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Veröffentlicht: 17.08.2016, 06:43 Uhr

Programmieren als Pflichtfach Auf dem Lehrplan der Siliziumtalschule

Müssen wir jetzt alle programmieren lernen? Die IT-Giganten lassen sich entsprechende Förderprogramme ganz schön was kosten. Doch ihre Ziele sind eher ideologischer als praktischer Natur.

von Adrian Lobe
© dpa Quellcodes – die für Menschen lesbare Programmiersprache muss mittels eines Compilers (Übersetzer) in die Maschinensprache (Binärcode) übersetzt werden.

Zum Jahreswechsel 2012 hatte Michael Bloomberg, damals Bürgermeister von New York, einen originellen Neujahrsvorsatz: Er wolle programmieren lernen, verkündete das Stadtoberhaupt stolz auf Twitter. Was von diesem hehren Vorsatz übrig blieb, ist unbekannt, jedenfalls löste der Tweet eine Debatte aus. Die Vorstellung, dass Bloomberg in seiner Amtsstube basale Befehle in seinen Computer hackt, mochte bei manchem Erheiterung auslösen, doch die Sache hat einen ernsten Hintergrund. Müssen wir im Internet der Dinge, wo wir von Milliarden codierter Objekte umgeben sind, die unsere Handlungen, Gedanken und Emotionen in Rohstoffe für die datenverarbeitende Industrie verwandeln, programmieren lernen, um der Realität überhaupt gewachsen zu sein? In einem modernen Fahrzeug stecken heute hundert Millionen Zeilen Programmiercodes. Die Affäre um die Schummel-Software bei VW, bei der Abgaswerte in Dieselfahrzeugen manipuliert wurden und die nur durch die akribische Arbeit von Wissenschaftlern aufgedeckt werden konnte, zeigte einmal mehr, wie schwer es allein schon für Experten ist, die komplexe Wirklichkeit zu durchschauen.

In Amerika ist eine regelrechte Lobby fürs Programmieren entstanden. Apple wollte beim Streit mit dem FBI um die Entschlüsselung des iPhones eines der Attentäter von San Bernardino seine Codes als Ausdruck der Meinungsfreiheit verstanden wissen. Und mit code.org gibt es eine eigene, von den Internetkonzernen finanzierte Non-Profit-Organisation, die mit IT-Stars wie Mark Zuckerberg, Bill Gates und Jack Dorsey fürs Programmieren wirbt.

Grundschüler lernen Programmieren © dpa Vergrößern Grundschülerin während des Programmierunterrichts.

Zuckerberg, der oberste Bildungsbeauftragte der Nation, sprach von digitalen Erweckungserlebnissen, als er einem Nachbarskind das Programmieren beibrachte. Das klang rührend. Der ehemalige Mehrheitsführer der Republikaner im Repräsentantenhaus, Eric Cantor, sagte, Programmieren sei so wichtig wie Fremdsprachen und Mathematik. Unter dem Namen „Coding for Kindergarden“ gibt mittlerweile sogar eine eigene App, die schon die Kleinsten an die Informatik heranführen möchte. Programmieren ist das neue Mandarin, schon sieht man vor dem geistigen Auge überambitionierte „Tiger-Moms“ herumlaufen, die ihren Sprösslingen das kleine Einmaleins von Java bis C+ einbimsen.

Codes kontrollieren die Welt

Mittlerweile hat die Diskussion – relativ ungefiltert – die hiesige Debattenlandschaft erreicht. Die SPD fordert, Informatik als Pflichtfach an Schulen einzuführen: Kinder und Jugendliche sollten früh „die Logik von Algorithmen“ lernen. Und auch Telekom-Chef Timotheus Höttges forderte Programmieren an Schulen. Programmiersprachen seien „mindestens genauso wichtig wie Multiplizieren, Lesen und Fremdsprachen“. An britischen Schulen lernen Kinder bereits, wie man mit Quellcodes umgeht, und in der deutschen Bildungspolitik geht der Blick seit Pisa ins Ausland, wenn es um neue Bildungsstandards geht.

Der Computerwissenschaftler John McCarthy, der die Programmiersprache Lisp erfand und den Begriff der „künstlichen Intelligenz“ prägte, sagte einst: „Jeder muss programmieren können. Es ist die Art und Weise, wie wir mit Sklaven sprechen.“ Doch der Begriff der Sklaverei hat noch immer ein gewisses Odium, und es stellt sich die Frage, ob Sprache als Mittel der Kommunikation trotz sozialer Hierarchien nicht ein gewisses Maß an Gleichheit voraussetzt.

Programmieren beflügelt Allmachtsphantasien. Die Quantified-Self-Bewegung glaubt, dass sie ihren letztlich ebenfalls in Quellcode geschriebenen Körper hacken und ihr Leben vom Ausgabeverhalten bis hin zur Liebe neu programmieren könnten. Die Entwickler wollen das Soziale umcodieren. „Wenn man den Code kontrolliert, kontrolliert man die Welt“, schrieb der Futurist Marc Goodman. Google prozessiert am Tag 3,5 Milliarden Suchanfragen, und es sind keine Menschen, sondern Maschinen, die uns im Bruchteil einer Sekunde Ergebnisse anzeigen. Das Einzige, was der Mensch tut, ist die Software zu schreiben. Inzwischen generieren Computerprogramme standardisierte Artikel oder juristische Expertise wie in einigen amerikanischen Anwaltskanzleien. Die Arbeitsplätze geraten durch die Automatisierung immer stärker unter Druck.

Ein Computer als Chef

Quincy Larson, Lehrer bei der Organisation FreeCodeCamp.com, postulierte auf dem Technikblog „Techcrunch“: „Program or be programmed“ - progammiere oder werde selbst programmiert. Das klingt schon fast nach sozialdarwinistischem Überlebenskampf. Die These impliziert, dass der Mensch selbst ein programmierbares Wesen ist, geschrieben in Maschinencodes und Genomen, die jederzeit abrufbar und auslesbar sind. Der Mensch ist aus dieser Sicht eine Maschine, die man berechnen und beherrschen kann.

Solche Friss-oder-stirb-Maximen sind nicht der beste Ratgeber, um sich dem Programmieren zu widmen. Es kann nicht sein, dass unser selbstbestimmtes Handeln daran hängt, ob man Java Script oder andere Programmiersprachen beherrscht. McCarthys Prämisse, Maschinen seien die Sklaven unserer digitalen Arbeitswelt, darf bezweifelt werden. Umgekehrt wird diskutiert, angeregt etwa durch den Philosophen Luciano Floridi, ob nicht der Mensch selbst zum Sklaven datenhungriger Imperien wie Facebook oder Google geworden sei, besser gesagt: sich selbst dazu gemacht habe.

Humanoide Robotik in Tübingen © dpa Vergrößern Roboter heute – morgen Chefs.

Der japanische Elektronikkonzern Hitachi hat ein System künstlicher Intelligenz entwickelt, das menschlichen Mitarbeitern konkrete Arbeitsaufgaben zuweist und damit zum Chef wird: Ein Computer analysiert die menschlichen Arbeitsabläufe und erteilt auf dieser Grundlage neue Handlungsanweisungen. Die hegelianische Herr-Knecht-Dialektik hat sich damit umgekehrt. Die Maschine ist Koch, der Mensch Kellner. Die Fähigkeit zu programmieren erscheint in diesem Setting allenfalls hilfreich, Befehle zu verstehen, nicht aber, diese auch zu erteilen.

Beschränkung auf Einsen und Nullen

Trotzdem wird Codieren als neues Möglichkeitsfenster gepriesen, als Aufstiegskanal für junge Absolventen, die sich mit diesen Kenntnissen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Programmieren sei die neue Lese-und Schreibfähigkeit, heißt es, und umgeben von beflissenen Technik-Nerds fühlt man sich fast schon als Analphabet. Dabei werden Java, C und Co. zwar auch „Programmiersprachen“ genannt, aber es sind rein technische Systeme zur Formulierung von Anweisungen. Menschliche Sprache wird darüberhinaus auch zur Formulierung von Meinungen, Ansichten und normativen Aussagen eingesetzt. Schon allein deshalb geht der Vergleich fehl, Programmieren sei eine „Fremdsprache“.

Natürlich ist Programmieren eine wichtige Kompetenz. Man lernt, informatische Prozesse zu verstehen, und man kann mit etwas Übung, ganz praxisnah, eine eigene App schreiben. Doch letztlich wird den Schülern im Unterricht vor allem ein Weltbild vermittelt, man könne alle Probleme der Welt in Zahlen beschreiben und mit einer Formel lösen. Armut, Krebs, Aids? Dafür braucht es nur eine App. „Solutionism“ nennt das der Internetphilosoph Evgeny Morozov. Der neue, raumgreifende (Sozial-)Determinismus hat die Tendenz, Probleme zu simplifizieren. Mit Programmieren als Unterrichtsfach fände die Ideologie des Silicon Valley Eingang in die Klassenzimmer. Zuckerberg und Co. wollen nicht etwa, dass wir alle reiche Unternehmer werden, sondern dass ihre Input-Output-Logik in unsere Köpfe eindringt. Damit zementieren sie ihr Geschäftsmodell der „clickonomics“, und nur so ist letztlich auch ihre Kampagne zu verstehen.

Illustration Cyberkriminalität © dpa Vergrößern Ein Binärcode besteht nur aus Einsen und Nullen und wird für die Maschinensprache in der Informatik verwendet.

Zwar gibt es auch Open-Source-Codes, an denen jeder mitschreiben kann. Aber es geht hier um eine elementare Kulturtechnik, darum, wie man an Probleme des Alltags herangeht und mit welcher Heuristik man sie zu durchdringen pflegt. In der binären Logik existieren keine Graubereiche und Schattierungen - es gibt nur Einsen und Nullen. Dabei heißt es doch immer, Kinder sollen lernen, zu nuancieren und abzuwägen.

Der Bildungsplan von morgen

Selbst wenn wir alle programmieren könnten, würden wir Googles opaken PageRank-Algorithmus immer noch nicht verstehen, weil der Konzern ihn als sein Betriebsgeheimnis nicht öffentlich macht. Vielleicht ist Programmieren auch gar nicht mehr zeitgemäß. Das Technikmagazin „Wired“ schrieb in seiner Juni-Ausgabe („The End of Code“), dass wir bei den Fortschritten künstlicher Intelligenz und selbstlernender Maschinen Computer bald nicht mehr programmieren, sondern wie Hunde „trainieren“ und mit nahezu elterlicher Sorgfaltspflicht behandeln werden.

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Wenn man zum Beispiel einem neuronalen Netzwerk „beibringen“ will, eine Katze zu erkennen, befiehlt man der Maschine nicht mehr, nach bestimmten Merkmalen wie Schurrhaaren, Augen und Ohren zu suchen. Man zeigt ihr einfach Katzenbilder. Das macht Facebook auch mit uns Menschen, könnte man nun zynisch sagen, doch das verweist letztlich auf den eigentlich wichtigen Punkt in der Debatte: ob wir Menschen bei all den Fortschritten künstlicher Intelligenz nicht maschinenähnlich werden. Schon heute klicken wir auf Facebook-Likes oder wischen über Tinder-Bilder und exekutieren mit Googles Autovervollständigung die Logik von Algorithmen. Und in Amazons Logistikzentren führen Angestellte, „Amabots“ genannt, mechanisch Skripte aus.

Man muss nicht programmieren lernen, sondern den selbstbestimmten Umgang mit Technik. Statt Programmieren eine „Künstliche-Intelligenz-Schule“ – vielleicht steht das morgen auf dem Bildungsplan.

Glosse

Sag doch was

Von Jürgen Kaube

Mit der Äußerung, Angela Merkel entpolitisiere das Land, ist Martin Schulz über das Ziel hinausgeschossen. Dabei kann die SPD nicht einmal aus dem angeblichen Schweigen der Kanzlerin Angriffsmotive ziehen. Mehr 57 80

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