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Praktikanten Die Reservearmee kommt aus der Deckung

24.11.2005 ·  Sie brauchten das Internet und drei Monate Vorbereitung: Heute sind die französischen Praktikanten in Generalstreik getreten. In Deutschland redet man stattdessen weiter über die „Generation Praktikum“.

Von Jennifer Wilton
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In Frankreich gehen sie jetzt auf die Straße. Die Gesichter hinter weißen Masken verborgen, marschieren sie durch die Pariser Innenstadt und stürmen Betriebskantinen, drücken Personalchefs Flugblätter in die Hände und skandieren in Sprechchören immer wieder das Gleiche: „keine Rechte, kein Vertrag, kein Lohn“. Sie nennen sich „génération précaire“, prekäre Generation, dabei fehlte es diesen Hochschulabsolventen bisher an kaum etwas - nur mit dem Berufseinstieg hat es nicht geklappt. Statt dessen landeten sie in der Praktikantenschleife.

Während in den Vorstädten noch die Autos brannten, formierte sich in den bürgerlichen Vierteln eine Protestbewegung, die ein paar Kilometer weiter wie der kokette Aufstand der Wohlstandskinder anmuten muß. Und doch ähneln sich die Gründe des Protestes. „Wir wollen nur eines“, heißt es nicht ohne Pathos auf der Internetseite der revoltierenden französischen Praktikanten: „einen Platz in dieser Gesellschaft“.

Betroffen sind inzwischen fast alle

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde auch in Deutschland die „Generation Praktikum“ ausgerufen - um ein Phänomen zu beschreiben, das inzwischen weite Kreise zieht: zahlreiche junge Akademiker und hochqualifizierte Nachwuchskräfte, denen einst eine rosige Zukunft prognostiziert wurde, hangeln sich von Praktikum zu Praktikum oder schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch - fast immer schlecht bezahlt, nicht selten ohne jeden Lohn, oft über Jahre.

Ob Betriebswirte oder Geisteswissenschaftler, Juristen oder Architekten - betroffen sind inzwischen fast alle. Wie viele es sind, kann auch der Deutsche Gewerkschaftsbund, der derzeit eine Studie zum Thema erstellt, noch nicht sagen. Soviel aber doch: Es werden immer mehr. Hinter vorgehaltener Hand ist von Hunderttausend die Rede.

Zaungäste - nicht nur des Berufslebens

Nicht nur diese Zahl spricht dafür, die „Generation P“ ernst zu nehmen. Anders als bei bisherigen Generationsmodellen - ob X oder Y, Golf oder Berlin - geht es hier nicht mehr um ein medien- und marktkompatibles Lebensgefühl, sondern um einen Zustand, mit dem sich die Betroffenen nur unfreiwillig identifizieren. Er ist symptomatisch für eine Schieflage, die nicht den Arbeitsmarkt allein betrifft. Entsprang die Beschwörung immer neuer Generationen bisher dem Willen, sich von den Älteren zu distanzieren, wird die Abgrenzung hier von außen diktiert.

Die Gefühlslage der „Generation Praktikum“ läßt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Wir müssen leider draußen bleiben. Praktikanten sind Zaungäste - nicht nur des Berufslebens. Wer alle sechs Monate gezwungen ist, mit dem Arbeitsplatz auch den Aufenthaltsort zu wechseln und sich in Fernbeziehung zu arrangieren, für den liegen Familienplanung und Nachwuchs in weiter Ferne. Während sich die heute Vierzigjährigen über ihre Weigerung, erwachsen zu werden, Gedanken machen, werden die zehn Jahre Jüngeren zur dauerhaften Jugendlichkeit gezwungen.

Es gilt das Prinzip Hoffnung - und das Prinizip Angst

Man kann auch die Meinung hören, die Probleme dieser jungen Akademiker seien nicht existentiell. Wer es sich leisten könne, umsonst zu arbeiten, dem gehe es zumindest nicht so schlecht wie demjenigen, der jeden Job annehmen müsse. Das ist zwar richtig - aber auch vollkommen falsch. Viele der Praktikanten werden von ihren Eltern unterstützt, finanzieren sich ihre Arbeit durch andere Arbeit - oder, inzwischen immer häufiger, durch Arbeitslosengeld II.

Natürlich gibt es Erklärungen: Die Globalisierung, die Konjunktur, der verschärfte Wettbewerb. Und die Praktikumsgeber - Unternehmen, Stiftungen, Organisationen, Agenturen, Ministerien - meinen, es auch nicht leicht zu haben. Da kommen die Jungakademiker zum Discountpreis wie gerufen. „Das ist wie in einer griechischen Tragödie - beide, Praktikanten und Unternehmen, sind in unterschiedlichen Ecken eines Systems gefangen, aus dem sie nur schwer herauskommen“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Christian Scholz von der Universität Saarbrücken, räumt aber auch ein: „Natürlich ist das für die Unternehmen kurzfristig eine tolle Geschichte - weil sie Kosten reduzieren und Flexibilität haben“. Für die Praktikanten ist es keine so tolle Geschichte, weder für jetzt noch für morgen. Daß sie sich in ihre Rolle fügen, hat viel mit dem Prinzip Hoffnung zu tun und genauso viel mit dem Prinzip Angst. Beide funktionieren in Deutschland besonders gut.

In Deutschland dümpeln sie vor sich hin

Als Höhepunkt ihrer Aktionen hat die französische Praktikantenbewegung für heute einen landesweiten Streik angekündigt. Würden es ihnen Praktikanten in Deutschland gleich tun, hätten etliche Branchen ein Problem. Die ehemalige Praktikantin einer großen, weltweiten Organisation, bei der unzählige Projekte von unbezahlten, selbstverständlich studierten Praktikanten betreut werden, erzählt indessen, daß sie für einen Streik keine Mitstreiter fand. Sie wollten keinen schlechten Eindruck machen. Die Praktikantin der Stiftung eines großen deutschen Konzern akzeptierte auch die dritte Verlängerung ihres Dreihundert-Euro-Vertrages noch dankbar. Vielleicht, ganz vielleicht winkt ja doch irgendwann die Festanstellung, sagt sie.

Aber die winkt fast nie, und obwohl „die Betroffenen ihre Situation als empfindliche und frustrierende Verletzung der Würde empfinden“, so die Zwischenergebnisse der DGB-Studie, verhalten sie sich ruhig. In Frankreich brauchte es das Internet und kaum drei Monate, um eine wirkliche Protestbewegung aufzubauen. In Deutschland dümpeln die Initiativen leise vor sich hin. Es ist signifikant, daß hierzulande die Unternehmen mehr daran interessiert sind, nicht zu den „Ausbeutern“ gezählt zu werden, als die Praktikanten daran, auf ihre Situation aufmerksam zu machen: Die Initiative „FairCompany“, bei der sich Unternehmen eintragen lassen, die Praktikanten zu fairen Bedingungen beschäftigen, hat großen Zulauf. Die Praktikanten selbst arbeiten erstmal weiter. Das Prinzip Hoffnung heißt auch: Man ist nicht Praktikant, man ist noch Praktikant.

Quelle: F.A.Z., 24.11.2005, Nr. 274 / Seite 37
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