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Veröffentlicht: 29.01.2013, 18:16 Uhr

NS-Forschung Wer war Adolf Hitler?

Vier zentrale Fragen zu dem Mann, der heute vor achtzig Jahren zum Kanzler ernannt wurde, sind noch unbeantwortet. Doch statt wirklicher Analyse blüht in Deutschland eine enervierende, obskurantistische Hitler-Folklore.

© Mary Evans Picture Library Der Führer als naturliebender Biedermann mit Schäferhund: Ein Standardmotiv der NS-Propaganda

Das deutsche Hitlerbild des Jahres 2013 erinnert an die ‚Where’s Waldo?‘-Kinderbücher des Briten Martin Handford. Ähnlich wie der mit einem rot-weißen Streifenpullover und einer Bommelmütze versehene Waldo auf jedem Bild halb versteckt zu finden ist, taucht Hitler in jedem in der Vergangenheit spielenden Film oder als Gesprächsstoff in Fernsehdiskussionen irgendwo und irgendwie am Rande auf. Was er da aber eigentlich soll, weiß man oft nicht so genau. Achtzig Jahre nach seiner Machtergreifung ist Hitler im Leben Deutschlands gleichermaßen omnipräsent und ominös. Hitler wird, vielleicht ungewollt, nicht mehr ernst genommen.

Dies war nicht immer so. In den Jahren nach Erscheinen der großen Hitler-Biographie Joachim Fests im Jahr 1973 wurde lebhaft darüber diskutiert, was Hitler ausmachte, auch wenn die meisten Fragen offenblieben. Erst seit den neunziger Jahren hat sich Hitler zu einem Nebendarsteller des öffentlichen Lebens entwickelt, ein Requisit, dessen Bedeutung unklar bleibt, und ein Erbstück, zu dem niemandem mehr etwas einfällt. Als historischer Akteur jedenfalls interessiert er uns nicht mehr, so reden wir nicht mehr über ihn. Wie eine von der Google-Suchmaschine durchgeführte Ngram-Analyse offenbart, wurde der Begriff „Hitler“ in der Dekade nach Erscheinen von Fests Biographie dreimal so häufig in deutschsprachigen Büchern gebraucht wie der Begriff „Nationalsozialismus“. Heute liegen die Begriffe gleichauf.

In der Historikerzunft nichts Neues

Verantwortlich dafür, dass wir Hitler schon einmal besser verstanden haben, als dies heute der Fall ist, sind nicht die „Was wir schon immer mal nicht über Hitler wissen wollten“-Geschichten, die zumeist über den Umweg der britischen Boulevardpresse zu uns kommen. Die Verantwortung liegt auch nicht bei den Sendungen der ZDF-History-Redaktion, denn Hitler wird dort ernst genommen.

Anders sieht es an vielen Historischen Seminaren deutscher Hochschulen aus. Die Gründe dafür liegen teils unmittelbar in der Hitler-Forschung, teils in den methodischen Ansätzen moderner Historiographie - aber es gibt auch tiefere Gründe, die an die Struktur deutscher Universitäten rühren. An Historischen Seminaren wird zwar in der Regel solide, gut und fleißig zum Nationalsozialismus publiziert. Aber zu selten kommt etwas wirklich Neues heraus. Noch seltener geht es um Hitler. Fast alle neuen Forschungsergebnisse zu Hitler der letzten zwanzig Jahre stammen entweder von Nichtwissenschaftlern oder aus dem Ausland. Dies hat nur zu einem Teil damit zu tun, dass sich die Historikerzunft seit langem von der Idee, Geschichte werde von „großen Männern“ gemacht, verabschiedet hat. Mit Sicherheit liegt es auch nicht an mangelndem Talent unter den an Historischen Seminaren tätigen Historikern.

NS-Forschung gefährdet die Karriere

Wichtiger sind strukturelle Gründe des deutschen Wissenschaftsbetriebs. In dem Moment, in dem Historiker Lehrstühle erklimmen, werden sie zu Wissenschaftsmanagern und haben nur sehr selten noch Gelegenheit, Archive zu besuchen und selbst zu forschen. Studenten, Doktoranden, Habilitanden und Privatdozenten hingegen gehen durch die hierarchische und langwierige Karrierestruktur deutscher Hochschulen ein großes Risiko ein, wenn sie den Status quo in einem so sensiblen Feld wie dem der NS-Forschung zu sehr in Frage stellen. Das Risiko ist insofern unüberschaubar, als es nicht reicht, einen Betreuer zu haben, der zu Widerspruch ermutigt: Die spätere Vergabe von Stellen erfolgt nach einem Verfahren, das auf dem Wohlwollen der gesamten Zunft basiert.

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