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Österreichs Selbstzweifel Ergötzen wir uns nicht alle am Obszönen?

30.05.2008 ·  Die Opfer von Amstetten sind jetzt frei und doch eingesperrt - die Medien werden sie nicht aus ihren Fängen lassen. Gefordert wird nun ein Presserat. Natascha Kampusch dreht derweil den Spieß um: Sie macht eine Talkshow.

Von Erna Lackner, Wien
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Dass Natascha Kampusch und die Kinder von Amstetten auch noch „Opfer der Medienmeute“ geworden sind, rüttelt die Journalisten und Verleger Österreichs nun doch auf. Die Branche diskutiert über sich selbst oder genauer: Die Guten reden darüber, wie den Bösen - „zwei bis drei“ schwarzen Schafen - Einhalt zu bieten ist. Bevor Politiker und staatliche Instanzen eingreifen, möchten die Medien sich doch lieber selbst am Schopf packen: Der 2001 nach Streitigkeiten zwischen Verlegern und Gewerkschaft aufgelöste Presserat soll als Selbstkontrollorgan wieder eingerichtet werden.

Die Chancen, dass dies noch in diesem Jahr gelinge, stünden gut, sagte Gerald Grünberger, Generalsekretär des Verbands der österreichischen Zeitungen, bei einer Veranstaltung der „Initiative Qualität im Journalismus“. Nicht nur der IQ-Vorsitzende Andreas Koller von den „Salzburger Nachrichten“ wünscht sich den Presserat dringend. Auch der Vorsitzende der Journalistengewerkschaft, Franz C. Bauer, fürchtet, „dass die uns Gesetze aufdrücken, wenn die evidente Lücke nicht geschlossen wird“. Und Armin Thurnher, Chefredakteur der Wiener Stadtzeitung „Falter“, nennt die mediale Selbstkontrolle eine Frage der Selbstachtung.

Medien, die die Demokratie gefährden

Doch es ist ein zähes Ringen, bei dem es vor allem darum geht, alle an Bord zu bringen. Die Namen der „zwei bis drei üblichen Verdächtigen“ wurden bei der Diskussion mit keiner Silbe genannt - jeder weiß, welche Medien sich Voyeurismus und Stalking zur Geschäftsgrundlage gemacht haben. Thurnher schreibt von „Medien, die aussehen wie Medien, aber ihre hidden agenda betreiben“ und die Demokratie gefährden. Diesmal steht weniger die „Krone“ am Pranger, sondern „Heute“, das mit ihr in Beziehung stehende Gratisblatt, sowie die neue Kronenzeitungskonkurrenz „Österreich“ und das Wochenmagazin „News“. Auf der Sündenliste stehen die Jagd nach Kampusch-Intimitäten; Porträtfotos der Amstettener Kinder; ein unbeschreibliches Pseudointerview mit dem Inzest-Täter; Phantomzeichnungen von der 24 Jahre lang eingesperrten E. F.; das Stalking der Medien rund um die Klinik, in der die Familie nun lebt; Falschmeldungen und andere Druckarten, mit denen nach Ansicht des Opferanwalts Familienmitglieder zur Flucht nach vorne getrieben werden sollen. Für 300.000 Euro soll ein gerade noch zurechtgewiesener Pfleger ein Foto vom Familienleben angeboten haben.

Die Opfer sind jetzt frei und doch eingesperrt. Die Familie F. könne sich jetzt genauso wenig bewegen wie zuvor unter der Knute des Vaters, diese Art von Journalismus und die Menschenwürde schlössen einander aus, sagt der Schriftsteller Franz Schuh in einem Interview im „Falter“ und befindet: „Die Fälle Kampusch und Amstetten könnten das Land verändern - wenn die Politik das will.“ Was wird die Politik wollen? Anfang Juli ist im Parlament eine Medien-Enquête angesetzt. Über den Grat zwischen Opferschutz und Pressefreiheit wird gesprochen, auch über eine Erhöhung des Strafrahmens im Mediengesetz; die höchste Entschädigung für Opfer beträgt derzeit 20.000 Euro. Aus dem Büro der Medienministerin verlautet, man überlege, die Presseförderung an die Einrichtung eines Presserats zu koppeln. Das setzt freilich voraus, dass die Boulevardbuben sich auch dem Presserat unterwerfen. Und Gratiszeitungen erhalten ohnehin keine Presseförderung.

Er hat es gut in Österreich

„Ich bin nur indirekter geil“, bekennt der Intellektuelle Franz Schuh, denn er, als Medienbeobachter, ergötze sich „an der Obszönität, mit der über solche Taten berichtet wird“. Da hat er es gut in Österreich: Eine Zeitung druckt die 24 Jahre alten Liebesbriefe der E. F. als Faksimile, in der nächsten stehen Amtsarztprotokolle mit Details, die Natascha Kampusch dem Mediziner anvertraute. Das ist möglicherweise auch ein Politikum, mit dem der laufende parlamentarische Untersuchungsausschuss desavouiert werden soll. Politiker könnten die zunehmend aus den Fugen geratenen Medienbräuche zum Anlass nehmen, die Pressefreiheit insgesamt zu beschneiden. In österreichischen Medien wird regelmäßig aus Gerichtsakten und Behördendossiers zitiert - was freilich oft Skandale ans Licht bringt. Politiker könnten also nicht nur einen besseren Schutz für Verbrechensopfer im Auge haben, sondern auch die eigenen Kellerräume besser abschließen wollen. Dem Journalistengewerkschafter Bauer ist es lieber, dass ein ehrenwerter Presserat die Kollegen ermahnt, als Gerichte über Medien urteilen, was oft „eine Glückssache“ sei.

Vor allem die jüngste Entscheidung des Oberlandesgerichts Wien zu einer Medienklage von Kampusch erregt Medienjuristen. Natascha Kampusch hatte in erster Instanz 13.000 Euro Entschädigung zugesprochen bekommen für Fotos, die sie in einer Disco beim Schmusen zeigten und die von dem Gratisblatt „Heute“ veröffentlicht wurden: „Sooo süß ist ihre erste Liebe!“ Auch die schmeichelnde Unterzeile „Paparazzi knipsten Kampusch und super-netten Freund beim Clubbing“ ist der Ton, den Franz Schuh meint, wenn er die heimischen Medien „intimisierend“ nennt. Die deutsche „Bild“ sei ein hartes Organ, sie zeige „die höhnische Fratze einer sich anbiedernden Ungemütlichkeit. Die österreichische Presse legt alles durch ein pseudo-nichtentfremdetes Berichterstatten jedem Einzelnen ans Herz. Und diese Herzigkeit ist eine ziemliche Gemeinheit.“

Freiwillig ins Schlaglicht der Medien

Das Gericht der zweiten Instanz betrachtete die Schmusebilder nun nicht als „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs“. Natascha Kampusch habe sich „freiwillig ins Schlaglicht der Medien begeben“. Prominente wie sie, die „aus finanziellen Gründen“ und zur „Befriedigung der Eitelkeit“ öffentlich aufträten, müssten hinnehmen, auch bei Umarmungen in einer (öffentlich zugänglichen) Disco fotografiert zu werden.

Diese Urteilsbegründung kam just eine Woche vor der Ausstrahlung ihrer ersten Talkshow „Natascha Kampusch trifft“. Am Sonntag wird sie im Sender „Puls 4“ fünfzig Minuten lang mit ihrem ersten Gast Niki Lauda zu sehen sein, in einem vor Wochen aufgezeichneten Gespräch. Und alle Welt ist mehr auf die Interviewerin als auf den Interviewten neugierig. Bevor er sich entschieden habe, hinzugehen, habe er sie getroffen, erzählte Niki Lauda, „um ein Gefühl zu kriegen, warum sie das überhaupt machen will“. Und lobte nachher: „Bei mir ist sie mit ihrer Art gut weitergekommen.“ Natascha Kampusch, die den Amstetten-Opfern öffentlich riet, nicht vor die Kameras zu gehen, will sich künftig in ihrer Talksendung einmal im Monat „sehr offen vor der Kamera unterhalten und dabei durchaus auch einiges von mir preisgeben“ - sofern sie ihre prominenten Gesprächspartner dazu inspirieren, was sie sich wünscht. Und der Umgang mit Prominenten sei „teilweise sogar einfacher, da ja auch ich mit großem Medieninteresse konfrontiert bin“.

Gehässige Anwürfe

Zu den Artikeln über Natascha Kampusch mehren sich auf Leserbriefseiten auch gehässige Anwürfe. Franz Schuh verteidigt Kampusch und den Profit, den sie mache: „Wenn jemand als Objekt der Medien eine solche Berühmtheit erlangt, dann liegt es nahe, seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, dass man ein Subjekt der Medien wird. Diese Variante des Spießumdrehens ist der ehrenwerte Versuch einer Person, die erlittene Objektivierung in eine Subjektivierung zu verwandeln.“

Und nach der Kampusch-Talkshow werden morgen auf Puls 4 auch wieder die „echten“ Journalisten diskutieren - über „Die Rolle der Medien: Zwischen Informationspflicht und Hetze“. Das österreichische Wort Hetz, für Spaß, so erläutert Thurnher in seinem Leitartikel „Eine Hetz, diese Medien“, stammt von der Tierhetze. In der Hetzgasse wurden Hunde und Bären aufeinandergehetzt, zur gegenseitigen Zerfleischung und zum Gaudium des Publikums.

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