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Pinters Nobelpreisrede Antworten ohne Fragen

Harold Pinters Nobelpreisrede mit ihren polemischen Attacken auf Bush und Blair war zu größter Einseitigkeit entschlossen und erkennbar als Vermächtnis angelegt: ein effektvoller Abgang.

© AP Vergrößern Bekannte Töne: Pinters Videobotschaft

Die Schwedische Akademie hat bekommen, was sie von ihrem Literaturnobelpreisträger des Jahres 2005 erwarten durfte: Harold Pinter, der zornige alte Mann des britischen Theaters, hat seine Stockholmer Nobelpreisvorlesung genutzt, um vor den Augen der Weltöffentlichkeit die Vereinigten Staaten und ihren Präsidenten George W. Bush sowie Großbritannien und dessen Premierminister Tony Blair zu attackieren, zu geißeln, zu verurteilen und zu verdammen. Und nur Heuchler und Dummköpfe werden sagen, sie hätten mit etwas anderem gerechnet.

Hubert Spiegel Folgen:  

Es wäre übertrieben zu behaupten, daß die Nobelpreisträger Stockholm meiden, aber mit Pinter bleibt nun zum zweiten Mal nacheinander der Literaturnobelpreisträger den Feierlichkeiten der Schwedischen Akademie fern. Elfriede Jelinek bat im letzten Jahr um Verständnis: Eine Phobie macht ihr jeden Auftritt vor einem größeren Publikum zur Qual. So mußte die Rede der österreichischen Autorin als Videoaufzeichnung gezeigt werden.

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Kraftvolle Stimme, kraftvolle Worte

In diesem Jahr waren es Alter und Krankheit, die verhinderten, daß der fünfundsiebzigjährige Pinter seine Rede leibhaftig in Stockholm vortrug. Der schwer krebskranke Dramatiker saß im Rollstuhl, in eine Wolldecke gehüllt, aber seine Stimme, so schildern es Beobachter, war kaum weniger kraftvoll als seine Worte. Pinter, der selbst oft auf der Bühne gestanden hat, gilt als ausgezeichneter Schauspieler. In Stockholm hat er sich verschafft, was man in Theaterkreisen als effektvollen Abgang bezeichnet. Denn von einem Abgang muß man reden, weil Pinter seine Rede erkennbar als Vermächtnis angelegt hat.

Es war eine Zornesrede, die am Mittwoch in Stockholm auf Bildschirmen präsentiert wurde. Hatte sich das Publikum im vorigen Jahr bei Elfriede Jelineks Nobelpreisvorlesung erkennbar verjüngt, so war nun das schwedische „Establishment“ zurückgekehrt, wie Pinter vermutlich sagen würde. Allerdings zollte Schwedens gute Gesellschaft der Polemik und den Invektiven Pinters überwiegend Zustimmung, der Beifall war herzlich, nicht wenige Anwesende erhoben sich zum Applaus. Zumindest in diesem Saal war Pinters Überzeugung, der zufolge die Vereinigten Staaten und Großbritannien von „Massenmördern und Kriegsverbrechern“ geführt werden, offenbar mehrheitsfähig.

Wutentbrannte Philippika

Pinter begann seine wutentbrannte Philippika mit einem poetologischen Deckmäntelchen, das aber schnell abgeworfen wurde. Zunächst zitierte der Dramatiker ein künstlerisches Credo, das er 1958 notiert hat: „Es gibt keine klaren Unterschiede zwischen dem, was wirklich, und dem, was unwirklich ist, genauso wenig, wie zwischen dem, was wahr, und dem, was unwahr ist. Etwas ist nicht unbedingt wahr oder unwahr; es kann beides sein, wahr und unwahr.“

Die Wahrheit, so Pinter weiter, sei in der Kunst immer „schwer greifbar“. Unsere Aufgabe sei also die Suche nach Wahrheit. Als Autor halte er sich nach wie vor an diese Worte, als „Bürger“ könne er das jedoch nicht. Danach folgten einige Absätze, in denen Pinter beschrieb, wie seine Stücke entstanden sind, „Die Heimkehr“ etwa oder „Alte Zeiten“. Der Dramatiker erklärte die Bedeutung des ersten Satzes oder Wortes, beschrieb, wie ihm die Figuren begegnen, wie sie sich entwickeln, ein Eigenleben führen.

Schon oft gehört

All das sind Allgemeinplätze einer poetologischen Selbsterklärung, wie man sie schon oft gehört hat, und die doch immer wieder, bei jedem Autor auf ganz eigene Art, faszinierend sein können. Für Pinter waren sie kaum mehr als ein Vorwand, um möglichst rasch zu seinem eigentlichen Thema vorzudringen: Amerikas Verbrechen - die Invasion im Irak, der Rechtsbruch von Guantánamo und die lange Kette amerikanischer Interventionen zugunsten rechter Diktaturen.

Mancher Vorwurf läßt sich nicht bestreiten. Wohl niemand, auch die engsten Verbündeten nicht, betrachtet die amerikanische Politik der jüngsten Zeit ohne große Sorge. Jeder weiß, daß die amerikanische Führung die eigene Bevölkerung und die ganze Welt im Fall von Saddams angeblichen Massenvernichtungswaffen skrupellos belogen hat. Deshalb ist es absurd, wenn Pinter Behauptungen wie die folgende aufstellt: „Die Verbrechen der Vereinigten Staaten waren systematisch, konstant, infam, unbarmherzig, aber nur sehr wenige Menschen haben wirklich darüber gesprochen.“ Haben über Vietnam, Chile oder Nicaragua nur sehr wenige Menschen gesprochen?

Pinters Polemik ist zu größter Einseitigkeit entschlossen: Daß es außer den Massenvernichtungswaffen zahlreiche gute Gründe für Saddams Sturz gab, interessiert ihn nicht. Nichts an diesem kalkulierten Wutausbruch ist neu, nichts daran überraschend. Außer einem: daß Pinter wirklich glaubt, der Bürger habe ein größeres Recht darauf, sich dumm zu stellen als der Künstler. Was er in seinen Stücken so oft zelebriert hat, hält er in der Wirklichkeit nicht aus: daß die Dinge ungemischt nicht zu haben sind. Die Aufgabe, so hat er 1958 geschrieben, bestehe darin, nach der Wahrheit zu suchen. Heute glaubt er längst, er habe sie gefunden. In Stockholm hat Harold Pinter seine wahren und unwahren, seine einfachen und seine falschen Wahrheiten noch einmal in die Welt geschleudert.

Quelle: F.A.Z., 09.12.2005, Nr. 287 / Seite 33

 
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