http://www.faz.net/-gqz-74frc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.11.2012, 21:00 Uhr

Petraeus-Affäre Kommt der General vors Kriegsgericht?

Ein Offizier wird jederzeit als Vorbild und Repräsentant in die Pflicht genommen. Deshalb bestrafen Amerikas Streitkräfte Verstöße gegen eine Sexualmoral, an die sich die zivile Gesellschaft nicht mehr hält.

von , New York
© Polaris /Studio X Untreue, sagt das Handbuch der amerikanischen Kriegsgerichte von 2002, setze die Streitkräfte dem „öffentlichen Spott“ aus. Gilt das auch für General David Petraeus?

Im Jahre 1988 sprach ein militärisches Berufungsgericht einen Oberleutnant des amerikanischen Heeres frei, der in erster Instanz nach Artikel 133 des Militärstrafgesetzbuchs der Vereinigten Staaten verurteilt worden war.

Patrick Bahners Folgen:

Der Begriff für das in dieser Bestimmung erfasste Delikt ist in den allgemeinen Wortschatz eingegangen, er begegnet uns in Buch- und Filmtiteln: Bestraft wird ein Verhalten, das eines Offiziers und Gentleman unwürdig ist, „conduct unbecoming an officer and gentleman“.

Was darf ein Offizier und Gentleman?

Der „Uniform Code of Military Justice“ wurde vom Kongress 1950 verabschiedet. Das Gesetzbuch fixiert Vorstellungen von Disziplin, die sich aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs ergeben hatten. Maßgeblich für die Anwendung des Gesetzes ist das „Manual for Courts-Martial“, das von der Exekutive herausgegeben wird und daher einfacher als das Gesetzbuch dem Wandel gesellschaftlicher Vorstellungen angepasst werden kann. Die allgemeinen Straftatbestände des Gesetzes werden im Handbuch konkretisiert. Ein Beispiel für mit dem Status eines Offiziers nicht zu vereinbarendes Verhalten sind öffentliche Beziehungen zu Prostituierten.

Der Oberleutnant hatte mit drei Gefreiten, die derselben Sportmannschaft angehörten wie er, ein Bordell betreten, dort aber die Dienste des Personals nicht in Anspruch genommen. Nach Auffassung des Berufungsgerichts hatte er sich nicht als Offizier unmöglich gemacht, weil ein solcher sozusagen touristischer Inspektionsbesuch „vollkommen legal“ war - gemäß den Maßstäben der „lokalen Gemeinschaft“, der Bürger der Stadt Frankfurt am Main.

Wäre der Fall anders entschieden worden, wenn nicht Frankfurter Rechtsgefühl hätte herangezogen werden müssen, sondern der sittliche Ortsgeist der Stadt Tampa im amerikanischen Bundesstaat Florida? Vor dem republikanischen Parteitag in diesem Sommer konnte man lesen, dass Tampa als die Hauptstadt der Striplokale gilt. Zur stabilen Nachfrage tragen die in Tampa stationierten Soldaten des Luftwaffenstützpunkts sowie der Hauptquartiere der Nahosttruppen, der Spezialeinsatzkräfte und der Marines ihr Scherflein bei.

Generäle sollten keine erotischen Eroberungen machen

In den letzten Tagen hat man nun erfahren, dass es in Tampa Damen der guten Gesellschaft gibt, die es als ihre patriotische Pflicht ansehen, die nach Südflorida versetzten Kommandeure aus der Isolation des Kasernendaseins herauszulocken. Belohnt wird die Truppenbetreuung schon einmal durch die Verleihung eines fiktiven Botschaftertitels; im vertrauten Gedankenaustausch zwischen den Berufsoffizieren und ihren ehrenamtlichen Verbindungsoffizieren aus der Zivilgesellschaft kann sich ein informeller Ton einstellen, dessen schriftlicher Niederschlag unter Umständen missverständlich wirkt.

Auch wenn die Unterstützer sich finanziell verausgaben, sind der Integration des militärischen Personals Grenzen gezogen. Selbst wenn für Partygäste das Piratenkostüm vorgeschrieben ist, sollten Generäle lieber keine Beute machen: Durch erotische Eroberungen setzen sie sich unter Umständen der Gefahr der Strafverfolgung nach dem Buchstaben der Gesetze von Florida aus.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Frankfurter Zeitung 04.05.1916 Die Legende der grusischen Jungfrau

Der Tod ihres Vaters motivierte die grusische Jungfrau dazu, unglaubliches zu wagen. Die Frankfurter Zeitung berichtet am 4. Mai 1916 von der magischen Aura der jungen Frau. Mehr

04.05.2016, 00:00 Uhr | Politik
Video Trump hat nur Spott für Kasich-Cruz-Bündnis übrig

Die republikanischen Präsidentschaftskandidaten John Kasich und Ted Cruz gehen ungewöhnliche Wege und tun sich gegen ihren Rivalen Donald Trump zusammen. Sie haben vereinbart bei den nächsten Vorwahlen in Indiana, New Mexico und Oregon nicht gegeneinander anzutreten. Donald Trump hat allerdings nur Spott für den Schachzug der Konkurrenz übrig. Mehr

27.04.2016, 09:34 Uhr | Politik
TV-Kritik: hart, aber fair Plasberg lädt zum Show-Prozess

Die Öffentlichkeit differenziert bei Prozessen ungern – und ruft lieber gleich nach härteren Strafen. Doch die Justiz hat keine Storys zu erzählen, sondern Tatbestände auf ihre Strafbarkeit hin zu beurteilen. Mehr Von Frank Lübberding

03.05.2016, 04:34 Uhr | Feuilleton
Drogerie-Kette Staatsanwaltschaft erhebt Bankrott-Anklage gegen Schlecker

Die Pleite der Drogeriemarkt-Kette Schlecker hat für den Firmengründer und seine Familie ein strafrechtliches Nachspiel. Infolge der Pleite hatten mehr als 11.000 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verloren. Mehr

14.04.2016, 19:25 Uhr | Wirtschaft
Polizei Hessen Tausende Haftbefehle sind offen

In Hessen sind Tausende Straftäter auf freiem Fuß. Viele Täter treten ihre Haft einfach nicht an. Oft handelt es sich aber um kleinere Delikte. Mehr

21.04.2016, 16:11 Uhr | Rhein-Main

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“