Die Vision einer unberührten Wildnis prägt bis heute unser Verständnis der Natur - und des Naturschutzes, der darauf gerichtet ist, sie zu bewahren. Doch wir sollten aufhören, uns etwas vorzumachen, so die „Nature“-Journalistin Emma Marris, unberührte Natur gibt es nicht mehr. Ohne es zu wollen und vor allem ohne zu übersehen, was das bedeutet, sind wir längst zu Gärtnern der ganzen Welt geworden - wie sie in ihrem Buch „Rambunctious Garden. Saving Nature in a Post-Wild World“ (New York 2012) darlegt.
Die Vision der unberührten Natur gegen die vom Weltgarten zu ersetzen bedeutet freilich nicht weniger, als die Idee von etwas Übermächtigem, vor dem wir Ehrfurcht empfinden können und das vor allem ohne uns zurechtkommt, gegen einen gigantischen Managementauftrag einzutauschen. Und es bedeutet, die Frage neu zu beantworten, was wir denn mit dem Naturschutz eigentlich schützen wollen.
Mehr Küken durch neue Nester
Bewahrender Naturschutz, wie er in den großen Parks von Yosemite oder Yellowstone praktiziert wird, beruht letztlich auf unserem schlechten Gewissen, meint Marris. Wir gehen davon aus, dass der Mensch, wo immer er auftaucht, ein bestehendes Gleichgewicht stört und Schaden anrichtet. Bewahrender Naturschutz funktioniere deshalb nach dem Motto: Menschen raus, Zaun drum. Ein fundamentales Missverständnis, meint Marris, denn zum einen befinden sich Ökosysteme auch ohne menschliche Eingriffe nie in einem stabilen Idealzustand. Und zum anderen muss der Mensch es nicht notwendigerweise schlimmer machen.
Der Galapagos-Pinguin etwa ist in Gefahr, weil eingeschleppte Ratten seine Küken fressen. Doch statt sich nach alter Wiederherstellungsmanier dem mehr oder weniger hoffnungslosen Unternehmen zu widmen, die Ratten auszurotten, bohren Forscher den Pinguinen neue Nisthöhlen in die Felsen - und hoffen, dass mehr Küken überleben, wenn erst mehr ausgebrütet werden. Das stellt keinen ursprünglichen Zustand wieder her, es schafft - hoffentlich - einen besseren.
Das große Gärtnern - umstritten
Tatsächlich ist die Weltgärtnerei bereits in vollem Gange - und nicht erst seit gestern. „Assisted Migration“ heißt das Unternehmen, hitzeempfindliche Arten vorsorglich in andere Ökosysteme zu versetzen, damit sie im Zuge des Klimawandels eine bessere Überlebenschance haben. Ein boomender Wirtschaftszweig ist auch das „Ecological Engineering“: Ökosysteme werden am Reißbrett entworfen und unter Einsatz von schwerem Gerät realisiert. Alte Schiffe werden versenkt, um Korallen einen Platz zum Wachsen zu geben, Sümpfe werden angelegt, um Wasser von Schwermetallen zu reinigen. Im niederländischen Oostvaardersplassen, der südlichsten Spitze des trockengelegten Teils des Ijsselmeers, entstand ein menschengemachtes „Wildnisentwicklungsgebiet“, das heute zu den wichtigsten Feuchtgebieten Europas zählt. Wir müssen ehrlich sein mit Kosten und Absichten und ansonsten ausprobieren, was Erfolg verspricht, meint Emma Marris, Gärtnern ist immer ein Experiment.
Unter Naturschützern ist das große Gärtnern umstritten. Die längste Zeit haben sie sich damit befasst, die sensiblen Beziehungen zwischen den Bestandteilen der Ökosysteme zu verstehen, sie vor Störungen zu schützen und Eindringlinge zu bekämpfen. Jetzt aber scheint alles erlaubt. Er habe Anfragen von Naturschützern bekommen, ob er aufgegeben habe und auf die dunkle Seite gewechselt sei, berichtet Eric S. Higgs, Professor für Umweltforschung an der kanadischen University of Victoria. Er arbeitet an neuen Leitlinien für den Naturschutz im Zeitalter des Anthropozän. „Novel“, neuartig, nennt er Ökosysteme, die sich in Genomen, Populationen und unbelebten Faktoren von den historisch vorherrschenden Ökosystemen unterscheiden und sich durch menschliche Einflüsse, die viel länger zurückreichen können als in die letzten Dekaden, rasant verändern.
Unberührte Natur als Illusion
Neuartige Ökosysteme anzuerkennen, statt mit allen Mitteln fiktive Idealzustände wiederherstellen zu wollen, steht im Mittelpunkt des neuen Ansatzes. Das bedeute nun aber weder, invasive Spezies ungestört machen zu lassen, noch, alle Ziele bisheriger Umweltschutzbemühungen aufzugeben und sich mit dem zufriedenzugeben, was da ist, versichert Higgs. Es bedeute aber, die veränderten Bedingungen für den Naturschutz in einer immer stärker vom Menschen geprägten Welt anzuerkennen.
Wie das aussehen könnte, formulierte der Züricher Umweltwissenschaftler Christoph Kueffer bei einer Tagung am Bielefelder Zentrum für interdisziplinäre Forschung: Auch wenn die unberührte Natur eine Illusion geworden sei, könne die historische Natur noch immer eine wertvolle Orientierungsmarke sein, um neu auftretende Prozesse zu erkennen und zu verstehen. Letzte Grenzen dessen, was ein Ökosystem ertragen kann, müssten formuliert und dürften nicht überschritten werden. Erhaltungsbemühungen sollten sich an der Resilienz eines Systems orientieren, daran, wie seine Fähigkeit, mit aktuellen und zukünftigen Veränderungen und Störungen zurechtzukommen, am besten erhalten werden kann. Und das Management eines Ökosystems sollte von den Werten bestimmt werden, die es für die Betroffenen hat: die materiellen Werte genutzter Rohstoffe, Leistungen wie das Filtern des Wassers, das Festhalten des Bodens, das Bestäuben der Obstbäume, aber auch die kulturellen oder religiösen Werte, die ein Ökosystem für eine Gesellschaft oder Gruppe haben mag.
Im Namen der Kreativität
Was heißt das in der Praxis? Kueffer ist Spezialist für die Ökologie von Inseln. Inseln reagieren wegen ihrer räumlichen Begrenzung besonders empfindlich auf Veränderungen. Doch der Anfang des neunzehnten Jahrhunderts auf den Seychellen eingeführte Zimtbaum müsse in der Perspektive der Novel Ecosystems nicht völlig von den Inseln verschwinden, erklärt Kueffer. Ein genauerer Blick zeige vielmehr, dass die Pflanze für die Erhaltung der Biodiversität in den mittelhochgelegenen Wäldern durchaus nützlich sei, in den Hochgebirgszonen hingegen Schaden anrichte. Idealerweise müssten also neue Ökosysteme als Pufferzonen zwischen diesen Regionen geschaffen werden, um zu verhindern, dass sich der Zimtbaum in die höheren Regionen ausbreitet. Diese sollten aus einheimischen Pflanzen zusammengesetzt und nach Möglichkeit auch wirtschaftlich genutzt werden können.
Doch auch diese gemäßigte Form des Weltgärtnerns, die sich als Ergänzung, nicht als Ersatz des bewahrenden Naturschutzes versteht, ist nicht unproblematisch. Sie könnte benutzt werden, um unbegrenzte Interventionen im Namen der menschlichen Kreativität zu rechtfertigen, fürchtet Higgs. Versuche, die Funktionen eines Ökosystems aufrechtzuerhalten, könnten zudem mit dem traditionellen Ansatz kollidieren, eine bestimmte Zusammensetzung von Arten zu bewahren. Und schließlich könnten die Menschen die neuartigen Ökosysteme ablehnen, weil sie ihren Gewohnheiten oder ästhetischen Werten nicht entsprechen oder weil eine Natur von des Menschen Gnaden einfach nicht dasselbe ist wie eine unberührte Wildnis. Vor allem aber könnte sich das Unternehmen Weltgärtner als Hybris erweisen, impliziert es doch, dass die Menschen irgendwie besser wissen, wie die Natur zu sein hat, als sie selbst. Zumal die meisten neuartigen Ökosysteme sich nicht bewusster Planung verdanken, sondern als Nebenprodukte menschlicher Aktivitäten entstanden sind.
Alt und Neu nebeneinander
Die Oostvaardersplassen sind dafür ein gutes Lehrstück: Als das offene Feuchtgebiet zu verbuschen drohte, wurden verschiedene große Pflanzenfresser eingeführt: Konik-Pferde, Heck-Rinder und Rothirsche. Doch sie haben keine natürlichen Feinde, die den Bestand dezimieren würden. Das niederländische Parlament musste sich schon mit Beschwerden darüber befassen, dass im Winter Tiere verhungern. Soll man nun Wölfe einführen? Tiere abschießen? Oder im Winter zufüttern?
Hybris oder nicht, wir haben keine andere Wahl, meint Marris. Wir haben die Natur für immer verändert, jetzt können wir sie nicht einem ungewissen Schicksal überlassen. Konservierender Naturschutz ist nicht das falsche Modell, aber es ist nur ein Teil eines viel größeren Unternehmens. Menschenleere Schutzgebiete und unterschiedlich stark bewirtschaftete alte und neuartige Ökosysteme müssten nebeneinander bestehen, um den unterschiedlichen Interessen gerecht zu werden und die Mechanismen der Evolution am Laufen zu halten. Weltgärtnern ist Pflicht.
Ist das in Deutschland nicht schon seit Generationen Realität?
Karl Hammer (cromagnon)
- 03.02.2013, 04:20 Uhr