25.11.2010 · Es gibt sie wieder, die ökologischen Utopien: Mitten in der Krise der Klimapolitik propagieren Wissenschaftler das gemeinschaftliche Handeln auf überschaubarem Terrain. Das nachhaltige, kohlenstoffneutrale Leben wird ein urbanes sein.
Von Joachim Müller-Jung„Morgenstadt“ – so heißt die deutsche Antwort auf den globalen Klimawandel. Eine sehr grüne und zugleich technophile Vision. Die Geschichte beginnt im Originalton so: „Die Emissionsuhr am Rathaus von Morgenstadt zeigt seit bald 30 Jahren an, welchen Ausstoß an Kohlendioxid jeder Einwohner im Jahr statistisch betrachtet zu verantworten hat. Auf ihrer Homepage zeichnet die Stadt seit mehr als einer Generation ihren ökologischen Fußabdruck detailgetreu nach.“
So lauten die ersten beiden Sätze einer Erzählung über die durchschnittliche kohlendioxidneutrale, energieeffiziente und klimaangepasste „Bestandsstadt“ irgendwann zwischen 2030 und 2050 (siehe Eine Antwort auf den Klimawandel: Morgenstadt). Ein grüner Traum – geträumt und aufgeschrieben in einem Land, in dem das ökologische Weltgewissen schon seit geraumer Zeit einen sicheren Hafen gefunden hat und in dem grüne Lebensentwürfe nun plötzlich sogar mehrheitsfähig zu werden versprechen.
Wir lesen in dieser Erzählung aus der Zukunft von Bewohnern, die in Nullenergiehäusern leben und zu „Prosumern“ geworden sind, das heißt längst nicht mehr nur Energie konsumieren, sondern im großen Maßstab selbst produzieren. Eine Stadt von ökologischen Superhelden. Seitenlang geht das so in dieser utopischen Erzählung. Das Besondere daran ist nicht etwa die grüne Hightech-Phantasie. Eher schon die bemerkenswert jargonarme, gelegentlich sogar literarische Prosa. Denn die Geschichte stammt direkt aus dem Bundesforschungsministerium. Bundesministerin Schavan hat die Erzählung zusammen mit Fraunhofer-Präsident Bullinger in Auftrag gegeben; formuliert und erdacht wurde sie von neunzehn deutschen Ingenieuren und Techniktheoretikern.
Klimapolitik ist Wirtschaftspolitik
Ein altes hochkomplexes Thema, verpackt in einer ungewohnten unterkomplexen Sprache. Kurz vor dem Klimagipfel von Cancun holt das Ministerium die Utopie jetzt aus seinen Schubladen. Kaum etwas ist in den vergangenen Monaten so grau geworden wie die grüne Weltinnenpolitik, die sich noch vor Jahresfrist die Kontrolle des globalen Klimas auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Die grüne Galionsfigur des Klimagipfels von Kopenhagen, Connie Hedegard, die dort von Chinas und Amerikas Delegierten an der Nase herumgeführt wurde, versucht heute als Klimakommissarin in Brüssel zu retten, was auf großer Bühne noch zu retten ist. Und sie tut es immer wieder mit einem Satz, der zu einem Mantra der Weltrettungsdiplomatie geworden ist: „Ändert die Story. Erzählt positive Geschichten.“
Also werden auf den einschlägigen Veranstaltungen immer seltener der Weltuntergang und finanzielle Ökoopfer beschworen, werden lieber Entwürfe für eine moderne zukunftsfähige Welt ausgemalt. „Leben in einer kohlenstoffarmen Gesellschaft“ hieß so eine Konferenz in Brüssel, auf der vor wenigen Tagen auch der Klimaberater der Bundesregierung und des EU-Kommissionspräsidenten, Hans Joachim Schellnhuber, nach „konstruktiven Geschichten“ suchte.
In der Klimapolitik, so geht die Moral dieser Geschichten, geht es nicht nur um den alles bedrohenden Klimawandel. Nein, Klimapolitikwandel bedeute auch nachhaltiges Wachstum, Schutz der Ressourcen, Innovation, eine saubere Zukunft, Energiesicherheit, Jobs – kein rhetorisches Werkzeug aus den Großwerkstätten der politischen Wahlkämpfer bleibt ungenutzt, um die Vorstellung von einer heilen Welt am Leben zu erhalten. Einer der führenden Köpfe im Weltklimarat und einer von Schellnhubers engsten Vertrauten, der Potsdamer Ökonom Otmar Edenhofer, hat diese Entwicklung in einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag“ auf einen Punkt gebracht. Klimapolitik habe mittlerweile nichts mehr mit Umweltschutz zu tun, da gehe es um harte Wirtschaftspolitik: „Man muss klar sagen: Wir verteilen durch die Klimapolitik de facto das Weltvermögen um.“ Wenn solche Sätze fallen und Begriffe wie industrielle „Transformation“, „Dekarbonisierung der Wirtschaft“ und gesellschaftlicher „Umbau“, sind die schärfsten Kritiker schnell zur Stelle, um die grünen Visionen als geostrategische Verschwörung und als Begründung für eine globale Enteignungswelle zu attackieren.
Eine grünalternative Runderneuerung
Dabei wird auch in konservativen Kreisen längst kein Hehl mehr daraus gemacht, dass es genau darum geht: um eine zivilisatorische Neuausrichtung der Gesellschaft mit allem ökopolitischen Drum und Dran. Das Bundesforschungsministerium hat in einem Begleitkommentar zur „Morgenstadt“-Utopie die wünschenswerte „Herausbildung nachhaltiger Lebensformen“ mit einem neudeutschen Begriff verklausuliert: „Selbst wenn der zunehmend populäre Lifestyle of Health and Sustainability (LOHAS) eitel erscheinen mag und momentan nur bestimmten Einkommensgruppen in vorwiegend bürgerlichen Kulturen und Subkulturen zugänglich ist, so verstärkt er über einen Schaufenstereffekt doch das ohnehin wachsende Umweltbewusstsein der Gesamtbevölkerung.“ Hier ist er wieder, der ökologische Positivismus, der momentan die Runde macht.
Kämpferisch auf die Spitze getrieben wird diese idealisierte Perspektive in der Schrift des Berliner Journalisten Christian Schwägerl. Sein Buch mit dem Titel „Menschenzeit“ (Riemann Verlag) greift eine These des italienischen Geologen Antonio Stoppani aus dem neunzehnten Jahrhundert auf, der schon damals die Menschheit als „neue irdische Kraft“ bezeichnete und von einer „anthropozooischen Zeit“ gesprochen hatte. Das Anthropozän, übersetzt und von Schwägerl am Ende weniger apokalyptisch gedeutet denn als die Epoche der längst fälligen Generalrenovierung unserer sündhaften Konsumentenseelen, erscheint plötzlich als die Chance für den großen gesellschaftlichen Aufbruch: „Nicht nur unsinnig ist es, sondern gefährlich, die Erde vom Weltuntergang her zu denken“, schreibt Schwägerl. Sein „Weltaufgang“ hat erst begonnen. Damit interpretiert er die jüngste Geschichte des Nobelpreisträgers Paul J. Crutzen ganz neu, der seit einigen Jahren die geologische Epoche des Anthropozäns in der wissenschaftlichen Moderne zu etablieren versucht und damit vor allem die krisenhaften Veränderungen des Klimas und der Chemie- und Geosphäre im Blick hat. Schwägerl entwickelt daraus eine atemberaubende planetare Vision – ein grünes, gerechtes Utopia, in dem die Überfischung, der Artenschwund, die Verwüstung, die Hungersnöte, ja einfach alles Selbstverschuldete und Sündhafte aus Menschenhand durch den schieren Willen vor allem der jungen Generation abgeschafft wird. Der ökoselige Vordenker Robert Jungk hätte seine Freude an solchen Münchhausen-Phantasien gehabt.
Den einen oder anderen wissenschaftlichen oder umweltpolitischen Geniestreich brauchen wir allerdings noch, um uns am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Wo die Großtat noch fehlt, wird sie von Schwägerl erdacht. Doch für die grünalternative Runderneuerung kommt es nicht allein auf die Ingenieure an. Wenn es bei der Ausgestaltung des Anthropozäns um einen „kulturellen Code“ gehe, so Schwägerl, „dann steht in den christlichen Weltreligionen die tiefgreifendste Erneuerung an“. Der katholisch erzogene „Spiegel“-Redakteur und frühere Feuilletonredakteur dieser Zeitung ist keineswegs ein Kirchengegner. In der Bioethikdebatte hat er vehement um katholische Standpunkte gerungen. Wo aber, fragt er nun, war der Papst in Kopenhagen, „als die Chance bestand, einer Verätzung, Erhitzung und Verarmung der Schöpfung vorzubeugen?“ Sein frommer Wunsch: Der erste grüne Papst, der „eine würdige Kleidung aus Goretex und ultraleichte rote päpstliche Wanderschuhe in Auftrag gibt und sich auf eine vieljährige Wanderung um die Welt begibt“ – keinen Meter selbstverständlich im Papamobil, sondern vierzigtausend Kilometer von Krisenregion zu Krisenregion, von Rodungsfläche zu Rodungsfläche, von Industriegebiet zu Industriegebiet, von Finanzmetropole zu Finanzmetropole. „Was für eine Genugtuung, was für eine Erleichterung wäre es da, wenn der nächste Papst ein junger, urchristlicher Südamerikaner wäre, einer der Bischöfe der Regenwalddiözesen, die sich dort schon heute gegen den Raubbau einsetzen.“
Ein einziger Kampf
Der höchste umweltpolitische Repräsentant der Vereinten Nationen, Unep-Chef Achim Steiner, hat Schwägerls Visionen bei der offiziellen Buchvorstellung im Berliner Naturkundemuseum als geradezu paradigmatisch für eine neue Kultur des umweltpolitischen Schreibens und Erzählens gelobt. Kein Versagen der Politik wird beklagt, sondern es geht um Ideen für eine lebensfreundlichere Zukunft, in der am Ende auch die vielfach verschmähten Hochtechnologien, angefangen von der grünen Gentechnik bis zur Kohlenstoffspeicherung im Untergrund, ihren umweltstrategischen Platz finden sollen.
Die neuen Umweltdenker sehen überall neue Inseln des Aufbruchs entstehen. Wenn etwa die starke Frau im Siemens-Vorstand, Barbara Kux, in Brüssel vom Aufbau eines „Google-Systems für grüne Technologien“ spricht, das die globale Verteilung umweltfreundlicher Techniken beschleunigen soll, schlagen die Utopisten-Herzen höher. Allein in diesem Jahr wird der deutsche Konzern schon achtundzwanzig Milliarden Euro und damit ein Drittel seines Umsatzes mit Umwelttechniken erwirtschaften. Der ökologische Gegenwert: Fast ein Drittel der Kohlendioxidmengen, die vergangenes Jahr in ganz Deutschland verursacht wurden, sind quasi allein mit Siemens-Produkten vermieden worden.
Doch die umweltpolitische Realität ist ein einziger Kampf geblieben – viel härter jedenfalls, als es jede einzelne Erfolgsstory ahnen lässt. China ist im „grünen Wettlauf“ längst auf der Überholspur, wird in zehn Jahren die Ausgaben für erneuerbare Energien verzehnfachen, wo Europa stagniert. Der Artenschwund ist ungebremst, die Kohlendioxidemissionen sind in den vergangenen zwanzig Jahren trotz Klimapolitik nicht zurückgegangen, sondern um fast vierzig Prozent gestiegen und steuern in diesem Jahr auf ein neues Rekordniveau zu. Vier Jahrzehnte grüne Politik und zweihundert internationale Umweltverträge später ist Ökotopia leider immer noch eine Stadt der Zukunft.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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