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Aktualisiert: 17.07.2014, 11:33 Uhr

Esskultur Feiert Orgien mit Messer und Gabel!

Essen wird nur noch danach definiert, was es alles nicht enthält. Ignoranten, Ideologen und Asketen geben den Ton an. Werden wir doch endlich ein Volk von Genießern. Ein Aufruf zur Wollust.

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© adolph press/JAN DE WIT Es ist angerichtet: Im Film „Das große Fressen (1973) mit Andrea Ferreol fehlt es kulinarisch an nichts

Essen macht Spaß. Und sehr gutes Essen macht sehr viel Spaß. Das muss einmal gesagt werden, selbst wenn es in den Ohren jedes vernunftbegabten Menschen wie die banalste Selbstverständlichkeit klingt. Blickt man sich allerdings im kulinarischen Deutschland um, könnte man manchmal glauben, das Gegenteil sei der Fall. Was wir sehen, sind nicht nur blühende Landschaften des Genusses, Heerscharen von Gourmetgeschäften und Sternerestaurants, Horden fröhlicher Hobbyköche, sondern auch Hysterisierung, Radikalisierung, Ideologisierung, Dämonisierung - die Vertreibung des gesunden Menschenverstandes von Küche und Tisch.

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Denn immer häufiger wird das Essen als Quelle des Unglücks und Wurzel allen Übels wahrgenommen, als Bedrohung für unsere Gesundheit und Angriff auf unser Wohlbefinden. Allein durch Verzicht und Selektion, so die Suggestion der Heilsversprecher, können wir unsere Haut noch retten. Und viel zu viele Menschen gehen dieser Definition von gutem Essen ex negativo auf den Leim: Ein Gericht ist gut, weil es kein Protein, kein Gluten, kein einziges Kohlenhydrat enthält, weil es unseren Cholesterinspiegel nicht explodieren, unsere Fettzellen nicht wuchern, unsere Darmflora nicht kollabieren lässt. Es ist nicht gut, weil es uns schmeckt und uns glücklich macht. Es ist ein Trauerspiel.

Vom Vegetarier zum Popstar

Wir leben in einer Welt kulinarischer Obsessionen, in der sich der klassische Genießer immer fremder fühlt, weil nicht mehr der Geschmack, sondern die Gesundheit oder das Dogma oder die Moral das neue A & O des Essens sind. Freiheit bedeutet nicht länger die Freiheit des Genusses, sondern die Befreiung des Essens vom vermeintlich Bösen: von Fett, Fleisch, Eiweiß, Glukose, Laktose, Fructose. Das Suffix „-frei“ ist zum Glaubensbekenntnis einer neuen Schicht von Wohlstandsasketen geworden, die in ihrem Leben sonst auf nichts verzichten müssen und ausgerechnet beim Essen die Enthaltsamkeit eines Eremiten üben. Ein unschuldiges Klebereiweiß wird da schnell zum Sündenbock und dermaßen verteufelt, als wäre es ein vergiftetes Geschenk der bösen Stiefmutter Natur.

Currywurst mit Pommes © dpa Vergrößern Kantinenfavorit: Currywurst mit Pommes

Befeuert von der Lebensmittelindustrie, die mit solcher Hysterie Geschäfte macht, glauben inzwischen Millionen Menschen, an irgendwelchen Unverträglichkeiten zu leiden. So sind wir zu einem Volk der eingebildeten Kranken verkommen, das sich aus panischer Vorsorgefurcht laktosefreie Milch in den Cappuccino schüttet. Und keinen rechten Trost will der Blick über den Atlantik spenden, der uns zeigt, dass wir im Vergleich zu den Hypochondern in den Vereinigten Staaten noch regelrechte Ernährungsrationalisten sind. In Amerika leben mittlerweile geschätzte sechzig Millionen Fanatiker, die ein paranoides Verhältnis zu Gluten pflegen, Roggen, Weizen, Gerste oder Dinkel für die Leibspeise des Leibhaftigen halten und jedes glutenhaltige Lebensmittel meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Dabei ist es längst wissenschaftlich erwiesen, dass maximal ein Prozent der Bevölkerung an Zöliakie (Glutenintoleranz) leidet. Wir sollten wieder zu einer vernünftigen Mitte finden. Noch mehr Dogmatismus und Fundamentalismus, als wir ohnehin schon haben, würden den Brei endgültig verderben - was keinesfalls heißt, dass man sich nicht auch weiterhin Gedanken über die Ernährung und deren Konsequenzen machen muss. Natürlich soll jeder auf seine Weise glücklich werden und essen, was er will. Selbstverständlich ist es gut, dass Vegetarier und Veganer in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Sieben Millionen Deutsche ernähren sich inzwischen fleischlos, 800 000 verzichten sogar ganz auf tierische Nahrungsmittel. Die Zahl der vegetarischen und veganen Kochbücher hat sich innerhalb von vier Jahren verzehnfacht, und eine Ikone des Veganismus wie der Berliner Koch Attila Hildmann soll ruhig seinen Popstarstatus genießen.

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