04.05.2006 · Wenn MTV „Christiansen“ spielt: Am Mittwoch abend hat der Sender die umstrittene Papst-Satire „Popetown“ gezeigt - und darüber mit Gästen diskutiert. Das Protokoll einer Debatte über eine Satire, die in Wahrheit kindische Tintenspritzerei ist.
Von Jörg ThomannAm Mittwoch abend um 21 Uhr zeigte MTV die erste Folge der neuen Cartoonserie „American Dad“. Zu sehen waren ein beim CIA beschäftigter Familienvater, der seinen Toaster erschoß, ein sächselnder, sexsüchtiger Goldfisch sowie ein schleimspritzender Außerirdischer mit unstillbarem Appetit auf Junkfood. Mit ihren mehrheitlich analfixierten Pennälerwitzen fügte sich die Sendung perfekt ins Programm: ein ganz normaler Fernsehabend auf MTV.
Dann aber wurde es seltsam. Auf dem Bildschirm erschien der Moderator Markus Kavka mit der munteren Aufforderung: „Jetzt wird diskutiert!“ Und zwar über die Sendung „Popetown“, die gleich anschließend gezeigt werden sollte, nachdem das Landgericht München einen Antrag des Erzbistums München-Freising auf Erlaß einer Einstweiligen Verfügung noch am späten Nachmittag zurückgewiesen hatte (siehe auch: MTV darf „Popetown“ zeigen - Landgericht gibt Antrag nicht statt) - Höhepunkt einer Auseinandersetzung des Senders mit konservativen Politikern und Vertretern der katholischen Kirche, die durch die Comic-Satire um einen kindsköpfigen Papst christliche Gefühle verletzt sahen. MTV entschloß sich darauf, die erste Folge von „Popetown“ in eine Expertendiskussion einzubetten und nach den Zuschauerreaktionen zu entscheiden, ob die Serie fortgesetzt werde (siehe auch: „Popetown“ läuft - mit einer Folge). Ein Zugeständnis an die Kritiker und zugleich der konsequente Abschluß einer medialen Inszenierung, die dem Sender und der Serie ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit beschert hatte.
Sehr ernsthaft und gesittet
So kam es, daß am Mittwoch abend um 21.30 Uhr bei MTV ein wenig „Christiansen“ gespielt wurde. Wo sonst kirchernder Girlie-Jargon oder Rapper-Rüpeleien vorherrschen, nahm mit Markus Kavka der älteste und damit am stärksten unter Seriositätsverdacht stehende MTV-Ansager inmitten einer Podiumsrunde Platz, in der es sehr ernsthaft und gesittet zugehen sollte - auch wenn, anders als bei dem ARD-Talk, die Teilnehmer keine Anzüge, sondern Poloshirts trugen und sich, so jung wollte man sich dann doch geben, gegenseitig duzten. Das einstige „Bravo“-Girl Mirjam Weichselbraun nahm den Part ein, den bei Christiansen Jürgen Falter ausfüllt: Sie lieferte Ergebnisse einer von MTV in Auftrag gegebenen Umfrage zu „Popetown“. 50 Prozent der befragten Vierzehn- bis Neunundvierzehnjährigen waren demnach der Ansicht, die Kirche habe mit ihrer Kritik „überreagiert“, 78 Prozent waren der Meinung, die Sendung solle gezeigt werden, und von stolzen 91 Prozent konnte sich MTV bescheinigen lassen, daß die Entscheidung, über „Popetown“ öffentlich diskutieren zu lassen, gut sei.
Die größten Gegner der Serie ließen sich dadurch schon deshalb nicht beeindrucken, weil sie gar nicht anwesend waren. Wenig überraschend hatten weder Edmund Stoiber noch Kardinal Wetter, ja nicht einmal Markus Söder den Weg ins MTV-Studio gefunden; einzig Dirk Tänzler, Vorsitzender des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), schalt tapfer die gute alte „Spaßgesellschaft“ und beklagte, daß „Popetown“ einem „guten Miteinanderleben“ nicht zuträglich sei. Ein Verbot der Sendung forderte er gleichwohl nicht. Alle anderen auf dem Podium sahen die Sache lockerer. Joachim von Gottberg von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen, dessen Verein nichts gegen die Ausstrahlung der Serie einzuwenden hatte, vertrat die Ansicht, es könne kein Mensch glauben, daß es sich bei „Popetown“ um „ernsthafte Kirchenkritik“ handele.
Ein bißchen Tinte spritzen
Rapper Smudo von den „Fantastischen Vier“ bescheinigte der Kirche durch die Debatte einen Imageverlust, MTV hingegen einen Imagegewinn, hielt die Serie selbst aber für ziemlich belanglos und die Satire etwa von „South Park“ für wesentlich zielgerichteter: „Popetown“ wirke so, „als wollte jemand einfach nur ein bißchen Tinte spritzen“. Christian Zabel vom Fernsehfestival Cologne Conference hingegen fand die Serie bemerkenswert zum einen, weil es sich um eine „neue Form“ des „Zeichentricks für Erwachsene“ handele, zum anderen aufgrund ihres Themas. Eine direkte Aussage über die Qualität von „Popetown“ war das nicht. Die lieferte Michael Hanfeld, verantwortlicher Redakteur für die Medienseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der die Sendung „herausragend schlecht“ nannte. Er vermutet, daß letztlich nicht, wie von MTV proklamiert, die Zuschauer über eine Fortsetzung von „Popetown“ entscheiden würden, sondern die Werbekunden - die sich in einem solchen Umfeld nicht unbedingt wohlfühlen dürften.
Und dann war da noch Henry Gründler, der mit den „Freitag Nacht News“ auf RTL eine der schlechteren Comedyshows des deutschen Fernsehens moderiert und zu „Popetown“ sehr viel zu sagen hatte, was sich dem Zuschauer leider nicht recht erschloß. Von „Liebe und Freiheit“ sprach Gründler und vom Humor, der „etwas Göttliches ist“, von seinen Überzeugungen, daß die „Nähe zu Gott überhaupt kein religiöses Gefühl ist“ und daß Jesus, von dem er im übrigen ein „großer Fan“ sei, „sicher keine Religion“ hätte habe wollen. Bei soviel Tiefgang konnte Markus Kavka irgendwann nur noch staunen und wähnte sich „fast schon mitten in einer Wertediskussion, möcht' ich fast meinen“. Und das auf MTV.
Ein bißchen kindisch
„Markus, 21.52 Uhr, das heißt, es ist gleich soweit“, rief Mirjam schließlich den Countdown aus, und dann begann endlich „Popetown“. Die Folge handelte davon, daß der auf dem intellektuellen Niveau eines aggressiven Kleinkindes steckengebliebene Papst („Ich geh' jetzt 'n paar Waisenkinder treten“) beim Versteckspiel verlorenging und durch einen Doppelgänger ersetzt wurde, ein jüdisches Showtalent aus Brooklyn. Am Ende kämpfte sich der Papst, der zwischenzeitlich zur Sklavenarbeit in einer Hostien-Fabrik im Vatikan-Keller herangezogen worden war, seinen Weg mit Waffengewalt zurück in die Freiheit.
„Popetown“ ist in etwa so geschmacklos, plump und primitiv wie „American Dad“, das man allerdings im direkten Vergleich als Gagfeuerwerk bezeichnen muß. Ein von MTV per Straßenumfrage konsultiertes Mädchen brachte es auf den Punkt: Die Serie sei „'n bißchen kindisch, muß ich sagen“. Und werden nun weitere Folgen ausgestrahlt? Die Antwort gab Kavka mit einem Satz, den man, wären wir nicht bei MTV, glatt für ein Bibelzitat hätte halten können: „Sobald wir wissen, was wir tun, sagen wir's euch.“
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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