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Politik-Journalismus : Die Wahrheit liegt neben dem Platz

Schlecht gespielt und trotzdem gewonnen: Horst Seehofer beantwortet nach der Sondersitzung des CSU-Vorstands die Fragen der Journalisten. Bild: dpa

Nach dem WM-Aus der Nationalelf ging es endlich wieder um Politik. Man musste aber genau hinschauen, um den Unterschied zu erkennen: Politischer Journalismus klingt zunehmend wie eine Sport-Reportage.

          Alle zwei Jahre, wenn auf Twitter rätselhafte Akronyme wie #URUFRA oder #BRABEL im Trend liegen und im Fernsehen nicht einmal verlässliche Quotenschnulzen eine Chance gegen zweitklassige Länderspiele haben, alle zwei Jahre, wenn also in Europa oder in der Welt eine Fußballmeisterschaft stattfindet, kann, grob geschätzt, die eine Hälfte der Menschheit die andere nicht mehr verstehen. Und jedes Mal wird unter jenen, die sich nicht für den Sport interessieren, die Klage laut, dass die Welt doch wichtigere Probleme habe als Männer, die um einen Ball kämpfen; dass es nicht sein könne, dass es vier Wochen lang kein anderes Thema mehr gebe.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          In diesem Jahr hatte sich dieses Thema, zumindest was die deutsche Mannschaft betrifft, außergewöhnlich schnell erledigt, und tatsächlich dauerte es nicht lang, bis nach deren Ausscheiden die Politik wieder die Schlagzeilen dominierte. Es gab ja auch einiges zu berichten: Die Kanzlerschaft war in Gefahr, vielleicht sogar die Zukunft der Demokratie – und jene, die sonst so besorgt ein wachsendes Desinteresse der Menschen an der Politik diagnostizierten, konnten erleben, wie das Drama in Berlin die Menschen in Atem hielt. Endlich also ging es wieder um Politik, nicht mehr um Fußball. Wer aber die Berichterstattung verfolgte, musste schon sehr genau hinschauen, um den Unterschied zu erkennen.

          „Duell zwischen Merkel und Seehofer“

          Nicht erst seit der vergangenen Woche ist zu beobachten, wie sehr die politische Berichterstattung jener über den Sport ähnelt, in ihrer Sprache, in den journalistischen Formen, in ihrer Ambition; aber in dieser Woche war es unübersehbar. Schon in den Wochen vorher, als die Spitzenpolitiker der CSU mit ihrem plumpen Spiel begannen, konnte man sich darüber wundern, wie viele Medien es mitspielten, nicht nur der Boulevard: Bereitwillig übernahmen die Redaktionen von „Tagesschau“ bis „Spiegel Online“ (und auch die großen Tageszeitungen) das Skript, in dem ein populistischer Streit zur Schicksalsfrage des Landes hochgepuscht wird, und gaben dem Theater eine Bühne, auf dem es sich erst als nationale Krise aufspielen konnte.

          Statt über die Absurdität der Show zu berichten, über ein Manöver, das schon von weitem als ein Kampf um Aufmerksamkeit zu erkennen war, konzentrierten sich viele Journalisten auf das innenpolitische Krawallpotential und übernahmen bereitwillig das Narrativ vom „Kampf um die Kanzlerschaft“ und vom „Endspiel um Glaubwürdigkeit“. Statt Markus Söder oder Horst Seehofer zu fragen, was sie sich von einer Zurückweisung von Flüchtlingen an den Grenzen versprechen, spekulierte man lieber darüber, ob es Angela Merkel gelingen könnte, eine europäische Einigung zu erreichen.

          Leider wurden die Partien der Parteien nicht live übertragen

          Spätestens seit der Innenminister am Sonntagabend zu seinem überraschenden Solo ansetzte, konnte kaum noch jemand der Versuchung widerstehen, den Streit um das Thema Asyl als Duell zwischen Merkel und Seehofer zu beschreiben. Dabei fehlte kaum ein Element, das man aus der Vor- und Nachberichterstattung zu den WM-Spielen kennt: die sogenannte Analyse, die nur das Offensichtliche nacherzählt; die Spekulation über Personalien und eventuelle Aufstellungen; die Frage nach der Befindlichkeit der Akteure und ihrer Form, danach, wie sie sich fühlen und was sie „antreibt“.

          Während der CSU-Sitzung, auf der Seehofer seinen Dann-doch-nicht-Rücktritt ankündigte, erklärten die Reporter der „Tagesthemen“ ausführlich, warum Merkel angeschlagen und Söder „ein sehr wichtiger Mann in der CSU“ sei, dagegen sind selbst die Plattitüden von Kevin Kurányi gewagt. Und weil die Partien der Parteien leider nicht live übertragen wurden, wurden auf Twitter jene Hauptstadtreporter gefeiert, die am schnellsten die Indiskretionen weitergaben, die ihre Informanten aus den Kabinen lancierten. Es hätte niemanden mehr gewundert, wenn Holger Stanislawski Merkels Stellungsfehler analysiert oder Seehofers Laufwege bemängelt hätte. Insofern war es nur folgerichtig, dass auch der Hashtag zum Streit nach dem Vorbild der WM-Spiele gebildet wurde: #MERSEE.

          Es ist gar nicht so sehr der Stil dieser Art von Berichterstattung, der Ton, der der Sache nicht angemessen wäre, weil er zu flapsig und unseriös wäre; nichts spricht gegen den Versuch, Menschen für Politik zu interessieren, indem man diese als spannenden Prozess inszeniert. Schließlich ging es in dem Streit zwischen den Unionsfraktionen, der sich als Meinungsverschiedenheit um ein politisches Kernthema ausgibt, tatsächlich nicht um mehr als um ein Spiel um die Macht. Wie soll man schon darüber berichten, außer in Form von Gerüchten, Kommentaren, Spekulationen, Psychogrammen? Was an der Art der Berichterstattung irritiert, ist eher das Gegenteil: dass ihre Oberflächlichkeit der Sache völlig angemessen ist.

          Ein fundamentales Missverständnis

          Was aber unter den Tisch fällt, wenn die politische Berichterstattung nur noch von politischen Rivalitäten und persönlichen Animositäten handelt, ist der Kontext, in dem diese Spielchen stattfinden. Im Unterschied zur Fußballberichterstattung, bei der es oft eher wünschenswert wäre, wenn sie sich darauf konzentrieren würde, was auf dem Platz passiert, käme es im politischen Journalismus darauf an, Hintergründe, Interessen, größere Zusammenhänge der Taktik der Parteien zu erklären. Natürlich gibt es auch dafür Formen und Foren, im Feuilleton oder im Spätprogramm des Deutschlandfunks.

          Es ist aber ein fundamentales Missverständnis, den Kommentar und die Kritik des tagespolitischen Geschachers für eine Aufgabe zu halten, die man den Essayisten der „Zeit“ überlassen darf, für eine sekundäre Form des Journalismus, die die konkrete Praxis der Politiker in abstrakte Theorien auflöst; und die undistanzierten Berichte vom Spielfeldrand für Neutralität. Meistens ist Politik nicht das, was Politiker machen – das ist vor allem Rhetorik, Strategie, Wahlkampf. Eine Berichterstattung, die es für Objektivität hält, den Politikern möglichst ausgewogen das Mikrofon hinzuhalten, und für Wahrheit, möglichst schnell und unverfälscht zu verbreiten, was sie sagen, ist kein Journalismus, sondern nur die Exekution einer politischen Agenda.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          In letzter Zeit wird der Effekt, dass Journalisten schon durch die Auswahl von Themen und die Übernahme von Begriffen ein Deutungsmuster vorgeben, mit dem Konzept des Framings beschrieben. Vor allem in der Debatte um die Obsession der Talkshows mit dem Flüchtlingsthema und deren tendenziöse Titelgebung ist unübersehbar, dass Journalisten den Rahmen für das Weltbild des Publikums definieren. Wie gering das Bewusstsein für den eigenen Anteil an der Wirklichkeitskonstruktion ist, zeigte zuletzt beispielhaft ein Tweet der „Hart aber Fair“-Redaktion: „Framing? Als Journalisten können wir mit diesem Begriff wenig anfangen. Wir versuchen das, was Menschen beschäftigt, so darzustellen, wie es ist.“ Schwer zu sagen, ob das nur Ausdruck der Betriebsblindheit ist oder der peinliche Versuch einer Provokation.

          Immerhin: Allmählich lassen sich erste Versuche beobachten, die politische Rhetorik in Frage zu stellen. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat seit ein paar Tagen eine eigene Rubrik namens „Framing-Check“, in der analysiert wird, was Begriffe wie „Transitzentrum“, „Masterplan“ oder „Flüchtlingswelle“ suggerieren sollen. Der Großteil der politischen Berichterstattung aber hat keine Ambitionen, der Immanenz der aktuellen Stichworte zu entkommen. Dabei wäre es allenfalls ein erster Schritt, die Euphemismen, die zurzeit kursieren, nie ohne dicke Anführungszeichen zu verwenden. Noch wichtiger wäre es, nicht nur die amtlichen Lösungsvorschläge zu kritisieren, den Stil der Debatte oder die Performance der handelnden Personen. Sondern sich immer auch die Frage zu stellen, ob das Problem nicht darin besteht, was man zum Problem erklärt.

          Es sei, könnte man einwenden, nicht Aufgabe der Medien, den Diskurs zu erweitern, so beschränkt er auch ist. Solange Politiker Flüchtlinge für ein Problem halten, solange müssen Journalisten darüber berichten. Selbst die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling, die sich seit langem mit dem Phänomen des politischen Framings beschäftigt, sieht deshalb eine „unglaubliche Bringschuld auf Seiten der Politiker“.

          Solange diese sich aber darauf verlassen können, dass ihre Spielchen live übertragen werden, ist eher unwahrscheinlich, dass sie sie einlösen.

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