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Politik paradox Wir sind alle Kreter

 ·  Griechenland muss glaubwürdiger werden, heißt es jetzt überall. Schluss mit dem Geseufze: Wir sollten endlich damit beginnen, mit den Lebenslügen unserer Gesellschaft aufzuräumen.

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Alle Kreter lügen, sagt ein Kreter. Im Original, dem Paulusbrief an Titus, klingt das philosophische Paradebeispiel für einen logisch unaufhebbaren Zirkel noch drastischer: „Einer von ihnen, ihr eigener Prophet, hat gesagt: Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche.“ Jetzt hat das sogenannte Paradox des Epimenides eine Wendung ins Politische bekommen. Denn alle regen sich jetzt darüber auf, dass die Griechen gelogen haben. Dass sie über ihre Verhältnisse leben. Dass sie mehr Schulden machen, als sie jemals zurückzahlen können, und den Rest Europas - oder genauer: einen Teil des Restes von Europa - als Zahlmeister voraussetzen. Das verbindet sie mit den Banken, die griechische Schuldtitel in ihre Portfolios mit aufgenommen haben, wohl vermutend, dass zwar ein Staat bankrott gehen kann, aber kein EU-Mitglied.

Doch die Aufregung ist selbst Teil der Lüge. Wir alle sind Kreter, jedenfalls, was das Lügen angeht, nicht so sehr in Sachen Selbstbezichtigung. Athen muss weiter sparen, wird durchgesagt. Aber es gibt keinen europäischen Staat, der nicht seine Bevölkerung über die fiskalische Lage im Unklaren ließe. Und es existiert auch kein Volk, das Abwrackmodelle, Steuersenkungsphantasien und Neuverschuldungseuphemismen nicht guthieße. Ab und zu gibt es ein bisschen Aufregung über Nachlässe für Hotelbesitzer, aber das war es dann auch schon. Kein Politiker, der darum nicht vor Wahlen - wie jetzt den nordrhein-westfälischen - zu den billigsten Tricks griffe, um die Steuerzahler an der Nase in die Wahlkabine zu führen.

Brüssel hat jahrelang das Schlimmste nicht verhindert

Athen müsse weiter sparen, sagt die Schuldenmacherin. Die absurde Theatralik des Die-Griechen-zappeln-Lassens dient vor allem zur Demonstration, man selbst habe den Haushalt unter Kontrolle. Kontrolle? Im selben Brüssel, von dem es jetzt heißt, es stelle Griechenland unter beispiellos strenge Aufsicht, war man über Jahre hinweg nicht willens, das Schlimmste zu verhindern. Kennen die dortigen Kreter die fiskalische Lage der Portugiesen, der Bulgaren, der Ungarn oder der Italiener? Der Deutschen? Die Antwort kann nur lauten: Ja, kennen tun sie die schon.

Aber wenn Politik darin besteht, Staaten und ganze Kontinente über Wohlfahrt zu integrieren, bleibt es nicht aus, dass vor der Unfinanzierbarkeit dieser guten Zwecke - der europäische Begriff dafür lautet „Kohäsion“ - die Augen verschlossen werden. „Nehmen Sie einer Durchschnittsgesellschaft die Lebenslüge, und Sie nehmen ihr zugleich die politische Ordnung“, könnte man Ibsen variieren.

Die Phrasen der Zeitdiagnostik

Zu diesen Lebenslügen gehört der ganze rhetorische Aufwand, den wir mit unseren Rationalitätsfiktionen treiben. Angeblich leben wir ja in einer Gesellschaft der permanenten Beobachtung und Überwachung, des unausgesetzten Evaluierens und Zertifizierens. Bezahlt werden die entsprechenden Agenturen jedenfalls. Angeblich leben wir auch in einer Wissensgesellschaft. War um lacht denn niemand, wenn solche Begriffe verwendet werden? Nicht einmal die auffälligsten Politikkatastrophen werden offenbar erkannt, bevor sie selbst vom bösesten Tier und faulsten Bauch nicht mehr abzuleugnen sind. Könnte also mal jemand aus der Abteilung Zeitdiagnostik diese Phrasen mit der Wirklichkeit einer sich über ihre Lage ständig selbst hinwegevaluierenden Gesellschaft vergleichen?

Griechenland ist insofern nur ein Beispiel. Wir stellen Zertifikate aus, von denen wir wissen, dass sie genau das Papier wert sind, auf dem sie stehen. Wir qualifizieren alle Bevölkerungen Europas ständig immer höher. Tausende von Politikern reisen in unablässiger Flugbereitschaft ständig zu Konferenzen, auf denen Einvernehmen erzielt und Auf-einem-guten-Weg-Sein festgestellt wird. Wenn uns Banken belügen und ausnutzen, glauben wir ihnen eine Weltsekunde lang nicht, dann wieder bis auf weiteres. Für Politiker, Moderatoren, Unternehmensberater gilt dasselbe.

Wir seufzen nach, was uns vorgeseufzt wurde

Durch komplexe Überlegungen weisen wir nach, dass Schulden Investitionen in die Zukunft sind, dass Europa eine tolle Sache ist oder dass Flugbenzin, die Steigerung der Autoproduktion, Stand-by-Schaltungen und subventionierte Viehhaltung am Klimawandel nicht schuld sein können. Die Chinesen und die Amerikaner, seufzen wir, weil es uns die Regierung so vorgeseufzt hat, müssten sich endlich bewegen. Und Griechenland müsse glaubwürdig werden. So glaubwürdig wie wir, wie Banken, wie Talkmaster, wie ein Abiturzeugnis, wie Kanzlerinnen, wie Kreter.

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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