http://www.faz.net/-gqz-766vl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 31.01.2013, 16:30 Uhr

Novel Ecology Die Vorzüge künstlicher Feuchtgebiete

Wir haben als Weltgärtner die Natur für immer verändert: Die Bewegung der Novel Ecology plädiert daher für den Abschied vom rein konservierenden Naturschutz

von Manuela Lenzen
© Bildagentur Huber Heute legt man Sümpfe an, um Wasser von Schwermetallen zu reinigen. Die Moore der bayerischen Osterseen sind noch auf natürlichem Weg entstanden - lange bevor es Wildnisentwicklungsgebiete gab. Im Hintergrund das Karwendel.

Die Vision einer unberührten Wildnis prägt bis heute unser Verständnis der Natur - und des Naturschutzes, der darauf gerichtet ist, sie zu bewahren. Doch wir sollten aufhören, uns etwas vorzumachen, so die „Nature“-Journalistin Emma Marris, unberührte Natur gibt es nicht mehr. Ohne es zu wollen und vor allem ohne zu übersehen, was das bedeutet, sind wir längst zu Gärtnern der ganzen Welt geworden - wie sie in ihrem Buch „Rambunctious Garden. Saving Nature in a Post-Wild World“ (New York 2012) darlegt.

Die Vision der unberührten Natur gegen die vom Weltgarten zu ersetzen bedeutet freilich nicht weniger, als die Idee von etwas Übermächtigem, vor dem wir Ehrfurcht empfinden können und das vor allem ohne uns zurechtkommt, gegen einen gigantischen Managementauftrag einzutauschen. Und es bedeutet, die Frage neu zu beantworten, was wir denn mit dem Naturschutz eigentlich schützen wollen.

Mehr Küken durch neue Nester

Bewahrender Naturschutz, wie er in den großen Parks von Yosemite oder Yellowstone praktiziert wird, beruht letztlich auf unserem schlechten Gewissen, meint Marris. Wir gehen davon aus, dass der Mensch, wo immer er auftaucht, ein bestehendes Gleichgewicht stört und Schaden anrichtet. Bewahrender Naturschutz funktioniere deshalb nach dem Motto: Menschen raus, Zaun drum. Ein fundamentales Missverständnis, meint Marris, denn zum einen befinden sich Ökosysteme auch ohne menschliche Eingriffe nie in einem stabilen Idealzustand. Und zum anderen muss der Mensch es nicht notwendigerweise schlimmer machen.

Der Galapagos-Pinguin etwa ist in Gefahr, weil eingeschleppte Ratten seine Küken fressen. Doch statt sich nach alter Wiederherstellungsmanier dem mehr oder weniger hoffnungslosen Unternehmen zu widmen, die Ratten auszurotten, bohren Forscher den Pinguinen neue Nisthöhlen in die Felsen - und hoffen, dass mehr Küken überleben, wenn erst mehr ausgebrütet werden. Das stellt keinen ursprünglichen Zustand wieder her, es schafft - hoffentlich - einen besseren.

Das große Gärtnern - umstritten

Tatsächlich ist die Weltgärtnerei bereits in vollem Gange - und nicht erst seit gestern. „Assisted Migration“ heißt das Unternehmen, hitzeempfindliche Arten vorsorglich in andere Ökosysteme zu versetzen, damit sie im Zuge des Klimawandels eine bessere Überlebenschance haben. Ein boomender Wirtschaftszweig ist auch das „Ecological Engineering“: Ökosysteme werden am Reißbrett entworfen und unter Einsatz von schwerem Gerät realisiert. Alte Schiffe werden versenkt, um Korallen einen Platz zum Wachsen zu geben, Sümpfe werden angelegt, um Wasser von Schwermetallen zu reinigen. Im niederländischen Oostvaardersplassen, der südlichsten Spitze des trockengelegten Teils des Ijsselmeers, entstand ein menschengemachtes „Wildnisentwicklungsgebiet“, das heute zu den wichtigsten Feuchtgebieten Europas zählt. Wir müssen ehrlich sein mit Kosten und Absichten und ansonsten ausprobieren, was Erfolg verspricht, meint Emma Marris, Gärtnern ist immer ein Experiment.

Mehr zum Thema

Unter Naturschützern ist das große Gärtnern umstritten. Die längste Zeit haben sie sich damit befasst, die sensiblen Beziehungen zwischen den Bestandteilen der Ökosysteme zu verstehen, sie vor Störungen zu schützen und Eindringlinge zu bekämpfen. Jetzt aber scheint alles erlaubt. Er habe Anfragen von Naturschützern bekommen, ob er aufgegeben habe und auf die dunkle Seite gewechselt sei, berichtet Eric S. Higgs, Professor für Umweltforschung an der kanadischen University of Victoria. Er arbeitet an neuen Leitlinien für den Naturschutz im Zeitalter des Anthropozän. „Novel“, neuartig, nennt er Ökosysteme, die sich in Genomen, Populationen und unbelebten Faktoren von den historisch vorherrschenden Ökosystemen unterscheiden und sich durch menschliche Einflüsse, die viel länger zurückreichen können als in die letzten Dekaden, rasant verändern.

Unberührte Natur als Illusion

Neuartige Ökosysteme anzuerkennen, statt mit allen Mitteln fiktive Idealzustände wiederherstellen zu wollen, steht im Mittelpunkt des neuen Ansatzes. Das bedeute nun aber weder, invasive Spezies ungestört machen zu lassen, noch, alle Ziele bisheriger Umweltschutzbemühungen aufzugeben und sich mit dem zufriedenzugeben, was da ist, versichert Higgs. Es bedeute aber, die veränderten Bedingungen für den Naturschutz in einer immer stärker vom Menschen geprägten Welt anzuerkennen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ausnahmezustand in der Türkei Steinmeier ruft Erdogan zu Verhältnismäßigkeit auf

Seit der Nacht auf Donnerstag gilt in der Türkei der Ausnahmezustand. Außenminister Steinmeier und der österreichische Außenminister Kurz zeigen sich besorgt, führende türkische Politiker spielen die Entscheidung hingegen herunter. Mehr

21.07.2016, 05:50 Uhr | Politik
Projekt in Albanien Staudamm gefährdet einzigartige Flusslandschaft

Der Fluss Vjosa durchquert Albanien auf dem Weg von seiner Quelle in Griechenland bis zur Mündung in die Adria. Das glasklare Gewässer gehört zu den letzten unberührten Wasserläufen Europas, doch die Regierung in Tirana plant einen Staudamm, um den wachsenden Energiehunger des Landes zu stillen. Die Menschen in dem Dorf Kut sehen dadurch die Grundlage ihrer Existenz gefährdet. Mehr

21.07.2016, 02:00 Uhr | Wirtschaft
Hand aufs Herz Warum manche Muslime den Handschlag verweigern

Ist es in Ordnung, wenn ein Mann einer Frau aus religiösen Gründen nicht die Hand gibt? Und was sagt der Islam überhaupt zum Thema Händeschütteln? Stimmen von Muslimen. Mehr Von Leonie Feuerbach

21.07.2016, 15:45 Uhr | Gesellschaft
Zoo von Chester Tapirnachwuchs in England

Der Zoo von Chester im Norden Englands hat einen neuen Bewohner. Das männliche Tapirbaby wird durch sein Erbgut einen wichtigen Beitrag zum genetischen Pool der seltenen Tiere leisten. Ein europäisches Zuchtprogramm hat zum Ziel, die Tiere vor dem Aussterben zu bewahren. In ihrem natürlichen Lebensraum in Südostasien existieren nach Schätzungen nur noch rund 25.000 Exemplare. Mehr

25.07.2016, 10:13 Uhr | Gesellschaft
Nach Putschversuch Türkei setzt Europäische Konvention für Menschenrechte aus

Kriege und Notstand erlauben Staaten, die Europäische Menschenrechtskonvention auszusetzen. Ankara vollzieht diesen Schritt gerade – und verkündet gleichzeitig ein ehrgeiziges Ziel. Mehr

21.07.2016, 18:09 Uhr | Politik
Glosse

Der Schlaf der Gehetzten

Von Thomas Thiel

Schon Heidegger schlief schlecht und brütete dabei abstruse Gedanken aus. Das könnte auch dem Silicon Valley zum Verhängnis werden. Mehr 4

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“