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Obamas Politikstil Endlich ein Erwachsener

 ·  Nicht allein, dass ein Schwarzer amerikanischer Präsidentschaftskandidat werden konnte, ist eine Sensation, verblüffender ist die Tatsache, dass ein echter Erwachsener als Favorit ins Rennen geht. Andererseits: Obamas Politikstil wirkt neu, nutzt aber uralte Tricks.

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Seit über zwei Jahren begleitet uns der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf. Nahezu jeden Tag lesen wir von Spendenrekorden, Umfragen und diesen oder jenen kleinen Äußerungen. Der enge Fokus der aktuellen Berichterstattung führt dazu, dass sich die große historische Szene in einzelne Pixel auflöst: Am Ende eines Tages bleibt ein irrer Film aus Sarah-Palin-Sätzen, Grafiken und demoskopischen Fragmenten auf dem Inneren der Augenlider und ein fernes Summen in den Ohren, als erleide man einen politischen Schwindelanfall aus Überforderung.

Man merkt gar nicht, wie sehr schon dieser ewige, unermüdlich tobende Wahlkampf - der erste preisende Text zu Barack Obama erschien in diesem Feuilleton bereits am 4. Februar 2007 - uns schon jetzt verändert hat: Nicht allein, dass ein Schwarzer so weit kommen kann, ist eine Sensation, verblüffender ist heutzutage die Tatsache, dass ein Erwachsener zum Favoriten in so einem Rennen werden kann: Barack Obama sieht nicht aus wie ein frühvergreistes Kind, und er benimmt sich auch nicht so: keine Anfälle, keine Sucht nach irgendeinem Zeug, nach Kohle und berühmten Freunden, nicht dieses ewige Posieren, nicht diese Lügen.

Probleme mit der Rolle als Ehemann und Vater

Obama bricht damit mit einer Tradition, die schon Max Frischs „Homo Faber“ auf den Wecker ging: das Dauergegrinse und Babyhochhalten, die ganze Albernheit der Politik, wenn sie Spendengelder und Fernsehbilder braucht. Noch Bill Clinton hat im Wahlkampf sein Saxophon hervorgeholt und auf MTV eine Frage nach seiner bevorzugten Unterwäsche beantwortet. Und aus brenzligen Situationen, die es ja schon früh gab, hat er sich mit Lügen gerettet, wie es auch Kinder tun. Seine Unreife auch im Großvateralter war ein Grund, weshalb wichtige Spender sich von Hillary zurückzogen: Wer weiß, welche neuen Eskapaden des jetsettenden Expräsidenten die Gegenseite noch aufdecken könnte? Auch Obamas Rivale John Edwards, ein schon immer wie ein Teenager wirkender Mann, hatte keine Kontrolle über sein Liebesleben und log, dass sich die Balken bogen.

Nun hat auch Obama Probleme mit seiner Rolle als Ehemann und Vater. Insbesondere nach der Geburt des ersten Kindes erwies sich die Idee partnerschaftlicher Aufteilung der Aufgaben schnell als bloße Theorie, in der Praxis war es seine Frau, die ihre Karriere als Anwältin hintanstellte. Die Familie musste eine Tagesmutter einstellen und bezahlen, wodurch das Geld knapp wurde. Es gab Streit. Während er bei seiner Rückkehr von politischen Einsätzen zu Hause Zärtlichkeit und gute Laune erwartete, stand seine Frau mit langen Listen von im Haus zu erledigenden Aufgaben vor ihm. Als er als Senator Fortschritte mit einem Waffenkontrollgesetz machte, rief sie ihn im Kapitol an. Noch bevor er von seinem Erfolg berichten konnte, unterbrach ihn ihr Ruf: „Ameisen!“ Es seien Ameisen im Haus, sie müsse die Kinder zu einem Arzttermin fahren und habe keine Sekunde, sich darum zu kümmern. Könne er sich bitte darum kümmern? Seine Reaktion war, sich zu fragen, ob wohl seine Arbeitskollegen Ted Kennedy und John McCain auch auf dem Heimweg Ameisenfallen kaufen müssten?

John Kerrys fataler Fehler

Wir wissen das alles nicht von irgendwelchen bösen Klatschseiten oder redseligen Haushaltshilfen, sondern von Obama selbst. Er schrieb das in seinem zweiten Buch „Hoffnung wagen“: „Von allen Bereichen meines Lebens zweifle ich am meisten an meinen Fähigkeiten als Ehemann und Vater.“ Dabei ist gerade bei diesem Thema die Lüge, die Fassade, die Präsentation einer angeblich vom Publikum erwarteten Geschichte der Standard.

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