01.05.2009 · Auch wenn in Frankreich wieder vom Mai 1968 - oder gar vom August 1789 - die Rede ist: Die Haltung hinter den Protesten ist heute eine ganz andere ist als in den sechziger Jahren. Anstelle einer Vision treibt Angst die Leute auf die Straße.
Von Lena Bopp, ParisDie französischen Gewerkschaften haben lange überlegt, ob sie für den 1. Mai wieder zu einem Generalstreik aufrufen sollten. Sie haben sich dagegen entschieden; zwei Generalstreiks in diesem Jahr – einer im Januar, einer im März – sollten fürs Erste reichen. Beide haben schon gezeigt, dass die Angestellten des öffentlichen Dienstes wieder gemeinsam mit den Arbeitern marschieren. Am Freitag, dem Tag der Arbeit, wird es in Frankreich daher trotz der Zurückhaltung der Gewerkschaften wieder Demonstrationen und Proteste geben, und es ist auch davon auszugehen, dass sie mehr Zulauf haben werden als sonst üblich. Ein Blick auf das Frankreich der vergangenen Wochen genügt: Das Land ist gewarnt.
Derzeit wird in Frankreich ja allerorten gestreikt, protestiert und – wenn es gut läuft – auch verhandelt. Dass die Angestellten von Unternehmen wie Caterpillar, Continental oder dem Luxusgüterkonzern PRP ihre Chefs über Nacht in deren Büroräumen oder tagsüber in deren Autos gefangen halten und auf diese Weise zu Zugeständnissen zwingen wollen, gehört schon zu den alltäglichen Meldungen. Auch dass sich die französischen Universitätsprofessoren mit den Studenten verbündet haben, um sich in seltener Eintracht und mit großer Vehemenz gegen die Reformpläne der Regierung zu wehren, hat man dies- und jenseits des Rheins besorgt festgestellt.
Mai 1968? August 1789!
Die Regierung will den chronisch überlasteten Universitäten mehr Autonomie übertragen, sie will aber auch ein neues Evaluierungssystem einführen, welches, wenn es für die Professoren nicht gut läuft, dazu führt, dass sie mehr lehren müssen und weniger forschen dürfen. Braut sich in Frankreich etwas zusammen? Der Hinweis, dass all diese Konflikte inhaltlich wenig miteinander zu tun haben, taugt nicht zur Entwarnung, denn für soziale Unruhen ist charakteristisch, dass disparate Beschwerden sich zu einer explosiven Mischung verbinden.
Das Schreckgespenst des Mai 68 liegt längst in der Luft. Die Tageszeitung „Le Monde“ ging kürzlich sogar noch einen Schritt weiter, als sie in einer Glosse auf den „4. August“ verwies: Das Verblüffendste an der gegenwärtigen Aristokratie, nämlich der des Geldes, sei, so schrieb der Kommentator, dass sie sich so sehr an ihre Privilegien gewöhnt habe, dass sie sich offenbar nicht mehr vorstellen könne, auf sie zu verzichten. „Sie hat wohl vergessen, dass es, wenn auch selten, Nächte wie die des 4. August gibt.“ In jener Augustnacht im Jahr 1789 hatte die Nationalversammlung in Paris beschlossen, sämtliche Privilegien des Adels abzuschaffen – auf Antrag einzelner Delegierter des Adels.
Sie demonstrieren dafür, dass möglichst alles so bleibt, wie es ist
Trotz solcher Bezugnahmen auf die revolutionäre Tradition aber kann nicht geleugnet werden, dass die Haltung, welche den Protesten in Frankreich zugrunde liegt, heute eine ganz andere ist als in den sechziger Jahren. Während die Arbeiter und die Studenten im Jahr 1968 noch in dem Glauben vereint waren, eine andere, bessere (leninistisch inspirierte) Gesellschaft sei möglich und erstrebenswert, scheint heute das Gegenteil der Fall zu sein.
Was die Menschen in Frankreich auf die Straße treibt, ist keine Vision, sondern vielmehr Angst. Sie demonstrieren nicht für mehr Mitspracherechte in den Unternehmen oder für mehr Demokratie an den Hochschulen, sondern dafür, dass möglichst alles so bleibt, wie es ist. Und wenn man einen Blick in die jüngere Vergangenheit wirft, dann wird deutlich, dass dieses defensive Motiv die Grundlage aller großen Protestbewegungen bildete, die Frankreich etwa im Jahr 2003 – als sich die Studenten gegen ein neues Arbeitsgesetz zur Wehr setzten – und im Jahr 1995 – als die Rentenreformpläne der Regierung Juppé am Widerstand der Straße scheiterten – gesehen hat.
Die Revolte ist konservativ
Das alles hat sicher auch damit zu tun, dass sich die Menschen heute vor Probleme gestellt sehen, die es in den sechziger Jahren nicht gab: Am Ende der „Trente Glorieuses“, der dreißig Wirtschaftswunderjahre Frankreichs, waren nur wenige Menschen von Arbeitslosigkeit bedroht. Heute ist das anders, und gerade deswegen hat die nunmehr oft zitierte „Revolte“ viel von ihrer umstürzlerischen Kraft verloren. Es geht eben nicht mehr darum, Neues zu erobern, sondern das Erreichte zu bewahren, weil jede Veränderung vermutlich dazu führen würde, dass sich die Lebensverhältnisse nur noch verschlechtern.
„Unter dem Pflaster liegt der Strand“, so lautete einer der Slogans, der im Jahr 1968 an den Mauern von Paris zu lesen stand. Später hat man begriffen, dass das ein Irrtum war. Was man aber auch verstanden hatte, war, dass es einen Strand an der Cte d’Azur gab und dass die arbeitende Bevölkerung dort alljährlich im August den Lohn für ihre Mühen genießen durfte. Das soll so bleiben. Die Revolte ist konservativ. Man protestiert, weil man das gute alte Recht gewahrt sehen möchte – wie vor 1789, als eine Revolution unvorstellbar war. Sarkozys Republik ist zum Ancien Régime geworden.