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Pädophilie Knoten im Kopf

 ·  Was tut man mit Männern, die von der Neigung heimgesucht werden, die sie zu Kinderschändern machen könnte? An der Charité in Berlin forscht ein Professor, der Pädophilen zur Kontrolle ihrer Impulse verhelfen will.

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Der mutmaßliche mehrfach wegen Kindesmissbrauch vorbestrafte Mörder des neunjährigen Mitja ist gefasst. Laut der Kriminalstatistik der Polizei werden jährlich rund zwanzigtausend Kinder Opfer sexueller Übergriffe. Die Dunkelziffer soll viel höher liegen. Die meisten Täter sind Männer. Zur Gruppe der Täter gehören Männer, die ihre pädophile Neigung ausleben und sich sexuell an Kindern vergehen. Es gibt eine Studie („Dangerous sex offenders. A Task-Force Report“, Washington DC 1999), nach der mehr als drei Viertel aller untersuchten sexuellen Kindesmissbraucher nicht pädophil sind. Pädophilie nennt man die sexuelle Vorliebe für vorpubertäre Kinderkörper.

Ich habe viele heterosexuelle Freunde, einige homosexuelle Bekannte. Doch einen Freund, der eine pädophile Neigung hat, habe ich nicht, und ich kenne in meinem Bekanntenkreis keinen Pädophilen. Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren würde, wenn ein Freund, wenn ein Bekannter sich mir als Pädophiler zu erkennen gäbe. Wahrscheinlich würde ich mich von ihm zurückziehen. Wahrscheinlich würde ich mit ihm nichts mehr zu tun haben wollen.

Ihr müsst wissen, was euch Lust macht

Ich habe von allen möglichen sexuellen Vorlieben und Praktiken zwischen Männern und Frauen gehört und gelesen, und sogar bei Unterwäsche- und Strumpffetischisten kann ich mir vorstellen oder, besser gesagt, meine ich mir vorstellen zu können, was einen Mann wahrscheinlich dazu treibt, vor Nylonstrümpfen in die Knie zu gehen und wildfremde Frauen im Bus oder sonstwo darauf anzusprechen, ob sie ihm nicht ihren Strumpf geben möchten. Ich denke mir: Solange ihr beide das freiwillig macht, mag das alles irgendwie im Rahmen sein. Ihr seid alt genug, ihr müsst wissen, was euch beiden Lust macht.

Wenn aber Männer davon träumen, sexuellen Kontakt mit Kindern zu haben, bin ich mit meiner Vorstellungskraft am Ende. Ich verstehe das sexuelle Verlangen nach Kindern nicht. Vielleicht ist es sogar so: Ich möchte mit Menschen, die diese sexuelle Neigung haben, nichts gemein, ich möchte mit ihnen nichts zu tun haben. So schnell kann das sogenannte gesunde Empfinden gegenüber einem Mann mit pädophiler Vorliebe reagieren, einem Mann, der seine Vorliebe gar nicht an Kindern auslebt. Aber kann denn dieser oder jener Mann etwas für seine pädophile Neigung?

Das ist er, der Trieb

An dem Tag, als ich zu Professor Klaus Michael Beier ging, habe ich morgens in einer Zeitung direkt unter einem groß aufgemachten Bericht über die Festnahme von Mitjas mutmaßlichem Mörder eine kurze Meldung gelesen, in der berichtet wurde, dass eine Mutter ihre vier Kinder, einen Sohn und drei Töchter, mit einem Messer erstochen habe. Vier Kinder, erstochen mit dem Messer! Man denkt: Not, Zwang, vielleicht auch Wahn haben die Frau wahrscheinlich dazu gebracht. Medea und Konsorten. Denkt man aber an einen Kindesmissbraucher, ahnt man dunkel nur eins: Das ist er, der Trieb. Zeitungsberichte über Kindesmissbraucher legen einem dann die Frage nahe: Sind Pädophile tickende Zeitbomben?

Professor Beier sagt: Pädophile, die zu ihm kommen, weil sie therapeutische Hilfe suchen, haben meistens die Hoffnung, dass sie von ihren sexuellen Vorlieben geheilt werden können. Beier leitet das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin des Universitätsklinikums Charité in Berlin. Er ist promovierter und habilitierter Mediziner, Psychoanalytiker, und in Philosophie hat er auch noch seinen Doktor gemacht. Das erste, was er den Männern sage, die zu ihm kommen, sei, dass es für sie keine Heilung gebe. Man könne seine sexuellen Neigungen nicht einfach verändern. Diese Neigungen seien neuronal „verdrahtet“. Das passiert in der Pubertät. Ich kann mir unter einer neuronalen Verdrahtung sexueller Neigungen nicht mehr vorstellen als einen Knoten im Gehirn.

Woher kommen die Phantasien?

Jedem sexuellen Verhalten, auch dem sexuellen Übergriff auf ein Kind, sagt Beier, gingen Phantasien voraus. Das heißt nun allgemein: Wenn man weiß, welche Phantasien einen erregen, dann weiß man auch, welche sexuellen Neigungen man hat. Woher kommen diese Phantasien? Ich sehe jetzt erst einmal nur so etwas wie Raben vor großen weißen Feldern aufsteigen und sich im Gehirn niederlassen. Irgendwann sehen diese Raben dort wie schwarze Knoten aus.

An seinem Institut leitet Beier seit zwei Jahren ein Forschungsvorhaben zur „Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld“. Es ist das bundesweit einzige Vorhaben zur vorbeugenden Therapie von Männern mit pädophiler Neigung. „Lieben Sie Kinder mehr, als Ihnen lieb ist?“ lautete der Leitsatz der Öffentlichkeitskampagne, die von der Werbeagentur Scholz & Friends damals kostenlos gestaltet wurde. Die Volkswagen-Stiftung zahlt.

Die potentiellen Dunkelfeld-Täter

Man könne, sagt der Professor, nicht eindeutig erklären, wie es zu den sexuellen Neigungen, die man hat, komme. Man habe eben diese oder jene sexuelle Neigung. Man müsse sich damit abfinden. Er sagt das ganz ruhig, fast freundlich. Beier und seine Mitarbeiter untersuchen Möglichkeiten präventiver Therapie, um sexuelle Übergriffe auf Kinder zu verhindern. An dem Unternehmen dürfen Personen teilnehmen, die sich noch nicht an Kindern sexuell vergangen haben, aber befürchten, dass sie sich sexuell an Kindern vergreifen werden (die sogenannten potentiellen Dunkelfeld-Täter). Teilnehmen dürfen auch Personen, die sich sexuell an Kindern vergangen haben, aber den Strafverfolgungsbehörden nicht bekannt sind (die realen Dunkelfeld-Täter). Schließlich können Personen aufgenommen werden, die wegen sexuellen Kindesmissbrauchs angezeigt und/oder rechtskräftig verurteilt worden sind und ihre Strafe vollständig verbüßt haben. Sie dürfen nicht mehr unter Bewährung oder Führungsaufsicht stehen, und sie müssen frei von Therapieauflagen sein. Debile und Alkoholiker sind ausgeschlossen.

Woher kommen die Phantasien, die zu sexuellen Erregungen führen? Wie kommt der Strumpffetischist auf den Strumpf? Ich sage: Zuerst sei der Strumpf da, dann komme die Phantasie und reiße sich den Strumpf unter den Nagel. Ich möchte die Natur vor der Sexualität bewahren: Ich kenne keine Baumfetischisten. Der Professor schüttelt den Kopf, sagt, er kenne den Fall eines Mannes, dessen sexuelle Erregung an das Wasser gebunden sei.

Fünfhundert Anmeldungen liegen vor

Wer die therapeutische Hilfe des Berliner Pädophilen-Projektes in Anspruch nehmen möchte, der muss aus freien Stücken hierher kommen, weil ihm seine sexuelle Neigung für Kinder ein Problem ist und weil er vermeiden möchte, dass er sich sexuell an Kindern vergreift. Pädophile, sagt Beier, finden sich in allen sozialen Schichten. Fünfhundert Anmeldungen liegen in Berlin vor, siebzig Personen sind aufgenommen worden. Sie werden nach einem Aufnahmegespräch einzeln oder in Gruppen behandelt. Manche Patienten nehmen sogar das Flugzeug, um zu den wöchentlichen Behandlungsterminen nach Berlin zu kommen. Viele Pädophile, berichtet Beier, haben soziale Vernichtungsängste, sie fürchten, deklassiert zu werden, wenn ihre sexuelle Neigung bekannt würde. Wer möchte sein Kind von einem Lehrer unterrichten lassen, der sexuelle Vorlieben für vorpubertäre Kinderkörper hat?

Dabei ist die pädophile Neigung als solche ja nicht strafbar. Man dürfe, sagt der Professor, einen Mann, der eine pädophile Neigung hat, nicht wegen dieser Neigung, für die er nichts kann, diskriminieren. Das ist ein Satz gegen das sogenannte gesunde Empfinden. Die Männer, die bei ihm therapeutische Hilfe suchen, sollen lernen, ihre pädophile Neigung zu kontrollieren, und zwar aus ihrem eigenem Verantwortungsgefühl heraus. Der Pädophile soll lernen, dass er nicht schuld an seinen sexuellen Wünschen ist, aber verantwortlich für sein sexuelles Verhalten.

Schutz des Kindes das oberste Gebot

Die psychotherapeutische Behandlung kann durch eine Pharmakotherapie unterstützt werden: Die Personen, die mit der Hilfe der Berliner Forscher ihre pädophilen Neigungen kontrollieren lernen wollen, bekommen die Möglichkeit, Medikamente einzunehmen, mit denen sie ihre sexuellen Impulse dämpfen können. Pädophile, die merken, dass sie ihre Impulse nicht mehr kontrollieren können, sollten die Medikamente zur Hilfe nehmen, sagt der Professor. Der Schutz des Kindes sei das oberste Gebot. Wer seine pädophilen Impulse mit eigener Willenskraft und aus eigenem Verantwortungsgefühl nicht kontrollieren kann und auch nicht mit Medikamenten steuern möchte, sondern ihnen auf Kosten des Kindes lieber nachgibt, der gehöre ins Gefängnis.

Die Raben im Gehirn schlagen mit den Flügeln. Würde mir heute ein Bekannter entdecken, dass er pädophile Neigungen hat, ich würde ihn nach Berlin zu Professor Klaus Michael Beier schicken.

Quelle: F.A.Z., 05.03.2007, Nr. 54 / Seite 33
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