit ihrer Dauerpropaganda und Skandalisierung. Ein Beispiel ist die Beschimpfungswut im Internet - denken Sie an die Leserkommentare. Das Internet dient auch als Plattform für auffällige Menschen, die sich vernetzen und gegenseitig hochschaukeln. Es gibt keine Woche, in der ich keine Morddrohung bekomme. Seit zwei, drei Jahren sehe ich immer mehr Leute, die durchdrehen und aus scheinbar heiterem Himmel auf irgendjemanden einschlagen, nur weil er vielleicht verbotenerweise auf dem Besucherparkplatz steht.

Welche Schichtzugehörigkeit zeichnet den ausrastenden Wutbürger aus?

Menschen mit einfachen, holzschnittartigen Weltbildern sind überrepräsentiert. Manche haben einen sozialen Abstieg hinter sich, andere nicht.

Welche Erklärungen geben die Täter ab?

Die Erklärungen reichen von: „Die Schlampe hat bekommen, was sie verdient hat“ bis: „Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte, es tut mir leid.“ Wutbürger, die zum Täter werden, sind Indikatoren für eine allgemeine Tendenz zur Radikalisierung. Fest steht, dass eine dauerhaft aufgehetzte Gesellschaft äußerst problematisch ist. Die Empörung der Leute ist ab einem gewissen Punkt nur schwer wieder in den Griff zu bekommen. Gerade die deutsche Geschichte zeigt, dass Demokratie ein zerbrechliches Gut ist.

Frank Urbaniok ist Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes der Zürcher Justizdirektion.

Quelle: F.A.Z.

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