http://www.faz.net/-gqz-7cjev
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 05.08.2013, 10:04 Uhr

Politik in Pausenstimmung Die Zukunftsverweigerung

Um das Politische bei den Parteien zu finden, reicht heute eine Lupe nicht aus. Warum es in diesem Wahlkampf um rein gar nichts geht. Und warum das eine Lüge und eine Zumutung ist.

von
© F1online

In diesen sommerlichen Tagen, da das politische Leben sich aus der heißen Hauptstadt weitgehend zurückgezogen hat, ist es die SPD, die immer mal wieder für Abkühlung sorgt. Es ist ja die Kernkompetenz der Sozialdemokraten, die Eiseskälte der sozialen Verhältnisse zu beklagen - aber der Schauder, mit welchem das Publikum auf die neuen Plakate der SPD reagierte, kam ganz bestimmt nicht davon, dass irgendwer die Kampagne cool gefunden hätte.

Claudius Seidl Folgen:

Es stehen da, in weißen Großbuchstaben vor rotem oder lilafarbenem Untergrund, die bekannten Forderungen der Sozialdemokraten. Bessere Kinderbetreuung, höhere Mindestlöhne, bezahlbarere Mieten. Es sind aber die Bilder, deren Bedeutungen seltsam zu schillern scheinen, es sind auf diesen Bildern die Menschen, welche den Forderungen der SPD ein Gesicht geben sollen, und diese Gesichter schauen so missmutig, so bedrückt, so depressiv in die Kamera, dass man sich fragt, was uns die SPD damit sagen will. Verspricht sie uns ein Leben in der Depression? Oder klagt sie die Regierung an dafür, dass die Produktion von guter Laune stagniert?

Die Frühstücks-Kanzlerin

Wer genauer hinschaut, entdeckt schnell, dass anscheinend die Hosen zwicken, die Schuhe drücken, die Hemden nicht richtig zu sitzen scheinen. Auch die Haarschnitte wirken seltsam schief - und je länger man diese Fotos betrachtet, desto weniger weiß man die Antwort auf die Frage, in welcher Beziehung diese traurigen Menschen in ihren traurigen Kleidern zur Regierung, zur Opposition und zu den Wahlen stehen: Gibt es für alle schönere Kleider mit Peer Steinbrück? Werden die Frisuren eleganter, wenn der Mindestlohn für Friseure steigt? Oder sind hässlichere Hemden der Preis dafür, dass die SPD die Ausbeutung der Textilarbeiter in Asien nicht länger dulden wird?

Im Spot der CDU, welcher schon seit dem Frühjahr kursiert, geht die Sonne auf, und glückliche Menschen steigen aus den Betten, putzen schneeweiße Zähne, selbst das Frühstück scheint sie anzulächeln. Währenddessen sitzt die Kanzlerin, längst angezogen und frisiert, an einem Tisch in ihrem Kanzleramt, trinkt Kaffee, liest die F.A.Z., und die Kamera schaut über ihre Schulter. Auf der Tonspur ist davon die Rede, wie glücklich, wie ideenreich und freiheitsliebend wir Deutschen seien, auf den Bildern liegt das Licht der Filterkaffeereklame, und der Geist einer Lebensversicherungsbroschüre hat die Montage inspiriert. Deutsche, Angela Merkel hat die Qualität eurer Frühstückssemmeln persönlich überprüft - das wäre wohl die Botschaft dieses Spots, wenn man ihn nicht, wegen seiner absoluten und totalen Nichtigkeit, noch während des Sehens vergessen würde.

Zukunftslosigkeit als Botschaft

Der Spot der FDP geht so los: „Deutschland geht es gut. Wir haben in den letzten Jahren der Regierungsverantwortung viel für Deutschland erreicht. Wir haben Deutschland modernisiert. Wir haben Deutschland auf Wachstumskurs gehalten. Wir haben die Rahmenbedingungen . . .“, na, und so weiter, und dazu gibt es die Bilder eines Regisseurs, der seine Zuschauer offensichtlich für Deppen hält: Münzen, die umfallen, wenn es ums Geld geht, das seinen Wert nicht verlieren darf. Menschen, viele Menschen, mit langer Brennweite herangeholt, wenn es um die Menschen im Lande geht, um welche sich die FDP auch weiterhin kümmern wird. Zwischendurch, wie ein Springteufelchen, wird immer wieder Rainer Brüderle hineingeschnitten, der im Pfälzer Singsang den Refrain in ein Mikrofon brüllt: „Wer hat’s gemacht? Wir hams gemacht!“

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gespräch mit Marina und Herfried Münkler Ein Traum für Deutschland

Hat die Flüchtlingsdebatte die Wirkung eines nationalen Jungbrunnens? Das Buch Die neuen Deutschen erzählt von einem Land, das seine besten Zeiten noch vor sich hat. Mehr Von Christian Geyer, Andreas Kilb und Regina Mönch

26.08.2016, 17:26 Uhr | Feuilleton
Ein Jahr Flüchtlingskrise Im Land der Helfer

Sie sind die Dienstleister der Kanzlerin: Ehrenamtliche, die seit einem Jahr Fulltime arbeiten. Doch was wird, wenn bald nichts mehr zu tun ist? Mehr Von Ralph Bollmann und Jenni Thier

26.08.2016, 19:11 Uhr | Wirtschaft
Merkels Aufruf Loyal bis auf den Pass?

Der Multikulturalismus ist gescheitert. Ein Mythos der Ausländer- und Integrationspolitik aber lebt weiter. An ihm will auch die Kanzlerin nicht rühren. Ein Kommentar. Mehr Von Berthold Kohler

23.08.2016, 19:09 Uhr | Politik
Indonesien Streit um Mega-Bauprojekt auf Bali

Auf der Ferieninsel Bali gehen die Menschen auf die Straße. Sie wehren sich gegen die geplante Luxusferienanlage mitten in der Bucht von Benoa, ein Projekt für 13 Milliarden Euro. Die Regierung von Bali hofft, dass durch die Ferienanlage die Wirtschaft und der Tourismus angekurbelt werden. Mehr

27.08.2016, 16:20 Uhr | Gesellschaft
Wahlkampf in Berlin Das Gespür für die Realität

Im Berliner Wahlkampf kommt keine Partei wirklich sympathisch daher. Für die Regierungskoalition könnte das zum Problem werden. Mehr Von Mechthild Küpper, Berlin

22.08.2016, 20:03 Uhr | Politik
Glosse

Gepfeffert

Von Michael Hanfeld

Die „Chicago Tribune“ meint, sie habe die geheimen Zutaten gefunden, mit denen Kentucky Fried Chicken Hähnchen bestreicht. Der Frittier-Konzern winkt ab. Wir kennen übrigens das Geheimrezept von Coca Cola. Mehr 2 2

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“