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Popmusik und Digitalisierung Durchhalten: Es kommen goldene Zeiten

20.01.2009 ·  Wenn zauselbärtige Computernerds mit Agitationsfunkeln in den Augen von ihrer Mission einer „Befreiung der Musik von den Musikfirmen“ schwärmen: In Berlin beraten Pop-Experten über Freiheit, Partizipation und daheim produzierte MySpace-Welthits.

Von Till Krause
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Das Schlagwort von der „Musikpiraterie“ hat an Kraft verloren, seit in Somalia richtige Piraten mit richtigen Waffen bekämpft werden. Doch der Wandel in der Produktion und Distribution von Musik bleibt auch im Jahr elf nach Napster so aktualisierungspflichtig wie eine Facebook-Statusmeldung. Was machst du gerade, Digitalisierung?

Um die Debatte über Freiheit, Partizipation und daheim produzierte MySpace-Welthits auf den aktuellen Stand zu bringen, trafen sich am Wochenende im Berliner Hebbel am Ufer bei der Konferenz „Dancing with Myself“ Pop-Profis aller Disziplinen. Vor Publikum (gebildet, dunkel gekleidet, Mitte dreißig) diskutierten Theoretiker, Künstler und Web-Profiteure über Musik, Geld und Gemeinschaft nach der Digitalisierung. Schon im Programmheft hat die Konferenz den passenden Begriff für die Probleme der Musikindustrie gefunden: Folklore. Denn der gefühlte Niedergang der Plattenfirmen ist längst zu einer profanen Überlieferung des Alltäglichen geworden, nachzuhören auf jeder U-Bahn-Fahrt: „Ich habe kein Problem damit, Madonna herunterzuladen, aber Animal-Collective-Alben kaufe ich mir auf Vinyl.“

Genau an dieser Unterscheidung setzte eine Diskussionsrunde an: Gilt die alte Pop-Binsenweisheit von gutem Independent und der bösen Industrie im Netz überhaupt noch? Für den bühnentauglich resignierten Postpunk-Musiker Mark Stewart scheinbar nicht - er findet beides irgendwie böse: Majorlabels sowieso, doch auch Indies machten ihre Geschäfte mit den großen Unternehmen. Und um bei der digitalen Revolution überhaupt so richtig mitmachen zu können, müsse man ja erst für Tausende Euro Apple-Laptops kaufen, „militärische Technologie“, wie der Sänger in den Stars-and-Stripes-Turnschuhen sagte. Die interessantere Frage von Moderator Tobi Müller, ob die gar nicht einmal so billigen Waren aus der Do-it-yourself-Produktion nicht zum Luxusartikel einer Laptop-Bohème würden (und damit der Ideologie des Punk grundsätzlich widersprechen), blieb leider unbeantwortet.

Was Murdoch wohl dafür zahlen würde?

Trotzdem zeigte die Konferenz: Wenn Pop-Musik eine gesellschaftliche Funktion jenseits von Absatzstatistiken haben soll, speist sie ihre Kraft oft aus einer Mischung aus Naivität und Enthusiasmus. Im Abschlussfilm „Steal this film“ sah man, dass eine solche Funktion heute nicht mehr in der Musik, sondern auch in ihrer Verteilung liegen kann. So schwärmten die zauselbärtigen Computernerds der illegalen Tauschbörse „The Pirate Bay“ mit diesem typischen Agitationsfunkeln in den Augen von ihrer Mission von der „Befreiung der Musik von den Musikfirmen“. Und während man darüber nachdachte, wie viel ein Rupert Murdoch für den Markennamen „The Pirate Bay“ auszugeben bereit wäre, kam die Erkenntnis, dass auch die digitale Freiheit im Netz eines Tages als Folklore durch die digitalen Märchenbücher geistern wird. Das Foyer-Geraune zwischen den Vorträgen (bei Bionade und Salamistulle) klang jedenfalls schon sehr nach „Business-Meeting“, es ging um Dinge wie Zahlhemmschwelle, Kulturflatrate, Verwertungsschnittstelle, Impactfaktor.

Patrick Wagner vom Label Louisville faltete die Hände: „Momentan geht es nur ums Durchhalten. Aber es kommen goldene Zeiten!“ Der Traum vom digitalen Paradies - auch schon Folklore.

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