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Veröffentlicht: 31.01.2013, 16:30 Uhr

Novel Ecology Die Vorzüge künstlicher Feuchtgebiete

Wir haben als Weltgärtner die Natur für immer verändert: Die Bewegung der Novel Ecology plädiert daher für den Abschied vom rein konservierenden Naturschutz

von Manuela Lenzen
© Bildagentur Huber Heute legt man Sümpfe an, um Wasser von Schwermetallen zu reinigen. Die Moore der bayerischen Osterseen sind noch auf natürlichem Weg entstanden - lange bevor es Wildnisentwicklungsgebiete gab. Im Hintergrund das Karwendel.

Die Vision einer unberührten Wildnis prägt bis heute unser Verständnis der Natur - und des Naturschutzes, der darauf gerichtet ist, sie zu bewahren. Doch wir sollten aufhören, uns etwas vorzumachen, so die „Nature“-Journalistin Emma Marris, unberührte Natur gibt es nicht mehr. Ohne es zu wollen und vor allem ohne zu übersehen, was das bedeutet, sind wir längst zu Gärtnern der ganzen Welt geworden - wie sie in ihrem Buch „Rambunctious Garden. Saving Nature in a Post-Wild World“ (New York 2012) darlegt.

Die Vision der unberührten Natur gegen die vom Weltgarten zu ersetzen bedeutet freilich nicht weniger, als die Idee von etwas Übermächtigem, vor dem wir Ehrfurcht empfinden können und das vor allem ohne uns zurechtkommt, gegen einen gigantischen Managementauftrag einzutauschen. Und es bedeutet, die Frage neu zu beantworten, was wir denn mit dem Naturschutz eigentlich schützen wollen.

Mehr Küken durch neue Nester

Bewahrender Naturschutz, wie er in den großen Parks von Yosemite oder Yellowstone praktiziert wird, beruht letztlich auf unserem schlechten Gewissen, meint Marris. Wir gehen davon aus, dass der Mensch, wo immer er auftaucht, ein bestehendes Gleichgewicht stört und Schaden anrichtet. Bewahrender Naturschutz funktioniere deshalb nach dem Motto: Menschen raus, Zaun drum. Ein fundamentales Missverständnis, meint Marris, denn zum einen befinden sich Ökosysteme auch ohne menschliche Eingriffe nie in einem stabilen Idealzustand. Und zum anderen muss der Mensch es nicht notwendigerweise schlimmer machen.

Der Galapagos-Pinguin etwa ist in Gefahr, weil eingeschleppte Ratten seine Küken fressen. Doch statt sich nach alter Wiederherstellungsmanier dem mehr oder weniger hoffnungslosen Unternehmen zu widmen, die Ratten auszurotten, bohren Forscher den Pinguinen neue Nisthöhlen in die Felsen - und hoffen, dass mehr Küken überleben, wenn erst mehr ausgebrütet werden. Das stellt keinen ursprünglichen Zustand wieder her, es schafft - hoffentlich - einen besseren.

Das große Gärtnern - umstritten

Tatsächlich ist die Weltgärtnerei bereits in vollem Gange - und nicht erst seit gestern. „Assisted Migration“ heißt das Unternehmen, hitzeempfindliche Arten vorsorglich in andere Ökosysteme zu versetzen, damit sie im Zuge des Klimawandels eine bessere Überlebenschance haben. Ein boomender Wirtschaftszweig ist auch das „Ecological Engineering“: Ökosysteme werden am Reißbrett entworfen und unter Einsatz von schwerem Gerät realisiert. Alte Schiffe werden versenkt, um Korallen einen Platz zum Wachsen zu geben, Sümpfe werden angelegt, um Wasser von Schwermetallen zu reinigen. Im niederländischen Oostvaardersplassen, der südlichsten Spitze des trockengelegten Teils des Ijsselmeers, entstand ein menschengemachtes „Wildnisentwicklungsgebiet“, das heute zu den wichtigsten Feuchtgebieten Europas zählt. Wir müssen ehrlich sein mit Kosten und Absichten und ansonsten ausprobieren, was Erfolg verspricht, meint Emma Marris, Gärtnern ist immer ein Experiment.

Mehr zum Thema

Unter Naturschützern ist das große Gärtnern umstritten. Die längste Zeit haben sie sich damit befasst, die sensiblen Beziehungen zwischen den Bestandteilen der Ökosysteme zu verstehen, sie vor Störungen zu schützen und Eindringlinge zu bekämpfen. Jetzt aber scheint alles erlaubt. Er habe Anfragen von Naturschützern bekommen, ob er aufgegeben habe und auf die dunkle Seite gewechselt sei, berichtet Eric S. Higgs, Professor für Umweltforschung an der kanadischen University of Victoria. Er arbeitet an neuen Leitlinien für den Naturschutz im Zeitalter des Anthropozän. „Novel“, neuartig, nennt er Ökosysteme, die sich in Genomen, Populationen und unbelebten Faktoren von den historisch vorherrschenden Ökosystemen unterscheiden und sich durch menschliche Einflüsse, die viel länger zurückreichen können als in die letzten Dekaden, rasant verändern.

Unberührte Natur als Illusion

Neuartige Ökosysteme anzuerkennen, statt mit allen Mitteln fiktive Idealzustände wiederherstellen zu wollen, steht im Mittelpunkt des neuen Ansatzes. Das bedeute nun aber weder, invasive Spezies ungestört machen zu lassen, noch, alle Ziele bisheriger Umweltschutzbemühungen aufzugeben und sich mit dem zufriedenzugeben, was da ist, versichert Higgs. Es bedeute aber, die veränderten Bedingungen für den Naturschutz in einer immer stärker vom Menschen geprägten Welt anzuerkennen.

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