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Veröffentlicht: 11.12.2015, 11:19 Uhr

Offener Brief Lieber Götz Aly

Ist es antisemitisch, wenn man das Geschäftsgebaren Mark Zuckerbergs kritisiert? Der Historiker Götz Aly behauptet das. Dem muss widersprochen werden.

von
© Berliner Zeitung/Screenshot F.A.Z. Götz Alys Artikel auf dem Online-Portal der „Berliner Zeitung“

Lieber Götz Aly, Sie haben gerade in einem Beitrag für die „Berliner Zeitung“ gegen den Ressortleiter Medien unserer Zeitung, Michael Hanfeld, einen ungeheuerlichen Vorwurf erhoben. Sie nennen ihn einen Antisemiten. Genauer: Sie werfen ihm vor, er erfülle die Kriterien für einen „modernen, stillen“ Antisemiten. Denselben Vorwurf erheben Sie außerdem gegen einen Kolumnisten von „Spiegel Online“ und eine Reihe weiterer Journalisten.

Jürgen Kaube Folgen:

Was hat Michael Hanfeld getan, um sich Ihre Behauptung zuzuziehen? Er hat einen Artikel über den offenen Brief von Mark Zuckerberg an seine soeben geborene Tochter geschrieben. In diesem Brief kündigte der Gründer und Vorstandsvorsitzende von Facebook an, einen Großteil seiner Firmenanteile im Wert von derzeit 45 Milliarden Dollar für Bildung, Chancengleichheit und medizinische Forschung verwenden zu wollen. Michael Hanfeld hat diesen Brief als unaufrichtige Mitteilung gelesen: als Reklame für einen Unternehmer, der sich unter Nutzung eines sentimentalen Moments als gemeinnützig darzustellen versucht, was uns mit der Tatsache aussöhnen soll, dass er Politik für ein Anhängsel der Wirtschaft hält, mit Daten handelt, gegen Datenschutz lobbyiert und in Europa zwar Geschäfte macht, aber kaum Steuern zahlt. Auch dass seine Gemeinnützigkeit, anders als bei Bill Gates und Warren Buffett, in Ratenzahlung erfolgt und Zuckerberg die 45 Milliarden, die ohnehin nicht in eine Stiftung fließen sollen, sondern in eine GmbH, erst „im Laufe meines Lebens“ ins Karitative überführen will, hielt Hanfeld fest.

Die Kritik daran, dass jemand Firmen und zuvorderst seine eigene als die Treuhänder des gesellschaftlichen Fortschritts darstellt, die Kritik an einer Verschleierung partikularer Interessen als gemeinnützig - einst nannte man so etwas Ideologiekritik. Sie, Herr Aly, nennen es antisemitisch. Ob an der Kritik etwas dran ist, interessiert Sie nicht. Vielleicht ist die Kritik zu scharf, vielleicht unterschätzt sie die Konkurrenz zwischen den Internetgiganten, vielleicht überschätzt sie Zuckerberg, genau wie dieser sich. All das ließe sich entgegnen.

Offenbar aber halten Sie Skepsis gegenüber den Selbstdarstellungen von Konzernchefs und Kritik an ihren Phrasen für so abwegig, dass man gleich zu den psychologischen Motiven derer übergehen kann, die sie äußern. Sie selbst äußern sich darum nicht zur Sache, sondern ziehen es vor, zu sagen, wer so rede, habe etwas gegen Juden.

Doch wie kommen Sie darauf? In keinem einzigen Satz des inkriminierten Artikels geht es um Zuckerbergs Herkunft. Das wird von Ihnen konzediert. Der moderne, stille Antisemit ist für Sie einer, der das Wort „Jude“ vermeidet, wenn er Juden angreift. Allerdings kommen auch Anspielungen auf Zuckerbergs Zugehörigkeit zu einer anderen Gruppe als derjenigen der Großunternehmer im Artikel nicht vor. Nichts an dem Argument des Beitrages wäre zu ändern gewesen, hätten Jeff Bezos (Amazon) oder Larry Page (Google) oder Jack Dorsey (Twitter) oder auch Doug McMillon (Walmart) einen offenen Brief geschrieben, in dem sie die Errichtung einer besseren Welt als ihr Unternehmensziel behauptet hätten; nur wäre bei Walmart das Problem nicht das Datensammeln gewesen. Wollen Sie uns also mitteilen, dass, wer von jemandem sagt, er rede anders, als er handele, diesen unausgesprochenerweise als Juden attackiere?

Nein, das wollen Sie nicht. Für Sie ist eine solche Kritik ja nur in einem einzigen Fall antisemitisch: nämlich in dem Fall, in dem es sich beim Kritisierten tatsächlich um das handelt, was Sie einen Juden nennen. Denn das ist die böse Pointe Ihrer vermeintlichen Entlarvung moderner Antisemiten: Nur für Sie, nicht für die von Ihnen Angegriffenen, ist Mark Zuckerberg ein Jude. Leider erfahren wir aus Ihrem Text nicht, inwiefern er das ist. Ist er ein religiöser Mensch? Sein Wikipedia-Eintrag teilt mit, er bezeichne sich als Atheisten. Ist für Sie Mark Zuckerberg ein Jude, weil Sie etwas über seine Eltern wissen? In Michael Hanfelds Kritik an jenem offenen Brief geht es nicht um Zuckerbergs Eltern, nicht um seine Verwandtschaft, nicht um seinen Glauben, nicht um seine Biographie. Der Schriftsteller Per Leo, der über die Geschichte der Judenfeindschaft in Deutschland geforscht hat, bringt es in einem Facebook-Eintrag zu Ihrer infamen Behauptung auf den Begriff: „Aus Zuckerberg einen ,Juden‘ gemacht zu haben, diesen Vorwurf muss sich in diesem Fall einzig und allein Götz Aly gefallen lassen.“

„Ich bin das, was Hitler einen Juden genannt hat“, schrieb der Kunsthistoriker Ernst Gombrich einst, um sich gegen diesen Erfolg des Antisemitismus zu wehren, dass als Juden auch Personen angesprochen werden, die gar nichts dazu beigetragen haben. Hitler wird auch von Ihnen, Herr Aly, erwähnt. Sie zitieren aus „Mein Kampf“ eine Passage, in der Juden der „Kunst der Lüge“ und der schamlosen Geschäftstätigkeit bezichtigt werden. Und Sie schließen daraus, dass jemand, der ein als Gemeinnutz beschönigtes Geschäftsinteresse kritisiert, ein Antisemit ist, wenn der Kritisierte zufälligerweise dem entspricht, was Sie als jüdische Herkunft bezeichnen.

Wollen Sie uns ernsthaft sagen, dass ein und dieselbe Kritik, wenn sie an einem protestantischen Internettycoon geübt wird, ihren Charakter ändert, wenn sie Mark Zuckerberg betrifft? Wie kann einem denkenden Menschen wie Ihnen, Herr Aly, die Absurdität dieser Schlussfolgerung entgehen? Wie kann einem Historiker des Nationalsozialismus entgehen, welcher Logik dieser Kurzschluss den Verstand opfert?

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Der Facebook-Kommentar von Per Leo schließt mit dem Hinweis darauf, dass Antisemitismus nichts Vergangenes ist, sondern sich allerorten wieder offen zeigt. Da es sich um eine der dümmsten und niederträchtigsten Feindseligkeiten überhaupt handelt, ist die Behauptung, jemand sei Antisemit, nicht irgendeine. Sie steht darum, wie Leo schreibt, unter besonderer Pflicht, einen Nachweis zu führen. Sie, Herr Aly, entziehen sich dieser Pflicht, weil gar nichts da ist, woran er zu führen wäre. Ihnen genügen Analogieschlüsse zum Rufmord. Das ist nicht nur niederträchtig, es schwächt die Kritik des Antisemitismus, den es gibt. Finden Sie nicht auch, dass das ein ziemlich hoher Preis dafür ist, einen Artikel mit haltlosem Unfug zu füllen? Ihr Jürgen Kaube

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