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Piraten Der aufhaltsame Aufstieg einer Partei

 ·  Viel Wind, wenig Power: Die Piraten-Show in Neumünster war vor allem ein Casting des neuen Bundesvorstandes. Wie die Bewegung der alten Nerds ihr neues Glück im Norden sucht.

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© dapd Vergrößern Politischer Stumpfsinn? Marina Weisband feiert ihre Rückkehr an die Piraten-Basis

Die Piratenpartei hat den Typus des Nerds aus den Tiefen seines Kellers mitten in die Welt geholt. Anstatt weiterhin bei schummrigem Licht Pizza in sich hineinzustopfen und Computer zu hacken, spielt der Nerd, den wir viel zu lange als einflussreiche Größe übersehen haben, nun im politischen und gesellschaftlichen Diskurs eine wichtige Rolle, und das ist erst einmal wichtig und gut. Er reist also zu Parteitagen, spricht in Kameras und lässt sich dabei filmen, wie er auf den Bildschirm seines Notebooks starrt. Doch mit dem Aufstieg kam auch die Angst - und im Moment drängt sich einem der Eindruck auf, dass die größte Angst des Nerds die ist, dass man ihn zurück in den Keller schickt, dass alles plötzlich wie eine Seifenblase zerplatzt und sich wieder wie früher anfühlt, als im Landschulheim niemand ein Zimmer mit ihm teilen wollte, als er von der Politik nicht als Staatsbürger, sondern als Kind behandelt wurde.

Es ist kein Zufall, dass jemand wie Jürgen Erkmann auf dem am Sonntag zu Ende gegangenen Piratenparteitag in Neumünster bei der Wahl zum Bundesvorsitzenden den dritten Rang belegte, hinter Sebastian Nerz und dem neuen Vorsitzenden Bernd Schlömer, dabei hatte sich der schlaksige Erkmann erst spontan auf dem Parteitag entschieden, überhaupt zu kandidieren. Erkmann stand auf der Bühne wie eine leere Hülle, die nur darauf wartete, dass die Basis sie mit Inhalt füllt. Ein Mann, bei dem niemand fürchten muss, er könnte im alltäglichen Politikbetrieb ein eigenes Profil entwickeln.

Politik als Beruf? Niemals!

Eine Minute lang stellte er sich vor, er hätte auch drei Minuten reden können, doch er wollte „nicht lange stören“. Er sagte Sätze wie: „Wenn ich zum Vorsitzenden gewählt werde, werde ich keine eigene Meinung haben.“ Oder: „Ich möchte die Parteiämter am liebsten abschaffen.“ Seine Agenda lautet: „Zurück zur Basis“. Entscheidend war eine andere Aussage. Jürgen Erkmann möchte nicht mit Gesichtern hantieren. Wiedererkennbarkeit ist eine Leitwährung in der medialen Welt, und diese Wiedererkennbarkeit, mit der oft eine gewisse Coolness einhergeht, stellt für den klassischen Piraten-Nerd, der in der Partei längst von sehr vielen Nicht-Nerds unterwandert worden ist, offenbar eine Gefahr da. Schon spricht man von der „Gründergeneration“. Solche Leute nämlich - das prominenteste Beispiel ist Marina Weisband - könnten ihn wieder von der Bühne stoßen, auf die er so mühsam geklettert ist.

Wie sehr die Nerd-Seele offenbar in Aufruhr ist, zeigt, dass die Piraten alles ablehnen, was nach Professionalisierung klingt. Den Bundesvorsitz von einem auf zwei Jahre verlängern? Bloß nicht! Die Effizienz von „Liquid Feedback“ hinterfragen, der software- und internetbasierten Meinungsbildung? Niemals! Politik als Beruf? Nein!

Dass der Parteitag in Neumünster, was nicht nur von München aus gesehen wie das Ende von Deutschland anmutet, stattfand, hatte einen einfachen Grund: in Schleswig-Holstein wird am kommenden Wochenende ein neuer Landtag gewählt. Die von den Piraten gemietete Halle hätte aber genauso gut in Garmisch-Partenkirchen oder Leipzig stehen können. Die Themen, die die Menschen in diesen Regionen wirklich beschäftigen, spielen in der Mitmach-Partei keine Rolle. Fragen zur Ökologie etwa beantworteten die Piraten, die für den Bundesvorsitz kandidierten, folgendermaßen: „Damit habe ich mich noch nicht konkret beschäftigt. Ist aber ein interessantes Thema.“ Oder: „Da gibt es Experten.“ Als würde unsere Umwelt nicht uns alle betreffen und wäre ähnlich abstrakt wie ein Algorithmus, den nur Experten durchschauen. Als hätte es vor dreißig Jahren keine grünen Piraten gegeben.

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