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Peter Gauweiler : Der Überbayer

In der Fragerunde wandern seine Blicke zur Decke. Der Volkstribun kennt schon alle Fragen, und die Antworten auch. Er ist lange genug im Geschäft. Mit der Oberlippe saugt er die Luft ein, um mit einem Atemstoß die Antwort förmlich auszublasen. Ob er mehr Nationalstaat wolle? In Bayern sei man gewohnt, aus Berlin Befehle zu empfangen. „Egal, wer uns etwas anschafft, Berlin oder Brüssel - beides ertragen wir nicht.“ In der Galeriestraße wartet mit laufendem Motor der Fahrer mit dem dunklen Siebener-BMW, Gauweiler entschwindet in die Nacht.

Cuvilliéstheater München, Nacht der Pianisten. Gauweilers Kanzlei ist Sponsor des Abends. Beim Empfang nach dem Konzert ist das Ehepaar Stoiber dabei, die ehemaligen Minister Otto Wiesheu und Georg Freiherr von Waldenfels, die „Bunte“-Kolumnistin Marie Waldburg, der Karikaturist Dieter Hanitzsch. Gauweiler ist mit seiner Frau und drei von vier Kindern erschienen. Der jüngste Sohn kommt nach dem Vater, Hände-in-den-Hosentaschen-Rebell, finsterer Blick, aber wohlerzogen. Um 22 Uhr verlässt Gauweiler einigermaßen lautlos die Gesellschaft. „Früher hätte der hier den großen Zampano gegeben“, sagt die Gräfin Waldburg, „aber er ist schon sehr viel ruhiger geworden.“

Briefe über das „ewige Euro-Scheiß-Hin-und-Her“

Immerhin ist aus dem Todfeind Stoiber wieder ein Parteifreund geworden, den man einlädt. Gräben lassen sich eben doch zuschütten. Der Kommunarde Fritz Teufel habe ihm zur Hochzeit gratuliert, hatte Gauweiler in seinem Büro erzählt, obwohl man sich nach ’68 bis auf die Nuss bekämpft habe. Aber Verwundungen bleiben, auf beiden Seiten, bis heute. 1991 schreibt Christian Ude in der „Süddeutschen Zeitung“ über seinen Freund Peter Gauweiler: „Er pickt sich symbolische Teilfragen heraus, wirft sich auf den Gegner oder das Opfer und bleibt unheimlich hartnäckig am Ball. Dabei verkürzt er einen komplizierten Sachverhalt auf symbolische Themen.“ Dass es sich dabei auch um eine treffende Selbstbeschreibung handelt, wird in Baierbrunn klar.

Der Kulturverein Isartal hat Gauweiler und Ude geladen, sie sollen aus ihrem wöchentlichen Briefwechsel, den sie seit Jahren im „Münchner Merkur“ führen, vorlesen. Ude will im nächsten Herbst bayerischer Ministerpräsident werden. Ein Rustikalbau mit Schießstand nahe den S-Bahn-Gleisen im Speckgürtel Münchens. An den Wänden Fotografien, die Trachtler zeigen, aufgetürmt zu Sechserreihen, wie man es von Hochzeiten kennt. Die halbe Bier kostet 2,50 Euro, eine Breze fünfzig Cent. Der Saal sieht so aus, als würde gleich ein Stück von Ludwig Thoma gegeben. An die hundert Zuhörer sind erschienen, darunter eine Grüne aus Solln.

Der Tisch der Vorleser ist mit weißem Leinen gedeckt, darauf eine Vase mit zehn Tulpen und eine Kerze, die nicht angezündet wird. Gauweiler kommt als Landadeliger, Ude als Trachtendarsteller. Gauweiler schiebt die Unterlippe vor, bläst aus, nimmt die Blumenvase, rückt sie in die Mitte des Tisches, dann stellt er sie auf den Boden, schließlich platziert er sie vor dem Tisch in der Mitte. In den Briefen geht es um das „ewige Euro-Scheiß-Hin-und-Her“, also um Themen wie Euro-Krise, das Versagen der Landesbank, die Rating-Agenturen, um Udes Kandidatur. Gauweiler schreibt schärfer, witziger, der Nebenerwerbs-Kabarettist Ude ernsthaft, beinahe nachdenklich.

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