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Grenzen der Einwanderung : Der Exodus und wir

  • -Aktualisiert am

Der neue Ankunftsnachweis für Flüchtlinge und Migranten bei seiner Vorstellung durch Innenminister Thomas de Maizière Bild: Matthias Lüdecke

Auch die Liberalen müssen über Grenzen nachdenken. Sonst tun es nur die Autokraten. Plädoyer für eine begrenzte Einwanderung.

          Widerstrebende Gefühle durchziehen die Meinungsbildung zur Flüchtlingskrise, wobei eine Reihe von Argumenten einander kreuzen: Mal geht es um Moral, dann wieder um Eigeninteresse, dann um Ohnmacht und schließlich auch noch um die Rechtsordnung. Bei den Befürwortern einer Aufnahme ohne Begrenzung deuten all diese widersprüchlichen Erwägungen in dieselbe Richtung: Die Aufnahme ist eine moralische Verpflichtung, die Einwanderung vieler junger Menschen ist in unserem eigenen Interesse, wir können die Grenzen sowieso nicht mehr kontrollieren, und das internationale Recht zwingt uns zu unbegrenzter Aufnahme.

          Bevor wir die Vorstellung von einer unbegrenzten Aufnahme kritisch betrachten, bedarf es einer Antwort auf die Frage, ob die Zunahme der Flüchtlings- und Migrantenzahl inzidentelle oder strukturelle Ursachen hat. Es gibt Hinweise darauf, dass Letzteres zutrifft, wenn wir die Zerrüttung in unseren Nachbarregionen betrachten. Europa ist umgeben von einer Reihe scheiternder Staaten: von den Rändern der ehemaligen Sowjetunion über den Nahen Osten bis hin zum Maghreb.

          Drei große Defizite

          Ich möchte mich auf die arabische Welt beschränken. Prognosen sagen voraus, dass die Bevölkerung in dieser Region sehr stark anwachsen wird. 1950 lebten in den dortigen Ländern 76 Millionen Menschen. 2010 war ihre Zahl auf 360 Millionen gestiegen, und sie wird nach Prognosen bis zum Jahr 2050 rund 630 Millionen erreichen. Diese demographische Entwicklung sorgt dafür, dass der Druck auf die arabischen Gesellschaften zunehmen wird. Eine große Gruppe junger Menschen ist dort in einer aussichtslosen Situation: Das Bildungsniveau ist zwar gestiegen, aber die Chancen, Arbeit zu finden, sind klein, und deshalb wollen die meisten nur eins: weg.

          Im „Arab Human Development Report“ der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2002 werden drei große Defizite benannt: Unfreiheit und Unterdrückung, die schwache Position der Frauen sowie ein dramatischer Rückstand in Forschung und Technologie. Es gibt daher genug Gründe zu erwarten, dass das Chaos in unserer Nachbarschaft erst einmal andauern wird, und dabei haben wir über weiter entfernt gelegene Regionen wie Afrika oder den Fernen Osten noch gar nicht gesprochen.

          Das „helle Land“ gegen das „dunkle“

          Das führt zur moralischen Dimension des Flüchtlingsproblems. Wir haben Fotos verzweifelter Menschen gesehen, die alles wagen, um woanders eine sichere Existenz zu finden. Bilder aus Vergangenheit und Gegenwart fließen ineinander über: Hinter den Flüchtlingsströmen in einem Niemandsland sehen wir die Bilder aus Bosnien in den neunziger Jahren, von flüchtenden Deutschen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs oder von Griechen, die in den frühen zwanziger Jahren aus der Türkei fliehen. Am Ende führen all diese Bilder zurück zu einem archaischen Ausgangspunkt: Den Exodus hat es zu allen Zeiten gegeben.

          Wir können also unmöglich behaupten, wir hätten es nicht gewusst, und darum ist unser Gewissen nun auch belastet. Wir sagen, wir könnten die Bilder von einem ertrunkenen Kind nicht ertragen, doch was rufen sie in uns hervor? Bestimmt keine eindeutige Reaktion. Hilfsbereitschaft und Gelassenheit wechseln einander ab, und ich glaube, die Gelassenheit wird am Ende siegen, weil dauerhafte Betroffenheit nicht auf dem Schock gründen kann, der von Bildern verursacht wird, sondern nur auf Erfahrungen, die Menschen machen und teilen.

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