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Obama in Deutschland Der Scheinbesucher

05.06.2009 ·  Während man bei Georg W. Bush glaubte, ihn auch mental immer in seiner Ranch in Crawford, Texas, verorten zu können, scheint bei Obama alles aus einer Bewegung heraus zu entstehen, die keine Orte kennt, nur Stationen. Obama auf Blitzbesuch in Deutschland.

Von Marcus Jauer
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Es gibt in Michael Endes Geschichte von Jim Knopf und dem Lokomotivführer die Figur des Scheinriesen, der umso größer wirkt, je weiter man von ihm entfernt ist. Je näher man ihm aber kommt, umso kleiner wird er. Ungefähr so verhielt es sich mit dem Besuch des amerikanischen Präsidenten Barack Obama in Deutschland. Von den erhofften Stationen Dresden, Weimar und Buchenwald blieb, eingeklemmt zwischen Ägypten und Frankreich, nur eine ausgedehnte Zwischenlandung, die noch dazu kurz vorher nicht einmal mehr auf der Reiseliste auftauchte. Es lässt sich also von einer Art Scheinbesuch sprechen. Das gilt vor allem, wenn man diesen im Pressezentrum von Weimar beobachtet hat.

Das Pressezentrum wurde für alle Journalisten eingerichtet, die nicht vor Ort sein konnten, und das sind viele. Bei dem Vieraugengespräch, das Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Obama im Dresdner Schloss führt, konnten sie naturgemäß nicht dabei sein. Bei der anschließenden Pressekonferenz war wenig Platz, beim Besuch der Frauenkirche waren nur Fotografen zugelassen, und dass Obama und Merkel nicht vom Pressepulk verfolgt werden wollten, wenn sie das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald besichtigen, versteht sich von selbst. All das wurde nur auf eine Großbildwand ins Pressezentrum übertragen. Es war wie immer bei Visiten von Politikern, deren Sicherheitsstufe ausreicht, ganze Innenstädte stillzulegen. Man sieht umso mehr, je weiter man weg ist. Auch insofern ein Scheinbesuch.

Keine Orte, nur Stationen

Einfliegen, vorfahren, auftreten, abtreten, dazwischen Fotos oder Fragen. Am frühen Vormittag zeigt der Landesbischof in der wieder aufgebauten Frauenkirche hilflos an der Decke und dem Altar herum, als könne er die ebenso präsente wie flüchtige Aufmerksamkeit des Präsidenten binden. Daneben geht Merkel, die neben Obama immer irgendwie befangen wirkt, vielleicht weil sie weiß, dass sie neben ihm immer irgendwie befangen wirkt. Nach einer Viertelstunde verlässt Obama die Kirche. Er steigt schon ins Auto, da steht Merkel noch auf den Stufen. Allein läuft sie durch eine Altstadt zurück, die menschenleer ist, abgesperrt für ihn, der amerikanischen Journalisten da bereits Interviews gibt. „Ende des Besuchs in Dresden“ heißt es auf der Großbildwand im Pressezentrum. „Es folgt: Ankunft in Buchenwald ca. 14.15 Uhr (Live)“.

Während man bei Georg W. Bush glaubte, ihn auch mental immer in seiner Ranch in Crawford, Texas, verorten zu können, scheint bei Obama alles aus einer Bewegung heraus zu entstehen, die keine Orte kennt, nur Stationen. Er ist erst ein halbes Jahr im Amt und wirkt schon jetzt wie der natürliche Anwärter auf eine Weltpräsidentschaft, sollte sie dereinst eingerichtet werden. Geboren in Hawaii, aufgewachsen im muslimischen Indonesien, eine Großmutter in Kenia und einen Großonkel, der das Konzentrationslager Buchenwald mit befreite. Es ist, als könne er nach Belieben zu Themen und Ländern einen Bezug herstellen, allein, indem er aus seiner Lebensgeschichte schöpft. Da verrutscht selbst ihm schon mal der Zusammenhang.

Deutsches Grauen, deutsche Klassik

Dem Großonkel, den er als „Onkel Charlie“ bei einer Wahlkampfrede zum Memorial Day im vergangenen Jahr erwähnte, hatte er ursprünglich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz zugeschlagen. In diesem Fall hätte er Deutschland jetzt womöglich überhaupt nicht besucht. Als ihn konservative Kommentatoren jedoch darauf hinwiesen, dass der Großonkel dafür aber in der Roten Armee gedient haben muss, weil Auschwitz ja von den Russen und nicht den Amerikanern befreit wurde, korrigierte Obama den Ort auf Buchenwald, von dem es jetzt heißt, es sei die wichtigste Station seines Aufenthalts in Deutschland. Selbstverständlich ist auch Charles „Charlie“ Payne inzwischen von Journalisten aufgespürt worden, dreiundachtzigjährig, in Chicago. Er sagte, die Geschichte sei in der Familie wohl von Anfang an falsch erzählt worden und er habe später keine Lust gehabt, sie zu korrigieren. Er sei kein Held gewesen, sondern „einfach nur da“. Das Außenlager, in das er am 4. April 1945 mit der 89. Infanteriedivision kam, war das erste Lager, das Amerikaner befreiten. Die Fotos, die darin entstanden, haben vielen Amerikanern überhaupt erst ein Bild davon gegeben, mit welchem Gegner sie es in diesem Krieg zu tun hatten.

Es ist kurz vor drei Uhr, als der Hubschrauber von Obama auf dem Ettersberg landet. Für ihn ist es das erste Konzentrationslager, das er besucht. Für Merkel vermutlich das, was fast jeder Schüler in der DDR einmal gesehen hat. Am Stacheldraht legen sie weiße Rosen nieder, und dann laufen sie gemeinsam über den riesigen Appellplatz zum Krematorium. Vom Berg aus geht ihr Blick ins Tal, in dem Weimar liegt, deutsches Grauen, deutsche Klassik, ganz nah beieinander. Manchmal ist doch der Ort wichtig, an dem etwas geschehen ist.

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Jahrgang 1974, Redakteur für das Feuilleton in Berlin.

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