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Polens Schullektüre Goethe raus, Wojtyla rein

 ·  Goethe, Kafka, Dostojewskij, Joseph Conrad, Witold Gombrowicz: Ihre Werke sollen Polens Schülern künftig vorenthalten bleiben. Ein neuer Schulplan setzt statt dessen auf Autoren, die der national-katholischen Regierung genehm sind.

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Tinky Winky ist noch einmal davongekommen. Der violette unter den „Teletubbies“ darf mit seinen drei Freunden auch weiterhin über Polens Fernsehschirme tollen, nachdem die Kinderbeauftragte der Regierung ihn zwischenzeitlich sexueller Abartigkeit verdächtigt hatte. Nach eingehender Prüfung der Sendung jedoch kam Ewa Sowinska, die der nationalkatholischen Partei Liga der polnischen Familien (LPR) angehört, zu dem Schluss, dass der als Männchen ausgewiesene Teletubby zwar eine höchst verdächtige Damenhandtasche trage, sich ansonsten aber auch nicht seltsamer verhalte als die restlichen brabbelnden Plüschfiguren. Die Sorge, dass schon die Kleinsten der „homosexuellen Propaganda“ ausgesetzt seien, jenem von der Familienliga am stärksten gefürchteten Schreckgespenst, erwies sich als unbegründet. Und die Welt war um eine weitere kuriose Episode aus dem neuen Polen reicher, welche die nationalkonservative Regierung so regelmäßig liefert.

Denn schon hat sich die umstrittenste der drei Regierungsparteien für ihren Kulturkampf neue Gegner ausgesucht: Sie heißen Goethe, Kafka, Dostojewskij, Joseph Conrad oder Witold Gombrowicz. Roman Giertych, Parteichef der LPR, Stellvertreter des Ministerpräsidenten und Minister für nationale Bildung, hat seine Mitarbeiter einen Kanon erarbeiten lassen, der die Schullektüre unter anderem für die Gymnasiasten festlegt. Auf dieser Liste stehen zahlreiche neue Namen, während altbekannte fehlen, darunter die der oben Genannten. Statt des „Prozesses“, „Schuld und Sühne“ und der „Leiden des jungen Werther“ sollen Polens Schüler künftig die Biographie „Onkel Karol. Priesterjahre eines Papstes“ lesen sowie das Buch „Erinnerung und Identität“, verfasst von Johannes Paul II. persönlich.

Große Ladung Patriotismus

Mit gleich drei Werken taucht im neuen Lehrplan der katholische Publizist und Politiker Jan Dobraczynski auf, der zu Kriegsrechtszeiten eine „Patriotische Front der Nationalen Wiedergeburt“ gründete und gern Romane schrieb, als deren Helden Gestalten aus der Bibel auftraten. Dobraczynskis Bücher, heißt es aus Giertychs Ministerium, zeichneten sich aus durch eine „große Ladung Patriotismus und christlicher Werte“. Des weiteren konnten sich laut Ministerium solche Bücher für den Unterricht qualifizieren, die die Nächstenliebe unterstrichen sowie die wichtige Rolle, welche Familien für die Gesellschaft spielten.

Die „Gazeta Wyborcza“, die bedeutendste polnische Zeitung und seit dem Regierungswechsel zugleich das größte Oppositionsblatt, hat Giertychs Pläne öffentlich gemacht und sofort den Widerstand organisiert. Schriftsteller von Wislawa Szymborska bis Andrzej Stasiuk warnen davor, dass sich Polen zur Provinz mache, Buchhändler kündigen Kampagnen für die verbannten Bücher an. Die Kommentatoren linker wie rechter Zeitungen rätseln derweil eifrig, aus welchen Gründen welcher Dichter weichen muss: Goethe, weil er ein Deutscher war? Kafka, weil er ein Jude war? Oder weil er in seinen Werken die heilsame Wirkung der Familie nicht angemessen würdigte? Was mag wohl Dostojewskij verbrochen haben? Auch beim großen Koalitionspartner, der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), stößt Giertych auf Widerstand; Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski hat angekündigt, mit dem Bildungsminister sprechen zu wollen.

Unterrichtsschwerpunkt „Patriotismus“

Die Kanon-Affäre ist ein weiterer Beleg dafür, dass nicht die zur Mitte strebenden Kaczynski-Zwillinge oder der mitregierende radikale Bauernführer Lepper es sind, die Polens Ansehen den größten Schaden zufügen, sondern Roman Giertych. Als oberster Erzieher hat er Polens Jugend den neuen Unterrichtsschwerpunkt „Patriotismus“ verordnet und außerdem versucht, über eine „Abitur-Amnestie“ auch solchen Schülern zur Reifeprüfung zu verhelfen, die in einem Pflichtfach durchgefallen waren - eine Idee, die das Verfassungsgericht für verfassungswidrig erklärte. Für Verunsicherung an den Schulen sorgt zudem das erklärte Ziel der Familienliga, homosexuelle Lehrer aus ihren Ämtern zu drängen. Was den neuen Kanon angeht, so hat Giertych immerhin die Bereitschaft zum Rückzug angedeutet. Bei dem Lehrplan handele es sich um einen „Vorschlag“, über den noch diskutiert werde, sagte er am Freitag; im Übrigen sei nicht er selbst dafür verantwortlich, sondern ein Gremium von Lehrern aus ganz Polen. Dostojewskij, so fügte Giertych hinzu, werde sicher nicht aus dem Lehrplan verschwinden.

Größere Sorgen sollte man sich um Witold Gombrowicz machen. Der herausragender Vertreter der polnischen literarischen Moderne steht für alles, was der LPR und auch vielen Politikern der Kaczynski-Partei PiS verhasst ist. Gombrowicz war eigensinnig, elitär, provokant und ein gnadenlos spöttischer Kritiker der polnischen Gesellschaft sowie der im Land weitverbreiteten Neigung, das eigene Schicksal mythisch zu überhöhen. Auch machte er keinen Hehl aus seinen homosexuellen Neigungen. Auffällig war, dass Giertych bei seiner Rechtfertigung am Freitag mehrfach gegen Gombrowicz nachtrat. So seien die Werke Jan Dobraczynskis bestimmt in mehr Sprachen übersetzt worden als jene von Gombrowicz, behauptete der Minister. Dass es ein souveräner patriotischer Akt wäre, gerade auf einen Gombrowicz stolz zu sein, scheinen die Literaturexperten, die in Polen an der Regierung sind, nicht erkennen zu können.

Quelle: F.A.Z., 04.06.2007, Nr. 127 / Seite 33
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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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