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Offener Brief : Lieber Götz Aly

Götz Alys Artikel auf dem Online-Portal der „Berliner Zeitung“ Bild: Berliner Zeitung/Screenshot F.A.Z.

Ist es antisemitisch, wenn man das Geschäftsgebaren Mark Zuckerbergs kritisiert? Der Historiker Götz Aly behauptet das. Dem muss widersprochen werden.

          Lieber Götz Aly, Sie haben gerade in einem Beitrag für die „Berliner Zeitung“ gegen den Ressortleiter Medien unserer Zeitung, Michael Hanfeld, einen ungeheuerlichen Vorwurf erhoben. Sie nennen ihn einen Antisemiten. Genauer: Sie werfen ihm vor, er erfülle die Kriterien für einen „modernen, stillen“ Antisemiten. Denselben Vorwurf erheben Sie außerdem gegen einen Kolumnisten von „Spiegel Online“ und eine Reihe weiterer Journalisten.

          Was hat Michael Hanfeld getan, um sich Ihre Behauptung zuzuziehen? Er hat einen Artikel über den offenen Brief von Mark Zuckerberg an seine soeben geborene Tochter geschrieben. In diesem Brief kündigte der Gründer und Vorstandsvorsitzende von Facebook an, einen Großteil seiner Firmenanteile im Wert von derzeit 45 Milliarden Dollar für Bildung, Chancengleichheit und medizinische Forschung verwenden zu wollen. Michael Hanfeld hat diesen Brief als unaufrichtige Mitteilung gelesen: als Reklame für einen Unternehmer, der sich unter Nutzung eines sentimentalen Moments als gemeinnützig darzustellen versucht, was uns mit der Tatsache aussöhnen soll, dass er Politik für ein Anhängsel der Wirtschaft hält, mit Daten handelt, gegen Datenschutz lobbyiert und in Europa zwar Geschäfte macht, aber kaum Steuern zahlt. Auch dass seine Gemeinnützigkeit, anders als bei Bill Gates und Warren Buffett, in Ratenzahlung erfolgt und Zuckerberg die 45 Milliarden, die ohnehin nicht in eine Stiftung fließen sollen, sondern in eine GmbH, erst „im Laufe meines Lebens“ ins Karitative überführen will, hielt Hanfeld fest.

          Die Kritik daran, dass jemand Firmen und zuvorderst seine eigene als die Treuhänder des gesellschaftlichen Fortschritts darstellt, die Kritik an einer Verschleierung partikularer Interessen als gemeinnützig - einst nannte man so etwas Ideologiekritik. Sie, Herr Aly, nennen es antisemitisch. Ob an der Kritik etwas dran ist, interessiert Sie nicht. Vielleicht ist die Kritik zu scharf, vielleicht unterschätzt sie die Konkurrenz zwischen den Internetgiganten, vielleicht überschätzt sie Zuckerberg, genau wie dieser sich. All das ließe sich entgegnen.

          Offenbar aber halten Sie Skepsis gegenüber den Selbstdarstellungen von Konzernchefs und Kritik an ihren Phrasen für so abwegig, dass man gleich zu den psychologischen Motiven derer übergehen kann, die sie äußern. Sie selbst äußern sich darum nicht zur Sache, sondern ziehen es vor, zu sagen, wer so rede, habe etwas gegen Juden.

          Doch wie kommen Sie darauf? In keinem einzigen Satz des inkriminierten Artikels geht es um Zuckerbergs Herkunft. Das wird von Ihnen konzediert. Der moderne, stille Antisemit ist für Sie einer, der das Wort „Jude“ vermeidet, wenn er Juden angreift. Allerdings kommen auch Anspielungen auf Zuckerbergs Zugehörigkeit zu einer anderen Gruppe als derjenigen der Großunternehmer im Artikel nicht vor. Nichts an dem Argument des Beitrages wäre zu ändern gewesen, hätten Jeff Bezos (Amazon) oder Larry Page (Google) oder Jack Dorsey (Twitter) oder auch Doug McMillon (Walmart) einen offenen Brief geschrieben, in dem sie die Errichtung einer besseren Welt als ihr Unternehmensziel behauptet hätten; nur wäre bei Walmart das Problem nicht das Datensammeln gewesen. Wollen Sie uns also mitteilen, dass, wer von jemandem sagt, er rede anders, als er handele, diesen unausgesprochenerweise als Juden attackiere?

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