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Veröffentlicht: 29.05.2006, 17:02 Uhr

Peter Handke Was ich nicht sagte

Den F.A.Z.-Kommentar zur Verleihung des Heinrich-Heine-Preises nimmt Peter Handke zum Anlaß, um, wie er sagt, „einige Richtigstellungen zu den der Zeitung unterlaufenen Irrtümern zu versuchen“. Eine Entgegnung.

von Peter Handke
© AP Möchte wieder gelesen werden: Peter Handke

Den Kommentar in der F.A.Z. zur Verleihung des Heinrich-Heine-Preises (siehe auch Preis für Handke: Heine wird verhöhnt) benutze ich, einige Richtigstellungen zu den der Zeitung unterlaufenen Irrtümern zu versuchen - im Bewußtsein (und aus der Erfahrung), daß jede einzelne meiner Berichtigungen wieder eine Mehr- oder Unzahl neuer und anderweitiger Irrtümer (hm) auslösen wird.

1. Ich habe nie eins der Masaker in den Jugoslawienkriegen 1991-95 geleugnet, oder abgeschwächt, oder verharmlost, oder gar gebilligt.

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2. Nirgendwo bei mir kann man lesen, ich hätte Slobodan Milosevic als „ein“ oder „das Opfer“ bezeichnet.

3. Richtig ist: Anläßlich des okzidentalen Diktats gegen Jugoslawien von Rambouillet, im Februar 1999, habe ich mich, wie die Welt seit damals weiß, vor der Kamera des Belgrader Fernsehens verhaspelt, wobei herauskam, in meinem Französisch, die Serben seien noch größere Opfer als die Juden - was ich dann, nachdem ich, ungläubig, das Band mit dem von mir produzierten Un-Sinn angehört hatte, schleunigst schriftlich korrigierte: Text, seinerzeit von „Focus“ veröffentlicht und von der F.A.Z. Wort für Wort, einmal ohne Kommentar, umgehend nachgedruckt.

Phantom-Titel: Wilder Mann

Ein P.S. noch für eine mir und vielleicht auch diesem oder jenem Leser wichtige letzte (versuchte) Berichtigung: Vor kurzem, wiederum in der F.A.Z., in einer der wie gewohnt geistvollen, hochherzigen und einfühlsamen Glossen des Theatersachverständigen der Zeitung, die meine Person oder meinen Phantom-Titel „Der wilde Mann“ zum Vorwurf nahm (P.H., borniert, Kitschier, Befürworter von Kriminellen et cetera), war auch von meinem Stück „Die Fahrt im Einbaum“ die Rede, worin ich angeblich das serbische Volk als eines schildere oder gar preise, welches Europa das Essen mit Messer und Gabel beigebracht habe, und überhaupt die Kultur. Richtig ist wieder, daß in dem Stück (Seite 65) eine Figur sagt: „Dabei waren wir es, die euch jahrhundertelang die asiatischen Horden ferngehalten haben. Und ohne uns würdet ihr immer noch mit den Fingern fressen. Wer war es, der in die westliche Welt Messer und Gabel eingeführt hat?“ Nur: ist es nötig zu sagen, daß es sich hier um eine Parodie handelt? Nötig anzuführen jedenfalls der Rollenname jener kleinen Figur: „IRRER“.

Und in diesem Sinne wünsche ich, daß all meine (6) Aufzeichnungen, Erzählungen, Berichte, Stücke der letzten fünfzehn Jahre zu Jugoslawien Wort für Wort gelesen würden, und anders sachverständig: „Abschied des Träumers vom neunten Land“ (1991), „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina“ (1996), „Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise“ (1996), „Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg“ (1999), „Unter Tränen fragend“ (1999) (alle bei Suhrkamp), und zuletzt „Die Tablas von Daimiel“, Juni 2005 („Literaturen“). Mir dünkt, mich bedünkt, für diese Schriften ist der Heinrich-Heine-Preis. Es gibt noch Bücher zu lesen jenseits der Zeitungen.

„Ah, die alte Frau dort, meine Leserin, / die einzige, die mich noch grüßt? / Und wenn sie mich nicht grüßt? / Was für ein Abenteuer! / Und sie grüßte. / Und ein zweiter grüßte, ein Unbekannter. / Und ein Dritter dann“ (Gedicht für H. H., am 27. Mai 2006).

Glosse

Wer liest denn schon noch?

Von Kerstin Holm

Selbst Menschen, die öffentlich über Bücher sprechen, erklären häufig, sie hätten ja gar keine Zeit zum Lesen. Der Bazillus des nichtinformierten Diskurses verbreitet sich zusehends. Mehr 3 13

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