19.06.2010 · Die Täter, die an der Odenwaldschule Schüler sexuell missbrauchten, sollten sich nicht in Sicherheit wiegen. Bei der Staatsanwaltschaft Darmstadt sind noch vier Verfahren offen - darunter mindestens ein Fall, der nicht verjährt ist.
Von Melanie MühlDie Täter, die an der Odenwaldschule Schüler sexuell missbrauchten, sollten sich nicht in Sicherheit wiegen. Mag sein, dass die Staatsanwaltschaft Darmstadt zwölf Ermittlungsverfahren gegen ehemalige Lehrer wegen Verjährung eingestellt hat. Dass auch Gerold Becker, der die Schule einst leitete und der Hauptbeschuldigte ist, für keine seiner Taten jemals zur Rechenschaft gezogen werden wird. Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft ist ein formaler Akt gewesen, die Vergangenheit aber lässt sich nicht abheften und wegschließen wie ein unliebsames Schriftstück. Die Odenwaldschule muss die Aufdeckung jedes einzelnen Verbrechens vorantreiben, egal, ob dieses verjährt ist oder nicht.
Und auf einmal sieht es auch ganz danach aus, als würde bald ein Kopf rollen. In vier Verfahren ermittelt die Staatsanwaltschaft Darmstadt noch. Es handelt sich um Strafvereitelung, sexuellen Missbrauch, kinderpornographische Fotografien und Nötigung. Johannes von Dohnanyi, der Sprecher des neu gewählten Vorstands, sagt: „Es gibt mindestens einen Fall, der nicht verjährt ist.“ Er verspricht der Öffentlichkeit innerhalb der nächsten Wochen eine Überraschung. Es wäre ein enorm wichtiges Zeichen. Ein Zeichen für Menschen wie Gerhard Roese, der die Odenwaldschule von 1975 bis 1982 besuchte und von einem Lehrer jahrelang missbraucht wurde.
Ist ein Fall verjährt, interessiert weder die Sache, noch die Schuld
Von der Einstellung der Verfahren erfuhr Gerhard Roese aus der Zeitung, es ist keine Überraschung gewesen für ihn. Die Opfer, die Täter, die Schule, alle wussten, dass sich kein strafrechtliches Schlupfloch finden lassen würde, weshalb Gerhard Roese weder Wut noch Enttäuschung empfindet. Es gibt bestimmte Prüfvorgänge, nach denen die Staatsanwaltschaft Straftaten beurteilt, sind sie verjährt oder ist der Beschuldigte tot, wird die Akte geschlossen. Der Sachverhalt interessiert dabei nicht, genauso wenig die Frage der Schuld. Gerhard Roese hoffte von Anfang an nicht auf die rechtsstaatlichen Mittel, es geht ihm nicht in erster Linie um juristische Konsequenzen für die Täter, eine Gefängnisstrafe würde ihn nicht befriedigen. Gerhard Roese sagt: „Heilung, Frieden und ein Ende des Traumas kann es nur geben, wenn sich die Täter öffentlich bekennen, wenn sie sagen, ich habe dich ausgenutzt, ich habe dich missbraucht.“ Aber genau das tun sie nicht.
Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass die Einstellung der Ermittlungsverfahren nicht nur für die Beschuldigten, sondern auch für die Odenwaldschule eine gute Nachricht sei. Man könnte es als Signal begreifen, dass die Vergangenheit damit abgeschlossen sei und eine Zäsur stattgefunden habe, die den Weg für einen Neuanfang frei mache. Aber so ist es nicht. Dass die Verbrechen nicht aufgeklärt werden, heißt nicht, dass sie nicht begangen wurden.
Furcht vor dem Zorn der Opfer
Auch Björn Brandwein erfuhr von der Einstellung der Verfahren aus der Zeitung. Er ist Lehrer an der Odenwaldschule. In der Teekonferenz, zu der das Kollegium jeden Tag um 11.15 Uhr zusammenkommt, wurde darüber geschwiegen. Die Direktorin Margarita Kaufmann verlor in der Angelegenheit kein Wort. Björn Brandwein war enttäuscht, er hätte sich gewünscht, dass wenigstens einer nicht unbestraft davonkommt, stellvertretend für all die anderen Täter. Als Zeichen für die Opfer. Nur ein einziger: Brandwein wäre zufrieden gewesen. Er hat mit einigen Kollegen darüber gesprochen, man war sich in der Sache einig. Nicht, dass es Gerechtigkeit geben könnte, aber jetzt, sagt er, seien die Schuldigen fein raus. „Das schadet der Odenwaldschule.“
Nun fürchtet Björn Brandwein den Zorn der Opfer. Ihre Wut könnte sich jetzt auf die Institution richten, die im Juli ihr hundertjähriges Bestehen feiert. Die Opfer könnten Druck ausüben, sie könnten wieder unangenehme Fragen stellen, zum Beispiel nach jenen Lehrern, die bereits an der Schule unterrichteten, als der Missbrauch geschah. Danach, weshalb sie weggesehen haben, anstatt etwas zu unternehmen. Weshalb auch 1999, als die „Frankfurter Rundschau“ einen großen Artikel über den Missbrauchsskandal druckte, als sie Gerold Becker nannte und deutlich machte, dass es sich nicht um Einzelfälle handele, immer noch nichts geschah.
Man denkt über die Einrichtung eines Fonds nach
Brandwein fragt sich, ob mit der Feststellung der Unmöglichkeit strafrechtlicher Belangung der beschuldigten Lehrer auch ihr Hausverbot aufgehoben sei. Er möchte ihnen bei den Feierlichkeiten jedenfalls nur ungern begegnen.
Um die Missbrauchsopfer zu entschädigen, wird derzeit an der Odenwaldschule über die Einrichtung eines Fonds nachgedacht. Woher das Geld kommen soll, ist allerdings noch nicht ganz klar. Bei der Vorstellung, dass es am Ende vielleicht sogar die Opfer sein könnten, die den Spendentopf füllen, dreht sich Gerhard Roese der Magen um. Er sagt, er würde nur dann Geld annehmen, wenn es von den Tätern käme, wenn er bei jedem einzelnen Euro wüsste, wer ihn eingezahlt hätte.