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Veröffentlicht: 07.01.2014, 14:26 Uhr

Politikberater Die Kompetenzillusion

Orakelgekrakel: Wenn Politiker sich auf wissenschaftliche Berater verlassen, kann das übel enden. Milliarden werden dabei in den Sand gesetzt. Rekapitulation eines falschen Vertrauensverhältnisses.

von Marco Wehr
© dpa Hilft der Blick in die Kristallkugel? Wissenschaftliche Berater wirken mit ihren Modellen oft genug nicht weniger hilflos

Wissenschaftliche Prognostiker sind die Propheten unserer Zeit. Doch oft halten die mathematisch verbrämten Zukunftsprognosen einer kritischen Überprüfung nicht stand. Das hat extreme Konsequenzen: Mangels eigenen Sachverstands verlassen sich Politiker auf diese Expertisen und verantworten leichtsinnig Investitionsentscheidungen, die in die Billionen gehen. Deshalb ist es Zeit für einen mathematical turn, damit wir die Rolle der Mathematik in den Wissenschaften besser verstehen.

Die Kirchen waren bis auf den letzten Platz gefüllt, als das Inferno begann. Die Erde bebte und riss auf. Wohnhäuser, Paläste und Kirchen taumelten wie sterbende Riesen, bevor sie mit lautem Getöse zusammenbrachen und die schreienden Menschen unter sich begruben. Binnen Minuten stand die Stadt in Flammen.

Das Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755 hat das europäische Denken nachhaltig verändert. Es waren nicht die Sünder von Sodom, die ausgerechnet an Allerheiligen von den einstürzenden Gesteinsmassen zerquetscht wurden. Es waren Gottgefällige, die betend und singend in den Kirchen starben, während gleichzeitig Verbrecher raubten und mordeten, da es ihnen gelang, aus den Gefängnissen zu flüchten.

Die Welt schien mit einem Mal berechenbar

Konnte Gott so grausam und ungerecht sein? Es schlug die Stunde der Aufklärer. Voltaire verhöhnte Leibniz und machte sich über dessen Theodizee lustig. Eine solch himmelschreiende Ungerechtigkeit sollte die von Gott geschaffene bestmögliche aller Welten sein? Lächerlich. Immanuel Kant, weniger polemisch, dafür pragmatisch, war von dem Erdbeben fasziniert und sammelte alle Informationen, die ihm in die Hände fielen. Schließlich wagte er es, natürliche Ursachen für die Katastrophe zu postulieren. Er machte gigantische unterirdische Gasblasen für die Entstehung des Bebens verantwortlich. Damit stieß Kant die Tür auf.

Als im Jahr 1759 Wissenschaftler das Wiedererscheinen des Halleyschen Kometen exakt vorhersagten, war Europa elektrisiert. Die Welt schien mit einem Mal berechenbar. In diesem Zusammenhang sticht ein Mann besonders hervor: Pierre-Simon Laplace. Dieser verfasste maßgebliche Werke der Astronomie, die auch Napoleon nicht unbeeindruckt ließen. Als dieser den Wissenschaftler in den Rosengarten des Malmaison einlud und darauf hinwies, dass Gott in dessen Büchern nicht mehr vorkomme, beschied der Forscher dem Kaiser, dass er diese Hypothese nicht mehr benötige.

Er glaubte an den Menschen in seiner Beschränktheit

Trotzdem taugt Laplace nicht zum Säulenheiligen heutiger Berechenbarkeitsfanatiker. Zwar war der Franzose eine Lichtgestalt der Aufklärung, aber er erkannte die Grenzen wissenschaftlicher Berechnungen mit prophetischer Klarheit. Das macht ihn in unserem Zusammenhang interessant. Die in weiten Teilen realistische Einschätzung der Vorhersagbarkeit natürlicher Phänomene unterscheidet ihn von vielen heutigen Prognostikern.

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