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Berater der Bischofskonferenz : Kaltstellung nach Kritik

Der Vatikan im Zwielicht Bild: AP

Seine Heiligkeit halten einer theologischen Prüfung nicht stand: Nach einem kritischen Brief tritt ein Berater der amerikanischen Bischofskonferenz zurück. Verträgt der Papst keinen Widerspruch?

          Interessant an dem Brief, den Thomas Weinandy dem Papst geschrieben hat, ist die Klage über den Verfall der kritischen Standards unter dem aktuellen Pontifikat. Interessant in doppelter Hinsicht: als kirchengeschichtliche Situationsbeschreibung 2017 und als Reproduktion von Argumenten, welche hundert Jahre zuvor von kritischen Theologen gegen die damals sogenannte Modernistenjagd zu hören waren (und die ja eigentlich ein Stereotyp der Religionskritik zu allen Zeiten sind).

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Heute wird, so legt Weinandys Brief nahe, im selben Schema, bloß an verkehrten Fronten argumentiert: Papst Franziskus, der Modernistenpapst von 2017, erscheint als autoritärer Wiedergänger von Papst Pius X., dem Antimodernistenpapst von 1907. Auf beide Päpste lässt sich beziehen, wenn eben auch mit vertauschter inhaltlicher Ausrichtung, was Weinandy in die Post an Franziskus gegeben hat – nämlich einen spektakulären Verriss seines Regierungsstils als undialogisch, repressiv und einschüchternd, innerkirchliche Kritik am Papst mit Ämterenthebung und Mobbingstrategien beantwortend.

          „Heiliger Vater“, schreibt Weinandy, „Sie haben oft von der Notwendigkeit der Transparenz in der Kirche gesprochen. Sie haben oft, besonders während der Synoden, alle ermutigt, besonders die Bischöfe, ihre Meinung zu sagen und keine Angst davor zu haben, was der Papst dazu denken würde. Aber haben Sie bemerkt, dass die Mehrheit der Bischöfe weltweit bemerkenswert still ist? Warum ist das so? Bischöfe lernen schnell, und was viele von Ihrem Pontifikat gelernt haben, ist nicht, dass Sie offen für Kritik sind, sondern, dass sie Kritik übelnehmen. Viele Bischöfe schweigen, weil sie Ihnen gegenüber loyal sein möchten, und deshalb äußern sie die Sorgen nicht, die Ihr Pontifikat aufwirft, zumindest nicht öffentlich, privat liegen die Dinge anders. Viele fürchten, dass sie an den Rand gedrängt werden oder Schlimmeres erfahren, wenn sie ihre Meinung sagen.“

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          Das unheilvolle Bedürfnis, zum „Wir“ des Apparats zu gehören

          Der Amerikaner Weinandy ist erst einmal keinem kirchenpolitischen Lager zurechenbar; er ist, wie man in der Politik sagen würde, ein Mann der Mitte, ein weltweit renommierter Theologe, ein von Franziskus 2014 bestätigtes Mitglied der Internationalen Theologischen Kommission des Vatikans – lauter ehrenhafte Umstände wie diese geben seinem Fall Gewicht. Nun, unmittelbar nach der späten Veröffentlichung des bereits Ende Juli dem Papst geschickten Briefes, trat Weinandy von seinem Amt als Berater der Bischofskonferenz in den Vereinigten Staaten zurück – er gilt dort jetzt als „Papstkritiker“ und ist als solcher nicht mehr tragbar, um weiterhin jene Bischöfe zu beraten, für deren freies Wort er sich beim Papst einsetzte. Die Bischofskonferenz, so sagte ihr Sprecher zum Rücktritt Weinandys, befinde sich „in affektiver Kollegialität mit dem Heiligen Vater“ – als hätte sich Weinandy mit seinem anspruchsvollen Begriff von kritischer Kollegialität unkollegial verhalten.

          Kritikunfähig? Papst Franziskus segnet am Sonntag am Petersplatz die Menschen während des Angelusgebets.
          Kritikunfähig? Papst Franziskus segnet am Sonntag am Petersplatz die Menschen während des Angelusgebets. : Bild: dpa

          Der Vorgang ist ein Symptom für das, was Weinandy in seinem Brief namhaft macht: Die Angst vor dem Rausschmiss, vor dem Kaltgestelltwerden überlagert die Bereitschaft zu freimütiger Kritik, die jederzeit als „Schlechtreden“ der päpstlichen Linie denunziert werden kann. Ein unheilvolles Bedürfnis, zum päpstlich approbierten „Wir“ des Apparats zu gehören, sich nur ja nicht vom risikofreien Mainstream zu isolieren, ersetzt demnach den individuellen Freimut der Glaubensbezeugungen, die Bereitschaft zur Reflexion. Genauso und doch ganz anders wie seinerzeit, als die Modernistenjäger Furcht und Schrecken verbreiteten.

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