http://www.faz.net/-gqz-74bxk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 14.11.2012, 11:23 Uhr

Peter Gauweiler Der Überbayer

Vom Schwarzen Peter zum Sekretär des Volkes: Der bekennende Föderalist Peter Gauweiler liebt politische und juristische Alleingänge. Das gefällt nicht allen, aber vielen. Eine Langzeitbeobachtung.

von
© Roeder, Jan Wie der antike Philosoph Sokrates weiß dessen Verehrer Peter Gauweiler, dass er nichts weiß

München, Promenadeplatz. Dunkelbraune Wandtäfelung, ein Steingarten mit Fetthenne unter dem Dachfenster, dahinter trübgrauer Novemberhimmel. Anwälte kommen und gehen durch Türen mit Messinggriffen. Im Eckbüro mit Stilmöbeln schwebt ein Putto mit Helm und bayerischer Fahne über dem Schreibtisch, auf dem kein Computer steht. Ein schwarzesweißes Bild zeigt den Vater, ein farbiges die Ehefrau und vier wohlgeratene Kinder. Auftritt Peter Gauweiler, weiß der Schnauzbart und der Haarkranz, Sportuhr mit Kautschukband, Slipper, mittelgraue Wollhose, Tweedjacket, schmale Krawatte, schmaler Ehering.

Hannes Hintermeier Folgen:

Fester Händedruck, beinahe schwarz wirkende Augen in tiefen Höhlen, überdacht von graumelierten Augenbrauenskulpturen. „Sind sie katholisch?“, fragt er überfallartig nach der Begrüßung, um gleich anzufügen: „Ich bin evangelisch.“ Ob das vielleicht doch von größerem Belang ist? Der Dreiundsechzigjährige ist einer von zwei protestantischen Mitgliedern im Katholischen Männerverein Tuntenhausen. Dessen Ehrenvorsitzender, der ehemalige Kultusminister Hans Zehetmair, ist sicher, dass Gauweiler „ein Marienverehrer ist, „katholischer lebt als mancher von uns“.

Also reden wir erst einmal über Kinder und Erziehungsfragen, landen bald beim Dauerbrenner: Wenn er seinem Sohn sage, er könne so viel Geld haben, wie er brauche, dann nähme der auch alles an - wie die Griechen. Woher nimmt Gauweiler nebenher soviel Zeit für die Griechen, als Anwalt, Bundestagsabgeordneter, Parteimitglied, Publizist, Familienvater? Er könne sich ein Leben, in dem das alles nicht stattfände, nicht vorstellen. „Ein Anwalt ist im Dienst, bis er umfällt. Man will ja nicht wie ein Möbel herumstehen. Man muss es ja nicht mehr so gach machen.“ Gach, süddeutsch für schnell, jäh.

„Integration ist nicht seine Lieblingsbeschäftigung“

Schnell war der Münchner Rechtsanwaltssohn immer. Im Alter von dreiundzwanzig Jahren Stadtrat, Jura-Studium, berufsmäßiger Stadtrat, Kreisverwaltungsreferent in München, Innenstaatssekretär, Umweltminister. Als ihn „die Liebe meiner Partei“, wie er heute spöttelt, aus dem Amt drückt, macht er sich als Anwalt selbständig. Die ersten Mandanten kommen aus Neugierde. Später Fusion zur Kanzlei Bub, Gauweiler & Partner in vornehmer Altstadtlage. Eine Boutique mit fünfzehn Anwälten sei man, keine Law Firm. Als Einheizer und Feuerwehrmann ist er der CSU willkommen, als stellvertretender Vorsitzender nicht.

Nach der Niederlage um das Amt eines Partei-Vizes wollte ihn Seehofer stärker einbinden, erinnert sich Theo Waigel, „aber Gauweiler ist schlau und weiß, dass das gar nicht geht, weil Integration nicht gerade seine Lieblingsbeschäftigung ist“. Lieber will man ihn dort haben, wo es brennt. Der Straubinger Abgeordnete Hinsken, Banknachbar Gauweilers im Bundestag, will ihn als Redner im Bayerischen Wald. Eine CSU-Bastion droht verlorenzugehen. Die SPD hat den Bürgermeister von Bodenmais als Landratskandidaten aufgestellt - einen sechsundzwanzigjährigen bekennenden Homosexuellen. Gauweiler lehnt ab. Die Gerüchteküche platziert ihn im Zusammenhang mit einer möglichen Parteigründung rechts der CDU gern zwischen Thilo Sarazzin und Friedrich Merz.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Peter Thiel gegen Gawker Rache, jahrelang geplant

Der Internet-Milliardär Peter Thiel finanziert einen Gerichtsprozess, der ein Blog an den Abgrund bringt. Er gibt es zu. Und alle fragen: Darf der das? Mehr Von Patrick Bernau

26.05.2016, 11:32 Uhr | Wirtschaft
Flamingo-Babys Flauschiger Nachwuchs in München

Nachwuchs im Tierpark Hellabrunn: Mindestens sieben Flamingos haben in München das Licht der Welt erblickt. Das Besondere an Flamingobabys ist, dass sie zunächst weiß sind. Das Gefieder verfärbt sich erst rosa mit der Geschlechtsreife. Mehr

20.05.2016, 17:39 Uhr | Gesellschaft
Deutsche Bank Wir sind besser als unser Ruf

Der Aufsichtsratsvorsitzende sieht die Deutsche Bank nach Turbulenzen wieder in der richtigen Spur. Auch Vorstandschef Cryan schlägt auf der Hauptversammlung zuversichtliche Töne an. Mehr Von Gerald Braunberger

19.05.2016, 10:54 Uhr | Wirtschaft
Finale in Berlin Bayern oder Dortmund – wer holt den Pokal?

Bayern München gegen Borussia Dortmund – die beiden mit Abstand stärksten Mannschaften der Bundesliga stehen sich im DFB-Pokalfinale gegenüber. Für Mats Hummels ein besonderes Spiel: Es wird sein vorerst letztes Spiel beim BVB sein. Er wechselt in der nächsten Saison zum Gegner im Finale, Bayern München. Mehr

21.05.2016, 09:46 Uhr | Sport
Frankfurter Kulturpolitik Ist Schmiere die Zukunft?

Post von Peter an Ina: Frankfurt, das sei Goethe, Adorno und Max Hollein. So tönt es aus dem Rathaus der Stadt. Wer fehlt bei Holleins Abschied? Oberbürgermeister Feldmann. Mehr Von Jürgen Kaube

24.05.2016, 12:01 Uhr | Feuilleton
Glosse

Gott geht offline

Von Michael Hanfeld

„Godspot“ nennt die Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz das Projekt: Sie rüstet alle Kirchen mit W-Lan aus. Ob da der göttliche Funke überspringt? Mehr 21 15

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“