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Öffentliche Bibliotheken : Zu Büchern findet man nicht allein

Wo Kinder zum Buch greifen - in der Bücherei. Bild: dpa

Kinder in Deutschland lesen immer weniger. Wie kann man das ändern? Durch Leseförderung, darin sind sich alle einig. Wer dabei aber nicht auf die Bibliotheken setzt, macht einen großen Fehler.

          Was ist eine öffentliche Bibliothek, und wozu ist sie da? Lange Zeit hätte man sich diese Frage gar nicht erst gestellt, so selbstverständlich erschienen die Existenz, das Wesen und die Funktion einer solchen Einrichtung: Sie besitzt Bücher, und sie leiht sie aus.

          Inzwischen reicht eine solche Beschreibung kaum noch für die Gemeindebibliothek einer Nordseeinsel, so rasant hat sich das Angebot der allermeisten Institutionen geändert, die neben gedruckten Büchern nicht nur E-Books, Musik, Filme oder Computerspiele verleihen, sondern mitunter auch Kunstwerke. Die Lesungen veranstalten, Kaffee ausschenken und Brillen ausborgen, die twittern und Facebook-Seiten unterhalten.

          Und die, zumal als Stadtbibliothek, nolens volens eine Aufgabe annehmen, die ihnen unausgesprochen von den Kommunen übertragen wird: Ihre Räume stehen denjenigen offen, die in den Städten sonst nicht ohne weiteres am öffentlichen und kulturellen Leben teilnehmen können, die Zeitung lesen oder W-Lan benutzen wollen, ohne konsumieren zu müssen: Es genügt der Benutzerausweis.

          Ein Viertel aller deutschen Bibliotheken ist verschwunden

          Wenn heute in Berlin der Deutsche Bibliothekartag eröffnet wird, dann müssen sich die Delegierten damit auseinandersetzen, dass ihre Branche mitten in einem fundamentalen Wandel steckt, und das weltweit. Einerseits sind überall – von Seattle bis Sendai, von Stuttgart bis Kopenhagen – in den letzten Jahren kostspielige Prachtbauten entstanden, die diesem Gedanken der neuen Bibliothek auch architektonisch Rechnung tragen. Zum anderen entwickelt sich gleichzeitig die Versorgung in Kleinstädten und ländlichen Regionen auch in Deutschland vielerorts zum Desaster.

          Im Schatten der bestens ausgestatteten Prestigebauten im Zentrum werden Filialen in der Peripherie dichtgemacht. Insgesamt sind seit 1999 ein Viertel aller deutschen Bibliotheken verschwunden, heute sind es noch 9750. In kleinen Städten geht ohne ehrenamtliche Kräfte gar nichts mehr, und selbst in den Metropolen müssten die Schulbibliotheken wohl geschlossen werden, wenn sich nicht die Eltern (meist: die Mütter) der Schüler der Sache annähmen, denn hauptamtliche Bibliothekare sind dort kaum tätig.

          Käufer gehen, Leser bleiben

          Was dabei verlorenzugehen droht, zeigt wiederum der Blick auf die Statistik, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in der vergangenen Woche veröffentlicht hat: Demnach hat sich die Zahl derjenigen, die hierzulande regelmäßig Bücher kaufen, seit 2013 um etwa achtzehn Prozent auf jetzt noch dreißig Millionen verringert.

          Im selben Zeitraum aber, das zeigte jüngst eine Erhebung des Deutschen Bibliotheksverbands, ist die Zahl der Nutzer in den Bibliotheken stabil geblieben, obwohl auch in diesem Zeitraum weitere Filialen geschlossen und Stellen abgebaut worden sind. Käufer gehen, Leser bleiben: Das lässt sich auch in den Bibliotheken selbst beobachten, in knapp 400.000 jährlich dort durchgeführten Veranstaltungen so gut wie in den meist komplett belegten Arbeitsbereichen der Häuser, in denen Schüler und Studenten lernen.

          Ein Blick darauf, was hier besser gelingt als im Buchhandel, täte nicht nur dem Börsenverein gut. Denn wenn immer weniger Bücher gekauft werden, und das – auch davon erzählt die Statistik des Börsenvereins – zu immer höheren Einzelpreisen, wenn sich also die historische Entwicklung, die in der Erfindung des Buchdrucks ihren Ausgang nahm und dazu führte, dass Bücher immer erschwinglicher geworden sind, auf einmal umkehrt, dann sinkt mit der Zahl derer, die sich Bücher überhaupt noch leisten können, auch die der Kinder, die im Elternhaus mit ihnen in Berührung kommen.

          Zum Leser wird man nicht von allein. Wer sich nicht nur darauf verlassen will, dass Imbissketten Kinderbücher als Zugabe zum Burger-Menü verteilen, sollte lieber auf eine Art Bibliothekstraining für Grundschüler drängen – nicht nur in den Metropolen. Wer wegen Fake News besorgt ist, sollte den Zugang zu geprüftem Wissen zu schätzen wissen. Und wer von Integration spricht, sollte nicht das immense Potential verkennen, das im Besuch der Stadtbibliothek liegt, wo neben „Michel aus Lönneberga“ eben auch politische Zeitschriften liegen und Mädchen aus einem patriarchalischen Umfeld etwa die „Emma“ lesen können.

          Parallelgesellschaften verhindern

          Denn wenn es einen Ort gibt, an dem sich unsere Gesellschaft mit all ihren Werten und ihren Widersprüchen spiegelt samt der Freiheit, sich aus dem Angebot ganz allein und unbeobachtet das Passende herauszusuchen, ohne befürchten zu müssen, wie im Internet dabei auf Schritt und Tritt registriert zu werden, dann ist er hier.

          Ihn auch jenseits der schicken Häuser in den Stadtzentren zu erhalten ist anstrengend und teuer. Aber der Preis, den wir zahlen müssten, wenn wir schließlich darauf verzichteten, wäre schwindelerregend. Der Begriff „Parallelgesellschaft“ jedenfalls bekäme dann eine ganz neue Dimension.

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