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Privatschulen Das Beste fürs Kind

14.02.2007 ·  Die Zahl der Privatschüler hat sich verdoppelt. Vor allem in Großstädten wollen Eltern ihre Kinder nicht eine ignorante Einwanderungspolitik ausbaden lassen. Vom Verlust eines bildungspolitischen Fundaments redet niemand.

Von Regina Mönch
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Es war eine eigensinnige Entscheidung, als vor anderthalb Jahren an der Torstraße in Berlin-Mitte eine private bilinguale Ganztagsschule mit Kindergarten und Vorschule ihre Pforten öffnete, die „Berlin Metropolitan School“ (BMS). Die meisten öffentlichen Schulen der Gegend waren nach der Wende geschlossen worden, weil es schlicht zu wenige Kinder gab. Doch die BMS kennt dieses Problem nicht. Ihre Wartelisten sind lang, trotz hohen Schulgelds – um die 400 Euro monatlich – und beunruhigender Streitereien in den Gründervereinen um Mitbestimmung und eine solide Finanzierung. Manche Eltern reservieren schon einen Platz, wenn das künftige Schulkind gerade mal acht Monate alt ist.

Die BMS sieht die Alphabetisierung in Englisch vor, beginnend im Kindergarten. Das kommt vielen Eltern entgegen, die für ihre Kinder eine international kompatible Ausbildung wünschen, die einige staatliche Schulen auch anbieten, doch, gemessen am Bedarf, viel zu selten. Andere Familien aber haben ihr Kind hier angemeldet, weil sie es in Sicherheit bringen wollten vor überbordenden Problemen in vielen Vierteln Berlins, in denen man ihrer Ansicht nach zwar vielleicht noch wohnen, nicht aber gefahrlos ein Kind zur Schule schicken kann.

16.000 Euro im Jahr

Knapp vierzig Minuten von der Berliner Innenstadt entfernt liegt der kleine Ort Rangsdorf. Auch dort hat sich am See eine private Ganztagsoberschule mit Internat etabliert, eine von vielen im sogenannten Speckgürtel der Hauptstadt. Vor sechs Jahren begann der Unterricht, noch auf einer großen Baustelle, denn das sechzehn Hektar große Gelände, das in seiner kurzen zivilen Vorkriegszeit einen Fliegerclub mit Flugplatz beherbergte, war erst 1994 von den Russen geräumt worden und sah entsprechend verwüstet aus. Viele Häuser auf dem Campus waren nicht zu retten, sie haben unspektakulären neuen Platz gemacht; und die Wildnis ringsum ist wieder eine Parkanlage, durch die sich die Schulwege bis hinunter zum See und zu den Golf- und Tennisplätzen schlängeln.

Das Schuljahr kostet fast fünftausend Euro, im Internat, in dem siebzig der zweihundert Kinder wohnen, gar 16.000 Euro. Die meisten Schüler pendeln zwischen Berlin und der Seeschule. Ihre Eltern sind Ärzte, Anwälte oder in freien Berufen tätig, die wenig Zeit für ein geregeltes Familienleben lassen. Statt Hauspersonal kauft man dem Kind die Gesellschaft Gleichaltriger, dazu ein eher durchschnittliches, aber grundsolides Schulprogramm, dessen Erfolge sich schnell herumgesprochen haben. Mit einem benachbarten Gymnasium pflegt man engen Kontakt, besonders begabte Mathematikschüler der Privatschule etwa dürfen am staatlichen Leistungskurs teilnehmen. Derart harmonisches Nebeneinander ist eher selten, doch in Brandenburg mit seinen enormen demographischen Problemen gilt: Wer eine Schule gründet, bleibt und zieht Menschen an.

Staatsferne als pädagogisches Konzept

Beide Schulen, die metropolitane internationale in der Mitte Berlins wie die Stadtrandschule am See, füllen als private Lehranstalten eine Lücke im Angebot, zumal im Umland der Hauptstadt, einer Region, die sich stark verändert hat in den letzten anderthalb Jahrzehnten. Insofern sind sie Privatschulen nach traditionellem Vorbild. Doch sie sind auch Beispiele eines Privatschulbooms, wie ihn Deutschland noch nie erlebt hat. Innerhalb von zwölf Jahren hat sich die Zahl der Privatschüler verdoppelt, und die Schulen, in die sie geschickt werden, erfüllen nicht mehr nur besondere Elternwünsche wie etwa die konfessionellen oder die Waldorfschulen. Auch die unbestreitbaren Vorzüge vieler Privatschulen – kleine Klassen und eine meist hochmotivierte Lehrerschaft, die von den tausend Fallstricken deutscher Schulbürokratie befreit ist – genügen nicht, den Boom zu erklären. Es hat sich etwas sehr Grundlegendes geändert – und das gibt Anlass zur Sorge.

Der Boom, den genau zu analysieren sich lohnt – und zwar bildungspolitisch –, hat seine Schattenseiten. So tummeln sich auf dem als lukrativ hochgejubelten Markt auch Privatschulgründer, deren Staatsferne allein schon als pädagogisches Konzept verkauft wird. Und neu ist auch die Hoffnung, mit Kindern und verunsicherten Eltern sei schnelles Geld zu machen. Wer Privatschulen wie ein ganz normales Unternehmen führen will, ohne damit Erfahrungen zu haben, kann böse Überraschungen erleben – zum Beispiel dann, wenn einer der Hauptgeldgeber plötzlich am pädagogischen Konzept mäkelt und die Mittel ersatzlos aus dem Unternehmen zieht.

Die Staatsschule wird schlechter geredet, als sie ist

Die tatsächlichen und vermeintlichen deutschen Bildungsmiseren, vor allem die zum Teil schrille Diskussion darüber, haben viele Eltern eher verunsichert denn aufgeklärt. Das ist ein wesentlicher Auslöser des Privatschulbooms, denn empfindlich reagieren vor allem jene, für die Bildung immer noch ein hohes Gut ist. Dem Mantra, zuerst gelte es in den Schulen der sozialen Gerechtigkeit aufzuhelfen, setzen immer mehr Familien stillschweigend Verweigerung entgegen. Und mit den rätselhaften Reaktionen der deutschen Kultusministerkonferenz auf Fehlentwicklungen können normale Menschen ohnehin nur wenig anfangen.

In dieser Entwicklung zeigt sich nicht nur das Unvermögen deutscher Bildungspolitik, Probleme zu lösen und Irritationen von Eltern zu beheben. Auch der Unsinn, hier werde nur nachgeholt, was andere westliche Länder längst hinter sich haben, bleibt unwidersprochen, obwohl der Verweis privater Schulgründer auf die Niederlande und Großbritannien wenig taugt, da deren Schul- und Bildungstradition eine völlig andere als die deutsche ist. Die staatliche deutsche Schule wird schlechter geredet, als sie ist, und es fehlt ihr an glaubwürdigen Verteidigern. Bedrohte Apfelsorten und Auerhähne hätten es leichter.

Berlin ist eine ehrliche Stadt

In größeren Städten, vor allem in Berlin, wird auch darüber geredet, dass die Kindheit des eigenen Nachwuchses nicht dazu herhalten soll, die über Jahrzehnte ignorante Einwanderungspolitik Deutschlands auszubaden, doch geschieht das nur im privaten Kreis. Nach außen hat Migration als Chance, als Bereicherung zu gelten, und sei es nur für den guten Ton. Wer das anders sieht und erlebt in allernächster Nachbarschaft, zieht entweder um oder meldet sein Kind unter falscher Adresse in sozial stabilen Vierteln an und nimmt dort sogar größere Klassen in Kauf. Oder er flieht ins Private, obwohl keineswegs alle dieser Schulen bessere Schulleistungen, etwa beim Pisa-Vergleich, vorzuweisen hatten. Eine Gesellschaft, die man für egalitär hielt, spaltet sich, und die privaten Schulen sind nur eines der sichtbaren Zeichen dafür.

Berlin ist eine ehrliche Stadt, sie veröffentlicht im Internet nicht nur die wachsende Zahl von Gewalttaten Jugendlicher, was ziemlich einmalig ist und trotzdem nichts hilft. Sie zeigt in ihrem Internet-Schulführer auch an, wie viele Kinder, deren Muttersprache nicht die deutsche ist, an einer Schule lernen und woher die Eltern stammen. Die Zahl der Schulen, die nur noch Migrantenkinder mit Sprachnöten unterrichten, wächst, und die anderen in solchen Vierteln sind rasch überfüllt.

Ein kulturelles Fundament droht zu zerfallen

Und die Mittelschicht, von Abstiegsängsten heimgesucht, aber auch entnervt angesichts hilfloser Appelle, auf die heilsame Wirkung guter sozialer Mischungen zu vertrauen: Sie kündigt einen Konsens auf, der bald zweihundert Jahre gehalten hat und eine Modernisierung hervorbrachte, von der wir heute noch zehren. Vergessen scheint der kanonische Satz im Allgemeinen Preußischen Landrecht (1794): „Schulen und Universitäten sind Veranstaltungen des Staates, welche den Unterricht der Jugend in nützlichen Kenntnissen und Wissenschaften zur Absicht haben.“

Das Privatschulwesen, das in Deutschland eine gute Tradition als Ergänzung und gesunde Konkurrenz des staatlichen hatte, profitiert nun von schlechtgelaunten und unglücklichen Lehrern, von fehlenden Putzfrauen, von mysteriösen Fehlstunden an Staatsschulen, die niemand aufklären will – und die es in Privatschulen trotz gleicher Ausstattung nicht gibt –, und von der Weigerung einer Gesellschaft, offen über die Folgen sozialer und kultureller Veränderungen zu streiten. Damit droht ein Fundament zu zerfallen, ein kulturelles zumal, auf dem die deutsche Schule steht, seit dem achtzehnten Jahrhundert, das man nicht von ungefähr immer noch das „pädagogische Jahrhundert“ nennt. Es brachte, unter anderem, das neuhumanistische Gymnasium hervor: eine Schule, die jeden aufzunehmen hatte, der es leisten konnte, nicht aber nur den, der es sich leisten konnte.

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Jahrgang 1953, Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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