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Philip Roth : Heirate mich, du Schlampe!

  • -Aktualisiert am

Der amerikanische Schriftsteller Philip Roth in New York. Bild: Reuters

Wird Philip Roth beim Literatur-Nobelpreis etwa übergangen, weil seine Bücher frauenfeindlich sind? Und sind die Männer bei ihm denn besser? Über ein grundlegendes Missverständnis.

          Fast jede Nacht masturbiert der Puppenspieler Mickey Sabbath auf das Grab seiner verstobenen Geliebten Drenka. Es ist Winter, kalter Wind weht, die Hände werden ihm dabei kalt, so dass er zwischendurch die eine Hand in die Tasche stecken muss, die andere hervorholen, den Handschuh ausziehen, es ist alles etwas umständlich. Manchmal hält er es nicht aus: die Sehnsucht, diese Macht, die sie noch über ihn hat. Er wirft sich auf den Boden, der noch nicht mit Gras bewachsen und schlammig ist, etwas Erde bleibt in den weißen Barthaaren hängen. ,,Oh du, heirate mich, du Schlampe, heirate mich!“ Sabbath steht auf, schluchzt, denkt kurz an Selbstmord und geht zum Wagen; morgen kommt er wieder.

          Wegen Szenen wie dieser aus „Sabbaths Theater“ (1995) wird Philip Roths Romanen Misogynie, Verächtlichkeit gegenüber Frauen, und „Überfluss an Penis“ vorgeworfen. 1959 war sein erster Roman „Goodbye Columbus“ erschienen, der Durchbruch kam 1969 mit „Portnoys Beschwerden“. 1998 gewann Roth mit „Amerikanisches Idyll“ den Pulitzer- Preis; seit etwa zehn Jahren ist er im Gespräch für den Literaturnobelpreis. Dass er ihn bislang nicht erhalten hat, sei kein Wunder, empören sich seine Kritiker. Roth sei liederlich, in den Büchern ersetzten Männer Vaginas durch Leberstücke, also bitte.

          „Mittlere Charaktere“

          Freunde beschreiben Philip Roth, je nach Schreibphase, als ruhig und freundlich oder laut und herrisch, jedenfalls als obsessiven Beobachter von Worten, Gesten und Handlungen anderer. Roths zweite Exfrau, die Schauspielerin Claire Bloom, erinnert sich an den Autor nach siebzehn Jahren Beziehung und vier Jahren Ehe als jemanden, der von einer „tiefen und ununterdrückbaren Wut gegen Frauen“ erfüllt sei. In ihrer Autobiographie „Leaving a Dolls’ House“ (1996) evoziert sie in Anlehnung an Ibsens „Puppenhaus“ das Leben mit Roth als forcierten Nackttanz unter den Augen eines cholerischen Spießers. Als Roth 2011 der britische Man-Booker-Preis verliehen wurde, legte die Jurorin Carmen Callil aus Protest ihr Amt nieder, mit der Begründung, Roth spreche Männer an, nicht aber Frauen. Daraufhin veröffentlichten amerikanische Zeitungen Aufstellungen weiblicher Roth-Bekannter und ein paar scheu-spröde Lobreden „feministischer“ Leserinnen auf Roths Sexszenen.

          Es stimmt, Roths Werk ist voller alternder oder schwacher Männer, die, so die Lesart, Dinge - meistens Sex von jungen oder wehrlosen Frauen - haben wollen, die sie nicht kriegen, dann wie abgetakelte Casanovas von Wut gepackt werden, beleidigt wegstapfen und alles kaputtmachen. Doch die Frauen der Romane lassen sich noch anders begreifen denn als bloße Spielzeuge alternder Lüstlinge oder willige Begleiterinnen chauvinistischer Wünsche. Sie sind nicht oder nur selten Opfer des Mannes und verfügen, wie die Männer, über dieselbe archaische Rohheit, die Roth in den Menschen der attischen Tragödien oder der Homerischen Epen verkörpert sieht.

          Roth wuchs in Newark, New Jersey, auf, in einem liebevollen, leicht spießigen Elternhaus mit grünen Filzuntersetzern für Gläser und nur für besondere Gäste reservierten Leinentischtüchern im ansonsten unbenutzten Esszimmer. Die meisten Frauen der Romane stammen wie der Autor aus der Gegend um Newark, oft aus den ärmeren und kargen Gegenden im Norden, gelegentlich aus der Stadt selbst. Sie sind manchmal Hetäre, manchmal vorstädtische Spaßverderberin; aber weder sind sie, genau wie die Männer, zu schön, toll und gebildet, noch zu haarsträubend. Es sind „mittlere Charaktere“, wie Roth sie mit Aristoteles nennt. Kurz: Mag man Roths Männer, dann mag man auch die Frauen und umgekehrt.

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