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Plädoyer für eine Algorithmen-Ethik Relevanz ist alles

Algorithmen machen das Leben bequemer, aber auch vorhersehbarer. Es werden schon Menschen an der Supermarktkasse identifiziert. Und trotzdem geben wir immer mehr Daten preis. Das muss aufhören.

© InterTopics Vergrößern Algorithmen sehen dich an: Sie beobachten, was der Leser sich anschaut, wo er hängenbleibt und wo er weiterliest

Anfang 2006 untersagte es das Bundeskartellamt in einem aufsehenerregenden Verfahren der Axel Springer AG, die Mehrheit an Pro7-Sat.1 zu übernehmen. Die Liste solcher Eingriffe lässt sich erweitern, natürlich auch um zahlreiche kontrovers geführte Diskussionen um die Pressefusionskontrolle generell sowie um Eingriffe des Staates oder auch der EU-Wettbewerbshüter in die Presselandschaft.

Auch wenn derartige Eingriffe in die Mechanik des Marktes schwer zu vertreten sind - die Motive liegen darin, Pluralität und letztlich die Unabhängigkeit der Medien abzusichern. Gleiches gilt für die in Zeiten wirtschaftlicher Nöte immer stärker diskutierte Trennung der wirtschaftlichen von der publizistischen Leitung eines Mediums. Die Gesellschaft betreibt einen erheblichen Aufwand, um sich den Zugang zu kritischer und unabhängiger Berichterstattung zu sichern. Doch unsere Medienlandschaft und vor allem die Art, wie wir Medien nutzen, ist starken Änderungen unterworfen; spätestens mit dem Erfolg des Internets sind Monopolfragen ganz neu zu stellen, die alten publizistischen Zentralachsen gelten vielleicht nicht mehr.

Doch was ist überhaupt mit diesen Prinzipien in einer Welt von Algorithmen? Als die Online-Branche vor rund zehn Jahren gewissermaßen laufen lernte, wurden schon bald Systeme entwickelt, um die Auslieferung digitaler Werbung nach bestimmten Kriterien individuell auf bestimmte Nutzer abzustimmen. Heute schon entscheiden diese Systeme in Spitzenzeiten bis zu 100 000 Mal in der Sekunde, wer gerade welche Werbung sehen sollte und wer nicht. Zur selben Zeit wurde an wirksameren Werbeformaten gearbeitet. Die Einführung sogenannter Pop-ups, also kleiner Fenster, die sich vor die eigentliche Website legen, um Werbung zu präsentieren, war für die Werbeindustrie ein Fest und für Anbieter von Inhalten mit Qualitätsanspruch ein Graus.

Entscheidende Rolle beim Medienwandel

Buchbar waren diese Pop-ups übrigens auch bei den Online-Angeboten zahlreicher deutscher Zeitungen, oft ohne das Wissen und gegen den Willen der Redaktionen. Sowohl Redakteure wie Online-Verantwortliche merkten das oft nicht einmal, da sie aus dem Prozess ausgeschlossen wurden: Die Systeme wurden einfach so eingestellt, dass Mitarbeiter der Zeitungshäuser an ihren IP-Adressen erkannt und von der Werbeauslieferung ausgenommen wurden. Angeblich wurden von einigen besonders kritischen Personen sogar die privaten IP-Adressen ermittelt, um auch dort für eine heile Welt zu sorgen.

Da wir davon ausgehen können, dass sich in spätestens zehn Jahren die meisten Menschen in erster Linie aus Online-Quellen informieren werden, gewinnen sie enorm an Relevanz. Eine führende Rolle bei diesem Medienwandel wird dabei von Algorithmen übernommen. Zeitungen werden zukünftig auf elektronischen Geräten gelesen oder häppchenweise per Stream konsumiert. Viele Leser werden neben den redaktionellen Angeboten zusätzliche, auf Algorithmen basierende Tools nutzen, um Inhalte individuell und voll automatisiert an ihre Interessen anzupassen. Viele dieser Inhalte werden darüber hinaus überhaupt nur existieren, weil ein weiterer Algorithmus den jeweiligen Bedarf dafür ermittelt hat.

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