26.01.2009 · Rekonstruktionen sind große architektonische Mode. Das zur Zeit meistbeachtete Vorhaben, Potsdamer Stadtschloss, das als brandenburgischer Landtag auferstehen soll, könnte zur Karikatur werden.
Von Dieter BartetzkoWie haben wir vor Jahren herablassend gelächelt, wenn die Rede auf Walter Benjamins Essay vom „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ kam. Was noch in den sechziger Jahren als Prophetentum galt, die Formel nämlich vom bedeutungslos gewordenen Original, hatte sich als grandioser Irrtum erwiesen. Denn trotz Warhol und Beuys hielten Künstler, Publikum und Kunstmarkt unbeirrt an der Einzigartigkeit aller Werke „erster Hand“ fest. Ob Leonardos milliardenfach reproduzierte Mona Lisa, Warhols Marilyn oder der „Röhrende Hirsch bei Blitzschlag“ von Beuys - sie sind uns unantastbar und unersetzlich. Benjamin perdu? Nicht gänzlich, denn ausgerechnet in der Baukunst, jahrtausendelang die „Mutter aller Künste“, erleben wir momentan den Bankrott des Originals und den Sieg der Reproduzierbarkeit. Die Rede ist von der stetig wachsenden Zahl der Rekonstruktionen.
Das momentan spektakulärste Projekt ist die - vergangene Woche endgültig beschlossene - Wiederauferstehung des Potsdamer Stadtschlosses als Sitz des brandenburgischen Landtags. Insofern auch ein sonderbares Spektakel, als zwar schon zwei Favoriten ausgewählt wurden, ihre Namen und Entwürfe aber vorläufig geheim gehalten werden. Wie auch immer - bis 2012, dem Eröffungsjahr des neu-alten Potsdamer Schlosses, werden wir schon etliche andere Eröffnungsfeiern für rekonstruierte Bauten erlebt haben. Die des barocken Frankfurter Thurn-und-Taxis-Palais beispielsweise, die des Pellerhauses, ein Kleinod der Renaissance in Nürnberg, und die der Berliner Bauakademie von Schinkel.
Rekonstruktionen fast wie vom Fließband
Rekonstruktionen fast wie vom Fließband - dies in Deutschland, jenem Land, wo infolge der verheerenden Kriegsverluste die Ehrfurcht vor dem architektonischen Original nach 1945 zur Tyrannei ausartete: Zu Hunderten wurden während des Wiederaufbaus kriegsversehrte historische Bauten abgebrochen, weil sie angeblich zu hohe Verluste an unwiederbringlicher Originalsubstanz erlitten hatten, und wenn man sich, wie etwa im Fall des zerbombten Frankfurter Goethehauses, doch zur Rekonstruktion entschloss, dann erfolgte dies mit Akribie. Jeder Schuttkegel wurde nach originalen wiederverwendbaren Resten, nach Fragmenten von Gewänden, Stuck und Konsolsteinen, selbst nach Nägeln und Türangeln durchsiebt.
In unseren vom blinden Glauben an die Reproduzierbarkeit aller Architektur gezeichneten Tagen geschieht das Gegenteil: In Frankfurt am Main startete die Rekonstruktion des barocken Palais Thurn und Taxis mit dem Abriss der erhaltenen Torpavillons, den einzigen originalen Überbleibseln der 1949 gesprengten Anlage. Der Grund: Sie standen einer Tiefgarage im Weg, wurden eingelagert und werden derzeit in die Replik integriert. Gänzlich originalfrei ist Berlins rekonstruierte „Kommandantur“ Unter den Linden. Damit wiederum ist sie ein Zwilling des benachbarten Kronprinzenpalais, das die DDR, darin ausnahmsweise Architektur-Pionier, 1950 gesprengt und 1968 aus dem Nichts nachgebaut hatte.
Die Kopie aller Fassaden
Beim Potsdamer Stadtschloss ist die Ausgangslage sehr viel günstiger. Dort waren viele Originalteile vor der Zwangssprengung der Kriegsruine im Jahr 1960 geborgen worden und liegen nun zur Wiederverwendung bereit - Säulen und Pfeiler, Gewände, Fassadenstatuen, Reliefs und Ziergitter. Zwar hinderte dies die zuständigen Landtagsabgeordneten Brandenburgs nicht, anfangs einen den Bedürfnissen eines heutigen Parlaments angemessenen „modernen Neubau in der historischen Kubatur“ zu fordern. Nachdem 2001 dank einer Spende des Fernsehmoderators Günther Jauch das barocke „Fortunaportal“ als Anreiz für eine Gesamtrekonstruktion aufgerichtet worden war, favorisierten die Politiker einen Zwitter aus Repliken und modernen Trakten. Erst die Zwanzig-Millionen-Euro-Stiftung des Software-Milliardärs Hasso Plattner, die er an eine vollständige Rekonstruktion des Äußeren knüpfte, bewirkte, dass nun die Kopie aller Fassaden sowie des berühmten Treppenhauses beschlosen ist.
Historische und ästhetische Gründe dafür gibt es zuhauf. Denn die freistehende Vierflügelanlage am Ufer der Havel war das - von Andreas Schlüter vorbereitete - Hauptwerk des Baumeisters Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff und Friedrichs des Großen, ein Höhepunkt des preußischen Barock und Rokoko. Kennzeichen des zwischen 1745 und 1756 vollendeten Baus war seine diskrete Noblesse nach italienischem Vorbild. Knobelsdorff und der Preußenkönig, der mehrmals energisch in die Planungen eingriff, so urteilten später die Kunsthistoriker, hatten in diesem Bauwerk zur Ausgewogenheit und bezwingenden Harmonie Palladios gefunden.
Entstellende Verzerrung
Die nun aus den fünf Entwürfen dreier Bieterkonsortien zwecks letzter Überarbeitung ausgewählten zwei möchten all dies zurückgewinnen. Doch besteht die Gefahr, die Kostbarkeit des Originals an die Instinkt- und Gedankenleere der vermeintlich problemlosen Reproduzierbarkeit zu verschleudern. Denn noch immer ist vorgesehen, wegen des enormen parlamentarischen Raumbedarfs den Haupttrakt - das corps de logis - und die Längsflügel zum Innenhof hin zu „verdicken“.
Was auf dem Papier oder dem Computerbildschirm wie eine unmaßgebliche Änderung anmutet, wüchse sich in der Realität zur entstellenden Verzerrung aus. Der perfekt proportionierte, quadratische Innenhof würde nämlich zu einem gedrängten Rechteck zwischen Hoffassaden, die vier und fünfzehn Meter vor der einstigen Flucht zu stehen kämen und damit ihrer ausgeklügelten Fernwirkung und des diffizilen Zusammenspiels der Säulen und Pilaster beraubt würden.
Selbst kleinste Korrekturen bewirken fundamentale Änderungen im Erscheinungsbild - und damit der Aussage - eines Bauwerks. Das lässt sich von Tag zu Tag deutlicher an Frankfurts im Nachbau befindlichen Thurn-und-Taxis-Palais studieren. Dort hat man aus Platzmangel (direkt hinter dem Palais entstehen zwei Hochhäuser) sämtliche Achsen gestaucht, hat Höhe und Tiefe des Ensembles verkürzt, hat Nebenbauten sowie angrenzende Pavillons eliminiert und stattdessen neue Seitenfassaden erfunden. All das hat mit dem genial verschachtelten einstigen Original so viel zu tun wie die historische Kaiserin Elisabeth von Österreich mit Ernst Marischkas Sissi-Filmen.
Das Original als Verfügungsmasse
Aus dieser Perspektive verwirklicht sich Benjamins These schlimmer, als ihr Verfasser es wohl je dachte. Nicht die exakte, sondern die ungefähre, auf Grobreize beschränkte Reproduktion setzt sich durch. Ihr ist das Original nur Verfügungsmasse, aus der sie bedarfsweise auswählt, verkürzt, vergrößert oder zerstückelt. Wer käme auf die Idee, beim Kopieren der Mona Lisa deren Haaransatz zu verändern, die Wangen zu verschmälern oder die lächelnden Lippen üppiger zu malen? Alle Welt würde von Stümperei sprechen.
Was bei Gemälden die Linie und die Komposition, sind bei Bauten Umriss, Dekor und Proportion. Auch wenn deren akribische Wiederholung nicht die Auferstehung des Originals mit seinen tausend Unwägbarkeiten bedeutet, so gibt sie doch den besten Eindruck dessen, was war. In Potsdam hängt nun alles an jenem „Dialogverfahren“, das der Landtag angekündigt hat. In ihm sollen Fragen des Wiederaufbaus „geklärt und nachgebessert“ werden. Noch also kann man sich entscheiden, ob fahrlässig reproduziert oder achtsam rekonstruiert werden wird. Auf dem Spiel steht mehr als Bauästhetik. Potsdam entscheidet, ob wir der Geschichte und damit uns selbst ins Gesicht sehen - oder ob wir sie und uns nach kurzsichtigen aktuellen Bedürfnissen modellieren und dekorieren.