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Politologe Theodor Eschenburg : Ein Fall von Opportunismus bei unumstrittener Lebensleistung

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Theodor Eschenburg (1904 bis 1999) war nach seinem Studium der Nationalökonomie und Geschichte Mitarbeiter des Außenministers der Weimarer Republik, Gustav Stresemann, von 1933 bis 1936 Kanzleipartner eines jüdischen Rechtsanwaltes, nach 1945 Flüchtlingskommissar und Stellvertreter des Innenministers von Württemberg-Hohenzollern, schließlich Professor für Politikwissenschaft an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, deren Rektorenamt er von 1961 bis 1963 bekleidete Bild: picture-alliance / dpa

Es gibt Streit um Theodor Eschenburg, einen der bekanntesten deutschen Politologen nach 1945. Soll er, der Mitglied der SS und an einer „Arisierung“ beteiligt war, Namensgeber eines Preises bleiben?

          Die Frankfurter Buchmesse des Jahres 1985 näherte sich ihrem Ende, und der Herausgeber der F.A.Z. Joachim Fest empfing wie fast jedes Jahr Gäste eher konservativer Geisteshaltung in seinem Haus, das in einem verwunschenen Garten in Kronberg lag. Die fensterlose Fassade glich einer abweisenden Festungsmauer, doch wer eintrat, konnte sich wie in einem epochenversetzten, großbürgerlichen Haus fühlen, in dem sich mehrere Stilrichtungen überlagerten. Eine prachtvolle, überlebensgroße bronzene Nackte aus der Werkstatt von Georg Kolbe grüßte den Eintretenden im Treppenhaus, bis der Blick auf die zahlreichen, zart-verrückten Zeichnungen des Hamburger Künstlers Horst Janssen fiel, der sich so ganz anders darstellte als Fests Lieblingsmaler Klaus Fußmann. Lauter gesicherte Kunst, die neben und jenseits der modernen Klassik alle Modetrends überlebt. Die Gäste repräsentierten bis auf die Ausnahmen junger, hochtalentierter F.A.Z.-Feuilletonisten eine konservative Haltung, die sich zum Beispiel durch historiographische Publikationen aus der Gerhard-Ritter-Schule manifestierte. Industrielle und Bankiers, die Nachbarn in Kronberg, waren nicht zu sehen. Siegfried Unseld zählte zu den Stammgästen.

          Joachim Fest hatte mich als frischgebackenen Rowohlt-Verleger eingeladen. Vorausgegangen waren berufliche Begegnungen, die sich vor allem in Gesprächen über Hannah Arendt, die der junge Fest als Lektor im Piper-Verlag betreut hatte, aber auch in gemeinsamen Fragen über die geistigen Ursprünge des Dritten Reichs erschöpften. Die These, dass der Nationalsozialismus eine archaische Bewegung war, deren Ziel die Abschaffung des jüdischen Monotheismus gewesen sei, also eine Art Gottesmord-Organisation, der es nicht nur um die Vernichtung aller Juden, sondern auch ihrer Religion gegangen sei - nun, diese These ging Fest zu weit. Für ihn war der Nationalsozialismus der „Sieg der Gosse“, wobei er das Gesindel seiner bürgerlichen und aristokratischen Funktionäre keineswegs ausschloss.

          „Sieg der Gosse“: Anders als viele seiner Zeitgenossen hat sich der Großbürger Joachim Fest dem Wahnsinn nach 1933 nach Kräften verweigert

          Aber wo lag die moralische Grenze zum verzeihlichen, opportunistischen Mitläufertum? In der Biographie seines Vaters, „Ich nicht“, sollte Fest später einen Weg der Distanzierung, des Rückzugs aus dem zeitgeistkranken bürgerlichen Milieu der NS-Zeit nachzeichnen.

          An jenem Abend im Oktober 1985 kam es zu einem seltsamen Gespräch: Theodor Eschenburg, dem Autor aus regelmäßigen Besuchen des prominenten Gelehrten in der „Zeit“-Redaktion bekannt, offenbarte sich als enger Freund des großen Berliner Verlegers Ernst Rowohlt. Der gab, so erinnerte er sich, rauschende Feste auch nach 1933, „und da kamen natürlich auch Freunde mit ihren NSDAP-Parteiabzeichen am Revers. Und Ernst Rowohlt trug das auch.“ Bekannt war, dass Rowohlt 1936, mit einem NS-Berufsverbot belegt, nach Brasilien emigriert war. Seine wichtigsten Lektoren hatten das Land schon vorher verlassen, und die Bücher seiner jüdischen Autoren waren schon auf dem Scheiterhaufen der Nazis gelandet.

          Betretenes Schweigen

          Bekannt war allerdings auch, dass der ehemalige Offizier des Ersten Weltkriegs mit einem Blockadebrecher - angeblich begeistert vom Sieg über Frankreich - nach Deutschland zurückgekehrt war: Einer seiner Autoren soll ihn in Berlin mit dem bösen Spruch „Die Ratten betreten das sinkende Schiff“ begrüßt haben. Rowohlt meldete sich bei der Wehrmacht, wurde Hauptmann - und aus unbekannten Gründen 1942 entlassen. Angeblich wegen „politischer Unzuverlässigkeit“. Die Wehrmacht konnte Offizieren kündigen, mitten im Krieg? Zu diesem Zeitpunkt war sein Sohn Heinrich Maria Ledig-Rowohlt im Russlandfeldzug bereits schwer verwundet worden.

          Der große Ernst Rowohlt, der erste Verleger Kafkas - ein Parteigenosse? Das Gespräch mit dem nostalgischen Eschenburg nahm eine verblüffende Wendung. Rüdiger Altmann, einst Ludwig Erhards Kanzlerberater, der am selben Sofatisch saß, schaute Eschenburg spöttisch an und sagte: „Du warst doch auch bei der SS!“

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