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NS-Aufarbeitung : Sollen greise Tatverdächtige noch vor Gericht?

  • -Aktualisiert am

John Demjanjuk vor Gericht: Die Frage, ob man einen alten und gebrechlichen Menschen noch strafrechtlich belangen könne, verdrängte die Aufarbeitung der Verbrechen in Sobibor Bild: dpa

Zur Aufklärung von NS-Verbrechen brauchen wir Wahrheitskommissionen und keine alten Männer, die doch nur schweigen. Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht auf ihre Taten, sondern auf ihren Zustand.

          Als Adolf Eichmann am zwanzigsten Jahrestag der Wannsee-Konferenz im Januar 1962 auf seine Hinrichtung in einer Todeszelle in Israel wartete, hatte das Zusammenspiel von NS-Jägern, israelischem Geheimdienst und Justiz es geschafft, einen der letzten Haupttäter des Holocaust zur Strecke zu bringen. Heute, kurz nach dem siebzigsten Jahrestag der Konferenz, auf der die industrialisierte Durchführung des Völkermordes an den Juden geplant wurde, sind alle Teilnehmer des Treffens am Wannsee lange tot. Dennoch läuft auch ein halbes Jahrhundert nach der Hinrichtung Eichmanns die juristische Aufarbeitung der Schoa und anderer nationalsozialistischer Verbrechen auf Hochtouren.

          Erst vor einigen Monaten verurteilte ein Münchner Gericht John Demjanjuk für seine Handlungen als Wachmann im Todeslager Sobibor zu fünf Jahren Haft. Sowohl deutsche als auch polnische Justizbehörden planen derzeit, möglichst viele der noch lebenden Täter von NS-Verbrechen hinter Gitter zu bringen. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete, tauchte beispielsweise kürzlich der Dortmunder Staatsanwalt Andreas Brendel mit einem Durchsuchungsbefehl vor dem Haus von Willi B. in der brandenburgischen Provinz auf. Dem heute Sechsundachtzigjährigen wird vorgeworfen, als damals achtzehnjähriger Angehöriger der Waffen-SS an der Ermordung von 642 Menschen beteiligt gewesen zu sein, als die 3. Kompanie des SS-Panzergrenadierregiments „Der Führer“ die ganze Bevölkerung des zentralfranzösischen Dorfes Oradour-sur-Glane auslöschte.

          Natürlich gebietet das Andenken an die Opfer von Oradour-sur-Glane, Sobibor und all den anderen bekannten und unbekannten Orten, dass die an ihnen begangenen Verbrechen aufgearbeitet werden. Auch ich würde meiner Tochter, wenn sie alt genug ist, dies zu verstehen, gern erklären können, wem sie dafür zu danken hat, dass ein Teil ihrer Vorfahren in Massengräbern im Süden Polens verscharrt ist. Aber taugen die konventionellen Werkzeuge der Justiz siebzig Jahre nach dem Beginn des Holocaust überhaupt noch dazu, diese Art der Vergangenheitsaufarbeitung zu bewerkstelligen?

          Strafrechtliche Mittel erreichen keine Aufklärung mehr

          Diese Frage gilt es zu bejahen, wenn es bei weiteren Strafverfolgungen von greisen Tätern des Holocaust und anderer NS-Verbrechen darum geht, ein Zeichen zu setzen, dass Mord auch nach vielen Jahrzehnten im Angesicht des nahenden Todes von Tätern nicht verjährt.

          Wie jedoch viele Opfergruppen und Interessensvertreter während des Verfahrens gegen John Demjanjuk erklärt haben, geht es ihnen um etwas anderes: nämlich zum einen darum, die Erinnerung an den Holocaust aufrechtzuerhalten; und zum anderen vergleichsweise weniger bekannte NS-Verbrechen, wie zum Beispiel die Greuel Oradours oder des Todeslagers in Sobibor, aufzuarbeiten. Solange NS-Täter noch nicht zu Greisen geworden waren, ließ sich das Ziel der Aufarbeitung unbekannter Kapitel des nationalsozialistischen Schreckens und der Förderung des Gedenkens an die Opfer mit der juristischen Verfolgung von NS-Verbrechen gut vereinbaren. Die Fälle von John Demjanjuk und Willi B. zeigen jedoch, dass sich das Ziel der Aufarbeitung wenig bekannter NS-Verbrechen und des Bewahrens des Andenkens an die Schoa mit den Mitteln des Strafrechts kaum noch erreichen lässt. Nicht die Verbrechen von Hitlers Schergen in Sobibor standen im Fokus der Berichterstattung, sondern der Gesundheits- und Geisteszustand Demjanjuks sowie die Frage, ob man alte und gebrechliche Menschen noch vor Gericht stellen soll.

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