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Montag, 13. Februar 2012
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Pisa-Studie Schulreform als Ausrede

15.05.2006 ·  Die Befunde werden mitgeteilt, als handele es sich um eine interessante Zukunftsaufgabe. Tatsächlich beschreibt die jetzt vorgestellte Auswertung der Pisa-Studie 2003 für Migranten aber ein gegenwärtiges Desaster.

Von Jürgen Kaube
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Die Befunde werden mitgeteilt, als handele es sich um eine interessante Zukunftsaufgabe. Eine „Herausforderung“, wie die offizielle politische Redensart für vergangenes Versagen lautet. Tatsächlich beschreibt die jetzt im Berliner OECD-Büro vorgestellte Auswertung der Pisa-Studie 2003 für Migranten aber ein gegenwärtiges Desaster. Jugendliche, die entweder nach Deutschland eingewandert sind oder aus Migrantenfamilien stammen, schneiden dramatisch schlechter ab als Migranten in anderen Ländern.

Durchschnittlich liegen sie ein ganzes Schuljahr hinter ihren Altergenossen aus deutschen Familien - die im Pisa-Test ja auch nicht bestachen - zurück. Selbst wenn man berücksichtigt, was die Statistiker den sozioökonomischen Hintergrund nennen, also Einkommen und Bildung der Eltern, wenn man also nur ähnliche Herkünfte vergleicht, beträgt der Abstand ein dreiviertel Jahr.

Drei Jahre Rückstand

Noch irritierender aber: Die Länge des Aufenthalts einer Migrantenfamilie in diesem Land hat im Durchschnitt gar keinen positiven Effekt auf die mathematische Bildung und die Lesefähigkeit ihrer Kinder. Jugendliche der zweiten Generation, also im Land ihrer Schulkarriere geborene, schneiden in allen europäischen Ländern besser ab als die Eingewanderten. Nur in Deutschland (und in Dänemark) nicht. 2003, als die entsprechenden Tests durchgeführt wurden, besaß ein hier geborenes Migrantenkind im Alter von fünfzehn Jahren einen Rückstand von drei, ja drei ganzen Schuljahren auf seine australischen oder kanadischen Altersgenossen.

So weit nur die allerschlimmsten Zahlen. Die Medien, so der Berliner OECD-Büroleiter Heino von Meyer, neigten dazu, am liebsten über Negatives zu berichten. Ob man denn nicht auch einmal etwas Positives sagen könne, zum Beispiel, wie gut die Integration andernorts funktioniere. Aber damit sind wir, tut uns leid, nicht bei den guten Nachrichten für die anderen - die Kanadier, Schweden oder Australier -, sondern bei der Lebenslüge der gesamten Pisa-Industrie, von ihrer statistischen Rohstofförderung über die erziehungswissenschaftliche Veredelung der Daten bis hin zum politischen Handel damit. Denn daß es andernorts gelingt, die schulischen Nachteile von Migranten in Grenzen zu halten, ist nicht in erster Linie eine Aussage über andere Schulsysteme. Es ist vielmehr eine über unsere Einwanderungspolitik, unsere Arbeitsmärkte und unseren Mangel an soziologischer Ehrlichkeit.

Worauf die Kanadier achten

Doch weil die Erziehungsstatistiker davon noch weniger verstehen als von Schulen, machen sie lieber das, was sie seit Jahrzehnten machen: Sie schlagen Bildungsreformen vor, fordern Integrationsprogramme und daß man die besseren, überwiegend einheimischen Schüler so lange mit den schwachen zusammen unterrichten soll, bis es zur Abfärbung kommt.

Nichts gegen integrierte Schulen, wenn sie gut durchdacht sind, was leider für die meisten Produkte der hiesigen Erziehungslobby nicht gilt. Tatsächlich aber geht es darum, sich der Tatsache zu stellen, daß Türken in Deutschland als größte Problemgruppe im Durchschnitt weniger bildungsfreundlich erzogen werden als beispielsweise die selektiv ins Land gelassenen Einwanderer Kanadas. Doch statt dessen spricht man, wie die OECD-Bildungsdirektorin Barbara Ischinger, verdruckst davon, daß der Unterschied „zum Teil auf Kompositionseffekte zurückgehen mag“. Weiß sie nicht, daß die Kanadier auf das Bildungsniveau ihrer Neubürger schon beim Grenzübertritt achten? Daß sie Einwanderer nicht in erster Linie einem Moraltest unterziehen, sondern über den Eintritt nach Kriterien entscheiden wie der Sprachbeherrschung im Englischen und Französischen, dem Abschluß, der Berufsausbildung und der Fähigkeit, für eine vierköpfige Familie um die 20.000 kanadische Dollars zu erwirtschaften?

Statistische Fehler und schiefe Vergleiche

Doch, sie weiß es, aber es paßt nicht zu ihrer Phrase, ein hoher Migrantenanteil müsse „nicht als Problem, sondern als Chance“ verstanden werden. Für wie dumm hält man uns, wenn man pauschal „Immigranten der ersten und zweiten Generation“ vergleicht, ohne zu erwähnen, daß in Kanada die einzigen nichteuropäischen Einwanderergruppen, die mehr als 2 Prozent der Bevölkerung ausmachen, Chinesen und Inder sind? Man lobt die Australier für ihre Sprachintegration und druckt im „Technischen Anhang“ ab, daß die Hauptgruppe der Einwanderer aus Großbritannien stammt. Die fabulösen Finnen finden sich gar nicht mehr im OECD-Bericht. Vielleicht mangels Migrantenmasse, oder damit keiner auf die Idee kommt, ihre Erziehungserfolge hätten am Ende damit zu tun, daß die Schule dort weniger gegen die Familien erziehen muß. Das bildungsstarke Schweden, so Frau Ischinger, sei ja auch ein Land mit hohem Migrantenanteil - mehr ein Viertel davon sind andere Skandinavier und Deutsche.

Sollte man nicht endlich davon ablassen, durch statistische Kategorienfehler und schiefe Vergleiche sich selbst und die Öffentlichkeit über die Wirklichkeit an unseren Schulen und in den Familien zu betrügen?

Quelle: F.A.Z., 16.05.2006, Nr. 113 / Seite 39
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