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Oper : „Doping ist in der Musik längst Alltag“

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Überlastete Stars? Anna Netrebko und Rolando Villazón Bild: ddp

Anna Netrebko, Rolando Villazón und andere Stars haben Vorstellungen absagen müssen: Opfer des neuen Sängerkults, der Opernstars zu Werbe-Ikonen aufbaut? Der Tenor Endrik Wottrich spricht im Interview über Druck und Doping: Abrechnung mit einer Opernwelt, die sich verändert hat.

          Es war die Woche der Absagen: Anna Netrebko, Rolando Villazón, Neil Shicoff und Elina Garanca haben in Salzburg nicht gesungen; in Bayreuth wurde Endrik Wottrich als Siegmund in der zweiten Vorstellung ersetzt. Sind diese Ausfälle der Anfang vom Ende eines neuen Sängerkults, in dem Opernstars zu Werbe-Ikonen aufgebaut wurden? Wird die Oper Opfer ihres Starrummels? Endrik Wottrich wird die letzten Aufführungen in Bayreuth wieder singen - aber vorher rechnet er mit einer Opernwelt ab, die sich verändert hat.

          Herr Wottrich, warum haben Sie den Siegmund nach der Premiere nicht mehr gesungen?

          Ganz einfach: Weil ich krank war und eine Erkältung hatte.

          Tenor und Bodybuilder: Endrik Wottrich

          Aber wie kann man während der Bayreuther Festspiele krank werden? Ein Olympionike bekommt während der Olympiade auch keine Grippe.

          Vielleicht, weil man zu viel Stress erlebt, vielleicht aber auch, weil die ganze Opernwelt krank ist und es kein Wunder ist, wenn allmählich auch die Sänger krank werden. Es werden Leistungen erwartet, die nicht einzulösen sind. Da wird eine Erkältung schnell zum Todesurteil. Über mich wurde geschrieben, dass ich nicht krank sei, sondern am Ende meiner Karriere.

          Allein diese Woche haben bei den Salzburger Festspielen Anna Netrebko, Rolando Villazón, Magdalena Kozená, Neil Shicoff und Elina Garanca abgesagt. Das ist doch nicht mehr normal.

          Es ist nicht normal, dass die Stimme nicht mehr als empfindliches, menschliches Organ wahrgenommen wird, sondern als Maschine. Wir stehen vor der Wahl, aufzutreten, um angegriffen zu werden, weil wir einen falschen Ton singen, oder uns krankzumelden, um angegriffen zu werden, weil wir uns schonen. Dass Anna Netrebko in Salzburg vorgeworfen wird, dass sie unzuverlässig sei, ist eine Frechheit. Ich weiß aus sicherer Quelle, dass sie eine Laryngitis hat. Natürlich hat sie die Vorstellung abgesagt, weil sie den Festspiel-Hype kennt, weil sie weiß, dass jeder falsche Ton ihr zum Grab in jener Stadt geworden wäre, in der sie zum Star gemacht wurde. Jetzt wird sie fallengelassen, als wenn sie lapidar gesagt hätte: „Ach, ich bin dann mal krank.“ Letztlich ist die Oper in der medialen Wirklichkeit angekommen. Sänger werden heute nach den Kriterien von Jenny Elvers, Paris Hilton oder Christoph Schlingensief gemessen.

          Mit Letzterem hatten Sie vor zwei Jahren bei seiner Bayreuther „Parsifal“-Inszenierung einen Disput.

          Als ich mich mit diesem Trottel angelegt habe, hat alles angefangen! Damals schrieb die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“, dass ich nach der Premiere ausgebuht wurde. Tondokumente beweisen, dass es kein einziges Buh nach dieser Aufführung gab. Die Konsequenz war, dass die Deutsche Presseagentur das übernommen hat und ich in der zweiten Aufführung konsequent ausgebuht wurde. In dieser Vorstellung saßen sogar Journalisten, die gebuht haben. Genauso war das mit der „Walküre“ dieses Jahr - es wurde wieder geschrieben, dass ich ausgebuht wurde. Da waren vielleicht zwei oder drei Buhrufer. Die Dinge bekommen plötzlich eine Eigendynamik.

          Das hört sich, mit Verlaub, ein bisschen wehleidig an.

          Fakt ist, dass die veröffentlichte Meinung eine zugespitzte Form der Wirklichkeit geworden ist.

          Wenn ich Sie richtig verstehe, gibt es in der Oper Claqueure, die gezielt Sänger ausbuhen?

          Bei meiner alten Lehrerin ist einmal ein sogenannter Chapeau-Claque vorstellig geworden, ein Anführer der Claqueure. Er hat gesagt: „Wenn Sie zahlen, rufen wir bravo, wenn nicht, wird gebuht.“ Mir sind einige dieser Leute namentlich bekannt - und dazu gehören sogar Journalisten. Ich weiß, dass ich das nicht sagen sollte, dass ich ein ungeschriebenes Tabu breche, aber bei mir ist der Geduldsfaden gerissen. Es ist inzwischen sogar so weit, dass ich glaube, die Leute wollen nur, dass ich das sage, um weiter auf mich eindreschen zu können.

          Das hört sich tatsächlich ein bisschen nach Verfolgungswahn an.

          Für Sie, aber ich erlebe diese Mechanismen jeden Tag - und ich bin sicherlich nicht der Einzige.

          Die Sängerin Vesselina Kasarova hat kürzlich gesagt, dass viele Sänger den Druck nicht mehr aushalten würden, sogar von Doping in der Oper ist die Rede.

          Darüber redet ja keiner. Dabei ist das Doping in der Musik längst Alltag. Solisten nehmen Betablocker, um ihre Angst in den Griff zu bekommen, einige Tenöre nehmen Cortison, um die Stimme in die Höhe zu schrauben, und Alkohol ist gang und gäbe. Die Angst ist zu einem großen Faktor geworden, so dass fast jedes Mittel recht scheint, um den Erwartungen gerecht zu werden. Das ist für die meisten Sänger der Anfang vom Ende. Es bedarf großer Kraft, all dem zu widerstehen. Letztlich müssen wir uns fragen, warum Musiker sich so verlassen vorkommen, dass sie zu diesen Mitteln greifen.

          Erklären Sie uns, warum.

          Musik ist ja eigentlich ein Mannschaftssport. Aber dieser Gedanke ist durch den Einfluss äußerer Faktoren, von Managern und Sponsoren, zersprengt. Inzwischen denkt jeder nur noch an sich. Wenn ich einen millionenschweren Werbevertrag abschließen würde, würde ich mich auch verpflichtet fühlen, die Leistung zu bringen, die von mir erwartet wird.

          Sie meinen, dass Anna Netrebkos O2-Vertrag so ähnlich ist wie der von Jan Ullrich mit der Telekom, dass die eigentlich Schuldigen nicht die Sänger sind, sondern ihr Umfeld?

          Der Vergleich der Oper mit dem Radsport ist gar nicht so abwegig. Der eigentliche Druck ist nicht mehr das gute alte Lampenfieber, er kommt aus einer neuen Dimension, die in die Oper eingedrungen ist - sie lebt vom Glamour, und da stören alltägliche, menschliche Fehler. Ich stelle eine allgemeine Vereinsamung des Einzelnen im musikalischen Kollektiv fest.

          Trägt das Publikum eine Schuld an diesem Trend?

          Das echte Opernpublikum nicht, aber die Leute, dem die Oper als Show vorgegaukelt wird. Da ist es wie bei der Tour de France: Der normale, alkoholisierte und fettgefressene Fernsehzuschauer, der niemals auf einem Rad gesessen hat, fällt über den gedopten Sportler her, über ein Idol, das er eben noch angebetet hat, um es fallen zu lassen. Das Aphrodisiakum unserer Zeit ist das Scheitern der anderen. Und, mit Verlaub, das kotzt mich ungeheuer an.

          Anna Netrebko ist die personifizierte Diva, und Sie sind kein Tenor, sondern der Sänger, der sich mit Schlingensief gestritten hat und Freund von Katharina Wagner ist.

          Die Gefahr einer gespaltenen Persönlichkeit ist tatsächlich groß. Es wird immer schwieriger, sich auf die Rolle zu konzentrieren, die man auf der Bühne verkörpern soll, statt seine Rolle aus der Öffentlichkeit mit auf die Bühne zu nehmen. Von Anna Netrebko wird nicht erwartet, dass sie Verdis Violetta spielt. Sie soll die Anna Netrebko aus der Werbung sein: hübsch, lustig und lebensfroh, egal ob sie wirklich singt oder mit Playback.

          Gilt das auch für Ihren Tenorkollegen Rolando Villazón?

          Ich würde mich erschießen, wenn ich eine Stimme wie er hätte und in den Zeitungen auf den „Mr. Bean der Oper“ reduziert würde. Er ist ein hochintelligenter Tenor mit einer wunderschönen Stimme. Aber das interessiert keinen mehr, weil er große Augenbrauen hat und lustig ist. Kein Wunder, dass man da krank wird.

          Ist das bei Ihnen ähnlich?

          Es ist ganz anders, weil ich kein Werbeträger bin und keine Plattenfirma habe, die diesen Hype fördert. Aber ich werde von vielen nicht als Tenor gesehen, der den Siegmund singt, sondern ich stehe stellvertretend für den Bayreuther Generationswandel. Und ich glaube, dass im Applaus oder bei den Buhs die öffentliche Person gesehen wird, nicht die stimmliche Leistung. In den Zeitungen wird dann geschrieben, dass ich in Bayreuth singe, weil hier Vetternwirtschaft herrsche. Ehrlich gesagt, von den Gagen in Bayreuth könnte ich nicht leben, und dass ich in Mailand und London mehr Applaus bekomme als hier, scheint auch keinen zu interessieren. In Bayreuth bin ich der Feind von Schlingensief und der Freund von Katharina - und kein Sänger.

          Die neuen PR-Formate der Klassik sind ja nicht nur schlecht: Sänger sind wieder Popstars.

          Aber das bringt die Gefahr mit sich, dass es sich um Teufelspakte handelt. Plötzlich sind da keine Manager mehr, die eine Karriere mehr als dreißig Jahre lang planen, sondern die Sänger wie Heuschrecken behandeln - jeder weiß, dass eine Stimme in wenigen Jahren Millionen verdienen kann. Und viele wollen damit möglichst schnell möglichst viel Geld absahnen.

          Gleichzeitig erleben wir in diesem Sommer die Implosion dieses Systems - die Absagen führen die Oper zurück zu ihrem Kern. Der Netrebko-Ersatz Christine Schäfer ist vielleicht sogar besser als das Original.

          Ich hoffe, dass Bayreuth sich in Zukunft wieder auf die Kunst besinnen wird. Hier kommt kein Society-Publikum wie in Salzburg, sondern Leute, die in der fränkischen Abgeschiedenheit Musik hören wollen. Leute wie Margot Werner sind da sicherlich eine Ausnahme. Aber es besteht die Gefahr, dass wir ein Publikum anziehen, bei dem es nicht mehr um Inhalte geht, sondern darum, zu sehen und gesehen zu werden - um die pure Oberfläche.

          Genau dieses Problem hat Katharina Wagner in ihrer „Meistersinger“-Regie gezeigt.

          Deshalb kamen die Buhs. Das Publikum trägt bei ihr Smokings und teure Roben, beklatscht die Vernichtung des Neuen und schwärmt vom Schlagersänger Stolzing. Das Erbärmliche ist, dass die einstige Hochkultur der Oper in eine Glamourwelt abgerutscht ist. All das zeigt Katharina - und damit spricht sie das Problem unserer Kunst an.

          Aber Herr Wottrich, so einfach geht das alles doch auch nicht. Die Sänger spielen bei all dem doch mit.

          Das liegt aber an der übergeordneten Struktur. Die Ensembles an deutschen Opernhäusern werden zusammengeschrumpft. Inzwischen kann man als Sänger nicht mehr aus der Provinz an die Weltspitze kommen, sondern muss sich zwischen Glamour oder Stadttheater entscheiden. Damit wird der Basis des Gesangs der Boden genommen. Heute ist die Oper ein Stundenhotel, in dem sie in möglichst wenigen Jahren möglichst viel Kohle verdienen müssen. Das ist Prostitution. Aber natürlich nehmen Anna Netrebko oder andere dieses Angebot auch an. Heute ist weniger die Stimme gefragt als das sogenannte „Gesamtpaket“, und mit der ersten Falte ist die Karriere am Ende.

          Sind Sie deshalb passionierter Bodybuilder?

          Das hilft ja auch nicht.

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