http://www.faz.net/-gqz-7y1ko

Pegida gegen Journalisten : Wir machen dich platt!

  • -Aktualisiert am

„Wir sind das Volk!“: Ursprünglich Zeichen einer friedlichen Revolution und Symbol für den Kampf um Freiheit. Bild: AFP

Die Pegida-Demonstranten wenden sich nicht nur gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes, die „Patriotischen Europäer“ machen auch Front gegen die etablierten Medien: Was Journalisten bei Pegida-Demos erleben.

          Schließlich stimmt die alte Dame mit ein: Gekleidet in einen roten Anorak, hat sie sich die Baskenmütze keck aufs graue Haar gesetzt. Andere geben den Schlachtruf vor. Zunächst spricht sich der Redner auf der Bühne mit seiner Medienschelte in Rage, dann intoniert wie auf Kommando ein Chor aus Männerstimmen lautstark „Lügenpresse“, ein Kampfbegriff der völkischen Bewegung. Auch die Stimmen der drei Neonazis aus dem Havelland, die vor der alten Dame stehen, sind zu hören. Von ihnen lässt sie sich mitreißen, klatscht im Rhythmus der Rufe gegen den Ostwind an, der über den Theaterplatz in Dresden pfeift, und mit ihr etliche andere: „Lü-gen-presse! Lü-gen-presse!“

          Woche für Woche dasselbe Muster: Viele von denen, die hier den Ton angeben, sind rechtsmotivierte Hooligans, stehen bei den Heimspielen von Dynamo Dresden im berüchtigten Block „K“. Von Anfang an sind sie dabei, sie sind Pegida, „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, einige von ihnen sind auch Hogesa, also „Hooligans gegen Salafisten“, korrespondierende Initiativen, die Teil derselben fremdenfeindlichen Bewegung sind. Zunächst ging es vorgeblich gegen Salafisten, eigentlich aber gegen alle Muslime, gegen Fremde und Flüchtlinge, gegen die Politik und schließlich gegen die Medien, die sie als Feind Nummer eins ausgemacht haben.

          Warum? Weil diese berichten, was ist, weil das NDR-Politmagazin „Panorama“ den Pegida-Protestierern in ungefilterten O-Tönen die eigene Menschenfeindlichkeit zeigt, die wiederum bei Politikern in Berlin für Empörung sorgt. Weil „Spiegel-TV“ entlarvt, dass Rechtsextremisten und Rassisten zu den Pegida-Organisatoren gehören, und weil Zeitungen Analysen der Bewegung liefern und damit Argumente für die demokratische Auseinandersetzung. Gegen all das wollen die Pegida-Organisatoren ihre Sympathisanten immunisieren. Es bleiben Interviews für die „nationale Presse“, die Teil derselben Bewegung ist, oder vereinzelte Frage-und-Antwort-Spielchen per E-Mail. Über soziale Medien werden die Botschaften der Bewegung abgesetzt, zu der neben Pegida und Hogesa auch Anti-Flüchtlingsproteste wie „Nein zum Heim“ in Berlin gehören. Im Netz entzündet sich der Treibstoff der Bewegung.

          Journalisten wird mit IS-Methoden gedroht

          Ihre Sympathisanten bewegen sich in einer medialen Parallelwelt rechtsextremer und islamfeindlicher Internetblogs, verschwörungstheoretischer Flugschriften und fragwürdiger Thesen-Bücher. Die meinungsbildenden Blogs unterliegen keinen journalistischen Standesregeln und Journalisten, die bei etablierten Medien gescheitert sind, finden als Ratgeber Gehör bei der Bewegung, als Autoren oder Demonstrationsredner. Der Übergang zur AfD ist fließend. Eingeübte Umdeutungsmechanismen, wie sie in Dresden wiederkehrend zum Jahrestag der Bombenangriffe der Alliierten im Zweiten Weltkrieg greifen, den die rechtsextreme NPD zum sogenannten „Bombenholocaust“ verkehrt hat (zuletzt war vom „alliierten Mediendschihad gegen Pegida“ in Dresden die Rede). Auch der Ruf der Pegida-Protestierer „Wir sind das Volk“ ist eine Umdeutung. Er stand für die friedliche Revolution und den Kampf um Freiheit, jetzt steht er für Abgrenzung. Die Diffamierung einzelner Journalisten ist auch Teil der Strategie; so wurde ein Redakteur der „Sächsischen Zeitung“, die Pegida von Anfang an kritisch begleitet, vor der Semperoper namentlich angeprangert, um ihn in Dresden zu diskreditieren.

          Wer bei den Protestierern als Journalist persönlich bekannt ist, wird bedroht und angefeindet: „Wenn sich die Sache hier dreht, seid ihr die ersten, die dran glauben müssen“, ruft ein Demonstrant. „Verpiss dich, du Judenschwein, sonst machen wir dich platt“, brüllt ein kräftiger junger Mann, dessen linken Arm eine weiße Ordnerbinde ziert; wer Pegida und Hogesa regelmäßig kritisiert, wird auf deren Demonstrationen auch körperlich angegangen. In den Hassmails, die auf Berichte über Pegida folgen, wird schon mal damit gedroht, dem Autor „ISIS-mäßig die Kehle durchzuschneiden“.

          Zum Ziel einer solchen Kampagne ist der Dortmunder Lokalredakteur Peter Bandermann geworden, der seit Jahren über die rechtsextreme Szene seiner Stadt für die „Ruhr-Nachrichten“ berichtet: „Durch Hogesa und Pegida haben die Aktivisten an Selbstbewusstsein gewonnen. Sie glauben, dass ihre Themen auf breite Zustimmung stoßen.“ Beiden Initiativen haben sich die Rechtsextremisten früh angeschlossen, sind bei den Protesten stets dabei: Ende November kündigten sie per Videobotschaft auf ihrem Blog eine „Weihnachtskundgebung“ gegen das Haus von Bandermann an. Seine Wohnanschrift hatten sie im Netz verbreitet; in der Nachbarschaft diffamierende Flugblätter gegen den Redakteur verteilt. Ihre Forderung: Eine „objektive Berichterstattung“ über die sogenannte „Masseneinwanderung“. Die Polizei unterband den Protest. In der Nacht zum zweiten Weihnachtstag flogen Farbbeutel gegen das Haus des Redakteurs.

          Pegdia : Pro und Contra

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          „Lasermann“ wegen Mordes angeklagt Video-Seite öffnen

          Frankfurt am Main : „Lasermann“ wegen Mordes angeklagt

          Der Angeklagte wurde bereits in Schweden zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Anfang der 90er Jahre hatte er dort auf insgesamt elf Menschen mit Migrationshintergrund geschossen und dabei einen getötet. Beobachter sehen Parallelen zu den Morden der rechtsextremen Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Was, wenn der „worst case“ eintritt? In der City of London stellen sich die Banker auf alles ein.

          Europas Finanzzentrum : Wie Londons Banken den Schmalspur-Brexit planen

          Die Manager in Europas größtem Finanzzentrum fürchten zwar den EU-Austritt Großbritanniens, doch die Folgen für die Banken in London bleiben vorerst überschaubar. Fällt der „Brexodus“ gar gänzlich aus?

          Nach Spitzentreffen mit Union : Schlingernde Sozialdemokraten

          Während die Union nach dem Gespräch der Chefs von CDU, CSU und SPD endlich über eine große Koalition sprechen will, halten sich die Sozialdemokraten bedeckt und schieben Entscheidungen weiter auf. Für ziemlich falsch hält das indes eine anderen Partei.

          Amerikas Präsident unter Druck : Immer Ärger mit Donald

          Eigentlich sollte es eine Woche der Triumphe werden – doch dann ging die Alabama-Wahl schief und Donald Trump hat mal wieder Ärger an allen Fronten. Immerhin ein Projekt des amerikanischen Präsidenten steht kurz vor der Vollendung.
          Sandra Maischberger und ihre Gäste in der Jahresrückblick-Sendung am Mittwochabend.

          TV-Kritik: Sandra Maischberger : Nur nicht einschüchtern lassen

          Das Jahr 2017 kann wohl nicht so schlimm gewesen sein – jedenfalls wenn Olivia Jones und Sophia Thomalla darüber Auskunft geben dürfen. Wenigstens gilt das für Deutschland. In der Türkei sieht das anders aus. Droht Günter Wallraff dort die Verhaftung?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.