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NSA-Affäre : Plötzlich ist Amerika am Apparat

  • -Aktualisiert am

Egal, ob das Netz „gut“ oder „böse“ ist: Der reflektierte Umgang zählt Bild: dpa

Wie mich das amerikanische Außenministerium anrief, um wegen des Imageschadens durch die NSA-Affäre Stimmung für Amerika zu machen - und wie ich ablehnte.

          Die Anfrage kam über Twitter. Unerwartet. Als „Direkte Nachricht“ von einem bisher unauffälligen Follower. Laut seiner Kurzbiographie: ein Mitarbeiter des US State Department. Ob ich – Amerikaner mit einem in Deutschland bekannten Twitter-Account (@NeinQuarterly) – Lust hätte, in der amerikanischen Botschaft in Berlin aufzutreten, im Dienste der „Public Diplomacy“? Thema egal. „Ze Germans“, hieß es, „love you.“

          Obwohl nicht explizit gesagt, schien mir die Aufgabe klar: Ich solle mittels meines relativen Twitter-Ruhms einen kleinen Beitrag zur Imagepflege eines Landes leisten, das sich wegen Edward Snowdens NSA-Enthüllungen in Schadensbegrenzung üben müsse. Vor allem in Deutschland.

          Mal sachlich, mal absurd

          Komisch. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich auf meinem Twitter-Account Hunderte Witze über die NSA gemacht. Mal halbwegs amüsant, mal völlig misslungen. Mal kritisch, mal selbstkritisch. Mal sachlich, mal absurd:

          Vertrauen ist gut. Snowden ist besser
          Born in the NSA. Mad in Germany.

          Der Horchposten ist die Botschaft.
          When Europe talks, America listens.
          Sorry, Frau Merkel. Die Leitung ist besetzt.
          Schönes neues Jahr. Schöne Neue Welt.
          Amerika hört alles. Aber nicht auf.




          Standardprogramm, sozusagen. Aber vielleicht nicht ganz ohne eine gewisse kritische Schärfe. Einige dieser Witze kamen gut an, wurden gelesen und hundert- oder in einem Fall tausendfach von Twitter-Usern auf der ganzen Welt verbreitet. (Sogar – und darauf war ich, zugegeben, sehr stolz – von dem Journalisten und Snowden-Vertrauten Glenn Greenwald.)

          Ein höfliches amerikanisches Nein

          Nun saß ich im Bus in Philadelphia, das Smartphone in der Hand, und dachte über diese komische Einladung nach. Mein Gefühl: ein schleichendes Unbehagen. Wenn ich ganz ehrlich bin: Vielleicht auch etwas Angst? Ein Typ im State Department sitzt in seinem Büro in Washington D.C., liest meine Tweets und versucht, mich freundlich und betont ungezwungen für einen Vortrag in einer offiziellen Vertretung Amerikas im Ausland zu gewinnen? Patriotismus war nie meine Sache. Aber was glaubt der Typ von mir? Wie stellt er sich das vor? Kann ich? Muss ich?

          Meine Antwort: ein höfliches amerikanisches Nein („I’ll think about it“). Damit war das Kapitel für mich abgeschlossen. Aber in meiner Reaktion habe ich mich in etwas bestätigt gefühlt, was ich immer schon geahnt hatte. Was die NSA-Spähaffäre angeht, gibt es nichts zu lachen.

          Frust, Ärger und Abschied von einer Utopie

          Das Image Amerikas habe durch die NSA-Enthüllungen schwer gelitten, heißt es. Das ist an sich nichts Neues. Kommt immer wieder mal vor. Viel schlimmer aber: Das Internet selbst sei kaputt. So lautet zumindest die Befürchtung von Sascha Lobo, der in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung eine Debatte zur Bedeutung des Internets losgetreten hat. Es geht ihm meines Erachtens nicht darum, ob das Internet an sich jetzt „gut“ oder „böse“ sei; sondern um das Diesseits eines unreflektierten Umgangs mit dem Netz, um das Ende einer Phantasie uneingeschränkter demokratischer Partizipationsmöglichkeiten.

          Er spricht von Frust, von Ärger. Vom Abschied von einer Utopie. Das kann ich alles gut nachvollziehen, obwohl ich selbst nie derartige Hoffnungen gehegt habe. Für mich, wie vermutlich für viele andere Laien, hieß Internet immer bloß E-Mail, Video-on-Demand, Online-Banking oder, wie in meinem Fall, seit zwei Jahren Twitter. Digitaler Alltag halt. Aber gerade deshalb kann ich auch Lobos Kritik verstehen.

          Die Entmystifizierung des Internets

          Denn auch in meinem relativ begrenzten Umgang mit dem Universum Internet geht es viel um Vertrauen und dessen Verlust. Um die Erweiterung meiner Möglichkeiten und die Einführung neuer Zwänge und Verpflichtungen. Um die prinzipielle Erwartung eines gewissen Grades an Freiheit. Aber es geht auch zugleich um Macht, um menschliche Schwächen und Ängste und ja, im Lichte der NSA-Enthüllungen, eben auch um den Umgang mit Enttäuschungen.

          Komisches Wort: Enttäuschung. Eine Täuschung ist wortwörtlich weg, entzogen. Wir täuschen uns nicht mehr. Wir sollten uns eigentlich freuen, denkt sich der Nicht-Muttersprachler, wenn wir enttäuscht werden. Und vielleicht stimmt das ja auch.

          Angesichts der Causa Prima haben wir es aber eher mit einer Entmystifizierung des Internets zu tun als mit einer Täuschung im buchstäblichen Sinn. Dass das Netz nicht bloß unser Freund und Helfer ist, müssten wir doch immer schon gewusst haben. Aber wir haben uns trotzdem getäuscht. Alle. Wir wollten uns täuschen lassen. Insofern gebe ich Evgeny Morozov recht, wenn er das Internet eine „Ideologie“ nennt, aber sie wird vielleicht erst jetzt richtig sichtbar. Die Enttäuschung macht es möglich.

          Bleiben Sie bitte enttäuscht

          Dabei muss ich an eine unzeitgemäße Betrachtung von Karl Kraus, Inspiration meiner eigenen bescheidenen Online-Aphorismen, denken: „Das sind die wahren Wunder der Technik, dass sie das, wofür sie entschädigt, auch ehrlich kaputtmacht.“ Oder, vielleicht in dieser Hinsicht noch treffender und erschütternder: „Der Skandal fängt an, wenn die Polizei ihm ein Ende macht.“

          Also, was tun? Es ist schwach – aber da bin ich ganz ehrlich überfragt. Ich schreibe Witze im Internet und kenne meine Grenzen. Die Suche nach Antworten auf diese Frage ist bei Experten wie den Herren Lobo oder Morozov besser aufgehoben. Und auch sie können Debatten nur auslösen. Ob sie weitergetragen werden, liegt an uns.

          So viel aber erlaube ich mir: Ja, Sascha Lobo, das Internet ist, wenn man so will, kaputt. Genauso kaputt, wie unsere Demokratien es auch sind. Aber die Enttäuschung gibt uns möglicherweise Grund zu einer gewissen Hoffnung. Wenn sie bleibt. Und wächst.

          In diesem Sinne gebe ich das letzte Wort an einem anderen Nicht-Experten in Sachen Internet. „Das Furchtbare sind nicht die Widersprüche“, so Elias Canetti, „sondern ihre allmähliche Entkräftung.“ Bleiben Sie also dran, Herr Lobo. Bleiben Sie frustriert. Und um Gottes willen: Bleiben Sie bitte enttäuscht.

          Eric Jarosinski ist Assistenz-Professor für Germanistik an der University of Pennsylvania. Er betreibt den Twitter-Account @NeinQuarterly, „A Compendium of Utopian Negation“, und lebt in Philadelphia und New York.

          Quelle: F.A.Z.

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