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Tag der Handschrift : Wider die Verächter des Schönschreibens

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Erich Kästner bedankte sich mit einem handschriftlichen Gedicht für die Glückwünsche zu seinem 65. Geburtstag. Bild: INTERFOTO

Die anstrengende Übung, mit fünf Fingern „Ich“ zu sagen: Heute werden Schüler angehalten, nur noch auf der Tastatur zu schreiben. Was für ein Fehler! Ein Plädoyer zum Internationalen Tag der Handschrift.

          In jüngster Zeit melden sich wissenschaftliche Stimmen, die den Schulen empfehlen, auf das Einüben der Handschrift als unzeitgemäß zu verzichten. Die Finger sollten vielmehr frühzeitig auf das Handhaben von Tastaturen trainiert werden. In den Lehrplänen der Grundschulen ist seit Längerem schon das Üben des Schreibens zwar vorgesehen, benotet wird es hingegen nicht mehr. Die Frage nach einer verbindlichen Grundschrift oder einem Standard, der früher Schulausgangsschrift genannt wurde, ist strittig und Ländersache.

          Der heutige Internationale Tag der Handschrift bietet also Anlass zum Nachdenken. So wie Kinder Märchen brauchen, so wie sie im Mythischen ein frühes Zuhause finden, so reifen sie im Ausprobieren ihres sensomotorischen Vermögens, gewinnt ihr Selbstwertgefühl im Umgang mit dem Stift, mit dem sie die ersten Linien ziehen. Beim Schreiben lernen sie, Verbindungen zu erzeugen und im Überwinden fragmentierter Wahrnehmung der Sensation eines eigenen Signums nachzuspüren. Die Bildung der Handschrift ist ein Juwel aus den frühen Zeiten einer entstehenden personalen Identität, Zeichen einer großen Ernsthaftigkeit, einer wachsenden Zuversicht in ein elementares Vermögen auf dem Weg zu dem, was die Erwachsenen schon können.

          Aus den mannigfach kopierten großen und kleinen Buchstaben, einem Dickicht aus Bögen und Haken, von Strichen und Linien, zu Schleifen und Kreisen gezogen, bahnt sich die eigene Handschrift allmählich ihren Weg in das Universum der geschriebenen Sprache. En passant drängt sie sich in die tägliche Kletterei mit Stift und Papier, die Übergänge von einem zum anderen Buchstaben nutzt die Handschrift als Gelegenheiten für den beginnenden Eigensinn. So vollzieht sich ihr Auftritt kaum bemerkt. Während des Kopierens bringt sie sich ins Spiel, wenn die Finger unter der kalligraphischen Perfektion, die von der Vorlage angemahnt wird, zu verkrampfen beginnen. Statt Erschöpfung mag sich auch eine Portion Mut in die Bewegung der Hand mischen. Aus dem ein oder anderen Ausrutscher wird ein Schlenker, so dass sich unter der strengen Regie des Schönschreibens Spuren von Lässigkeit ins Gewissenhafte mogeln.

          Cornelia Funke schreibt ihre Manuskripte in der Erstfassung immer per Hand. Sie hat FAZ.NET vor ein paar Jahren zur Ansicht ein Original zur Verfügung gestellt
          Cornelia Funke schreibt ihre Manuskripte in der Erstfassung immer per Hand. Sie hat FAZ.NET vor ein paar Jahren zur Ansicht ein Original zur Verfügung gestellt : Bild: Cornelia Funke

          Angestrengt konzentriert wird Zeile für Zeile mit neuen Versuchen gefüllt und das soeben Entstandene mit dem Vorherigen verglichen. Das Wiederholen ist willkommen, schließlich stellt es in Aussicht, das Zeitalter der unbeholfenen Krakeleien hinter sich zu lassen. Im Gehorsam gegenüber dem Exerzitium meldet sich zaghaft ein Augenzwinkern, zunächst noch mit banger Rückkehr zum Rigorosen beim Ziehen der Linie, sogar erleichtert, weil die Lust unendlich ist, sich in dem zu verlieren, was von anderen vorgegeben wurde. Schreibend siegt das Unbekümmerte über die Vorsicht, und die Demut vor den Konventionen, zu der Eltern und Lehrer stellvertretend anhalten, wird vom Übermut überrannt. Ja, das Schreiben bildet Nuancen aus, in denen man sich fortan wiedererkennt, zunächst respektvoll dann schwungvoll beinahe virtuos – die eigene Handschrift: ein Kompromiss, den man dem Kampf zwischen Fügsamkeit und Ungehorsam abgerungen hat.

          Das Schreibenlernen unterliegt insofern einer ungeheuren seelischen Dynamik. Nicht nur der Linie und des konzentrierten Auf und Ab der Bögen wegen, sondern auch deshalb, weil im Vorgang der Gewöhnung die eine Hand die andere ziehen lassen muss und ihr eine motorische Spezialisierung einräumt, einen später nie aufholbaren Vorrang, mit Narben in den Fällen, in denen die eingespielten Gewohnheiten sich gegen das Verlangte sperren.

          Schlegels Handschrift im Romantikmuseum Frankfurt: Friedrich Schlegel krakelt mit der Feder so lange herum, bis er die Poesie ins Zentrum aller Künste gestellt hat.
          Schlegels Handschrift im Romantikmuseum Frankfurt: Friedrich Schlegel krakelt mit der Feder so lange herum, bis er die Poesie ins Zentrum aller Künste gestellt hat. : Bild: Jakob von Siebenthal

          Das eigene Schreiben spiegelt dem Schreiber ein komplexes Erleben. Es erschließt den Sinn der Welt in eigener Fasson. Kaum, dass es entstanden ist, ist es auf Bewährung aus. Auf Zetteln, die pedantisch verwahrt werden, auf Kassibern an die Freunde, in Bekenntnissen an die erste Liebe verschickt, und sehnsüchtig an das Ende der ersten Wunschzettel gesetzt, auf Postkarten von ein paar Tagen Schulausflug mit ausführlichem Bericht über das Wetter am Ort bis hin zu den ersten Seiten des Poesiealbums, der demonstrativen Einladung an die Eltern und Geschwister, an alle besten Freunde. Stets folgt die Übung demselben Ziel, schwarz auf weiß beglaubigt, mit dem Anspruch aufzutreten, ernst genommen zu werden.

          Ein Schriftkundiger zu werden, darin liegt die Sensation, die das Kind im eigenen Schreiben erlebt. Ein Schreiben, das sich fortan auf alles erstreckt, das mit Hilfe der gelehrig gewordenen Hand mitzuteilen ist. Als dessen Krönung, in unendlichen Versuchen geprüft und im Laufe der Zeit von Resten der Unbeholfenheit befreit, wird schließlich die Signatur gefeiert, Vorname und Nachname, die Schrift gewordene Fanfare des „Ich bin“, die Jahre später, versehen mit den Spuren des beruflichen Lebens – zwischen routiniert und angeberisch – unzählige Variationen durchlaufen wird. Das Schreiben, das erste große Joint Venture von Auge und Hand, verleiht Bedeutsamkeit, die leere Seite ist ein festlich heller Saal, der den Schreiber empfängt.

          Mehr noch: Das eigene Selbst graphologisch ausweisen zu können lässt die ungeheure Kraft einer Geste erahnen, sich mit Geschriebenem Gehör zu verschaffen. Man ist mithin, selbst wenn man abwesend ist, anwesend. Die eigene Handschrift eine Vorstufe der Gelehrtheit, ein Pour le mérite.

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